Kannibalen!

Von  //  1. Januar 2011  //   //  Keine Kommentare

Ein Buch über den von mir heiß geliebten italienischen Kannibalenfilm. Ein abseitiges Genre, klein und überschaubar, den Splatter-Nerds dieser Welt so ziemlich lückenlos erschlossen und selbst als großzügig aufgebauschter Kanon nicht mehr als knappe dreißig Filme umfassend. Eine dankbare Aufagabe, über dieses viel hergebende Thema das erste deutsche Buch zu verfassen.

Im verachtenswerten MPW Verlag erschienen, hätte ich aber eigentlich vorher schon wissen müssen, das das nix werden kann und sich der Kauf über Ebay nicht lohnen würde. Selber schuld also, denn das 255 Seiten starke Machwerk entpuppte sich schnell als eben jener künstlich aufgeblasene Schund ohne jeden Nährwert für denjenigen, der a) schon halbwegs vetraut ist mit dem Kannibalenfilm oder b) einfach eine fundiert geschriebene Einführung haben möchte. Kein Wunder, das niemand so recht damit in Verbindung gebracht werden will – Autor: Aron Boone, is‘ klar. In die Welt geschissene Veröffentlichungen wie diese tragen nur dazu bei, Jünger des italienischen Exploitation-Films weiter als anspruchslose, allesfressende Gorebauern zu diskreditieren.

Die Besprechungen der sechzehn vorgestellten Filme bestehen grundsätzlich mindestens zur Hälfte aus überlangen Inhaltsangaben – nein, das sind schon richtige Nacherzählungen, die kein noch so langweiliges Detail auslassen -, einigen allgemeinen Phrasen, die jedem Internet-Forum entnommen sein könnten und einige dürftig (wahrscheinlich über die imdb) recherchierte Fakten über Cast & Crew. Gleiches gilt für die grausig oberflächlichen Regisseurs-Porträts, die immerhin als einzigen Höhepunkt dieses Werkes ein interessantes Interview mit Ruggero Deodato beinhalten. Überflüssige Schnittberichte (wer braucht die in Zeiten von Online-Datenbanken noch?) und ein peinlich unbedarfter pseudo-anthropologischer Abschnitt über reale Kannibalenstämme dienen als Füllmaterial.

Bleibt zu sagen, das das Buch vor Grammatik- und Tipp-Fehlern nur so strotzt. Unmöglich, das hier nach dem Schreiben überhaupt mal wer drüber gelesen hat, Jules Verne wird schonmal mit HG Wells verwechselt und über Laura Gemser stehen auch haarsträubend falsche biografische Angaben drin. Aber wer außer mir ist schon so blöd, diesen Abfall noch käuflich zu erwerben?

Zum Buch gibt’s übrigens eine antiquierte VHS, auf der sich zumeist blutige Sequenzen aus den vorgestellten Filmen finden. Ca. 30 Minuten lang. Eigentlich eine nette Dreingabe, wenn nicht damals schon arg überteuert und noch dazu großspurig als „Dokumentation“ ausgegeben. Andreas Bethman steht immerhin dazu, hier als „Regisseur“ (sic!!!)tätig gewesen zu sein.

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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