Delirious

Von  //  3. Februar 2011  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

In seiner sechsten Regie-Arbeit „Delirious“ nimmt Tom DiCillo das Paparazzi-Milieu unter die Lupe und bringt erneut eine wunderschön melancholische Geschichte auf die Leinwand. Dem schmierigen Ruf dieser besonderen Berufsgruppe haftet nachhaltig das Parasiten-Image an und genau diese abschätzige Meinung der Öffentlichkeit über eine Arbeit, deren Ergebnis nichtsdestotrotz einen riesigen Absatz findet, reflektiert der Film überaus humorvoll am Beispiel des Paparazzo Les Galantine, perfekt verkörpert von Independent-Ikone Steve Buscemi. In Nebenrollen sind unter andrem Gina Gershon, Elvis Costello (als er selbst) und Minnie Driver zu sehen – doch trotz prominenter Besetzung und exzellenter Umsetzung wollte auch diesen Film von DiCillo leider kaum jemand sehen.

Dieser Les Galantine ringt um Anerkennung, sowohl beruflich als auch privat. Auf glamourösen Events macht er sich wichtiger als er ist und versucht auf jede noch so krumme Tour Einlass zu bekommen in die heiligen hallen der Prominenz. Das er dabei meist auf einer despektierliche Behandlung stößt, hat ihn über die Jahre verbittert – dennoch wird er nicht müde zu betonen, das er ein lizenzierter Profi ist und kein Promi-Stalker. Seinem dürftigen Erfolg entsprechend wohnt er in einer eher dürftigen Wohnung und auch familiär bleibt ihm die gewünschte Anerkennung verwehrt. Dies äußert sich in einer bitteren Sequenz, als sich die Eltern nicht einmal die geschossenen Fotos ansehen wollen, seine Arbeit als „schmutzig“ beschimpfen und sogar die Zeitschriften mit Veröffentlichungen ihres Sohnes in den Müll werfen. Auch wenn der Grundton des Films verträumt und heiter scheint, respektiert DiCillo konsequent auch die innewohnende Tragik der Hauptfigur.

Deren eingefahrenes Leben bekommt einen Einschnitt, als Les Bekanntschaft macht mit dem Obdachlosen Toby (Michael Pitt). Nachdem er für eine Nacht bei Les unterkommen durfte, bietet er sich als kostenloser Assistent an, worauf Les nach anfänglichem Zögern eingeht. Durch Zufall trifft Toby auf eine berühmte Sängerin – zwischen den beiden entwickelt sich eine Romanze, eine Talentsucherin wird auf ihn aufmerksam und schon bald ist Toby weiter in die „bessere Gesellschaft“ vorgedrungen als Les es mit ewigen Bemühungen je geschafft hat. Die unbefangene, jugendliche Art und die positive Lebenseinstellung bringt Michael Pitt mit beachtenswerter Leichtigkeit auf den Punkt und überzeugt selbst neben einem motiviert aufspielenden Buscemi, der für DiCillo sowohl Mentor und Förderer als auch Stammdarsteller ist.

Wenn Les beispielsweise auf einer privaten Promi-Party auf Elvis Costello trifft, erleidet er beinahe einen Zusammenbruch und muss eine Panikattacke durchstehen – hier tritt offen zutage, wie brüchig das Selbstbewusstsein dieser von sich selbst enttäuschten Figur sein muss. Macht es anfänglich noch den Anschein, das sich aus der Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen Les und Toby ein konventionelles Buddy-Movie entwickelt, steuert DiCillo gegen Ende nicht den sicheren Hafen an, an dem alle Filme dieses beliebten Subgenres einlaufen. Wenn auch der Stil des Regisseurs im Vergleich zu den beiden Frühwerken „Johnny Suede“ und „Living in Oblivion“ wesentlich leichter zugänglich und damit publikumsfreundlicher geworden, lässt er sich eine gewisse Sperrigkeit nicht nehmen und hat genug Selbstvertrauen, einige Fragen unbeantwortet zu lassen.

Das „Delirious“ niemals auf Kosten seiner Charaktere Witze macht und diese allesamt ernst nimmt, abseits gängiger Klischees, verleiht der Geschichte eine tiefe Aufrichtigkeit. Vielleicht ist die Desillusionierung angesichts der Oberflächlichkeit des Showgeschäfts auch eine Reflexion des Regisseurs auf die eigene Arbeit – schließlich hat er ungeachtet der hohen Qualität seiner Werke noch keinen einzigen Hit landen können, sondern muss im Gegenteil immer wieder hart kämpfen, um überhaupt einen neuen Film auf die Beine stellen zu können. DiCillo weiß also sehr gut, wie es sich anfühlt, übergangen zu werden. Dementsprechend nüchtern ist auch sein Blick auf das Business, dessen Oberflächenreizen „Delirious“ nicht erliegt, allerdings auch nicht in galliger Verbitterung begegnet.

In seiner trockenen Abgeklärtheit erinnert er nicht selten an Jim Jarmusch, der für DiCillo offensichtlich ein Vorbild geblieben ist. Dessen ungeachtet trägt „Delirious“ aber klar eine persönliche Handschrift, die schon „Living in Oblivion“ so besonders und individuell wirken ließ. Dazu gehört auch das geschärfte Auge für jede noch so skurrile Nebenfigur, die nie zu Stichwortgebern oder bloßen Karikaturen degradiert werden sondern alle ein Eigenleben haben und mit der gleichen Zärtlichkeit gezeichnet werden wie die Hauptcharaktere.

Der bodenständige Look wird durchbrochen von ebenso sparsam dosierten wie clever platzierten romantischen Überzeichnungen – als zum Beispiel der verliebte Toby die Straße entlang läuft, regnet es unvermittelt Rosenblätter vom Himmel. Aus der Märchenhaftigkeit der Liebesgeschichte macht das geschliffene Drehbuch derweil keinen Hehl sondern stellt die Unmöglichkeit dieser Romanze mit eben solchen Überzeichnungen fast schon provokativ aus. Das sie bei aller Pathetik dennoch aufrichtig zu Herzen gehen vermag, verdankt der Film seiner feinfühligen Inszenierung, die es keineswegs allen recht machen will und für Les Galantine nur in Ansätzen ein versöhnliches Ende bereit hält.

Bis zum bittersüßen Schlussbild, das sämtliche Themen des Films elegant verschmelzen lässt, verliert der Film niemals an Scharfzüngigkeit, Biss und hintergründigem satirischen Witz. Die Balance zwischen Melancholie , Spott und leichtem Witz gerät überdies zu keiner Zeit aus dem Gleichgewicht, fügt sich nahtlos zusammen. Das zwei gegensätzliche Welten gegenüber gestellt werden, macht die Kluft zwischen Bedeutungslosigkeit und weltweiter Verehrung begreifbar, und damit auch die Ironie, das beide Extreme sich am roten Teppich treffen und nur von einer Absperrung voneinander getrennt sind.

Ungeachtet der prominenten Besetzung ist „Delirious“ ein kleiner Film, echtes amerikanisches Independent-Kino. Mit leichter Hand erzählt Tom DiCillo vor allem von der Sehnsucht: nach Liebe, Freundschaft, Geborgenheit, Sicherheit und dem Drang, etwas Besonderes sein zu wollen – sich abzusetzen von der Masse, gesellschaftlichen Status zu erlangen. Und auch vom Scheitern und von der Nicht-Erfüllung von Träumen erzählt dieser uneingeschränkt sehenswerte Film, ohne dabei seine romantische Ader zu verleugnen.

USA 2006 / Regie: Tom DiCillo

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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