Social Outcasts – Gewalt ist ihr Gesetz

Von  //  3. Februar 2011  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

Viele Filme haben sich daran versucht, einen Blick in die verblendete Weltanschauung eines Neonazis zu werfen oder aber die Mechanismen einschlägiger Organisationen zu untersuchen. Ironischerweise wurden fast alle diese Werke (als deren bekannteste Vertreter wohl „Romper Stomper“ und „American History X“ gelten dürfen und deshalb hier als exemplarische Beispiele heran gezogen werden) zu Kultfilmen in der rechtsradikalen Szene, deren Anhänger es immer wieder fertig bringen, jeden noch so eindeutigen Affront ins Gegenteil umzudeuten. So ist die von Edward Norton gespielte Hauptfigur in „American History X“, Derek Vinyard, eine Ikone für viele Neo-Nazis, wenn auch eine fiktive. In erster Linie mag diese beständige Fehlinterpretation ihren Ursprung in der Tatsache finden, das die genannten Filme eine nüchterne Herangehensweise an die rassistische Ideologie wagen und dabei auch der Verführung und Faszination für anfällige Menschen Aufmerksamkeit schenken.

Dementsprechend bedienen sich beide Filme einer schillernden Hauptfigur – sowohl Derek Vinyard als auch Hando aus „Romper Stomper“ (gespielt von einem noch jungen und relativ unbekannten Russell Crowe) sind alles andere als tumbe Schläger. Beide sind gebildet, redegewandt und charismatische Führungspersönlichkeiten. Gleichwohl diese ambivalente Charakterzeichnung von Nöten ist, birgt sie eben auch die Gefahr der Anziehungskraft, der ein Zuschauer mit geringem Reflektionsvermögen nur allzu leicht erliegen kann. Das alles hat aber nur wenig mit „Pariah“ gemein, soll aber veranschaulichen, wie signifikant die Unterschiede in der Figuren- und Handlungskonstruktion sind. Randolph Kret verfolgt andere Ziele und begegnet dem Phänomen Rechtsradikalismus auf vollkommen andere Weise.

Zunächst einmal fehlt die angesprochene Hauptfigur, die den Verlockungen der Ideologie ein Gesicht gibt und diese mit geschickter Rhetorik vorträgt. Auch die Frage nach dem Ursachen interessiert Kret, der mit „Pariah“ seinen einzigen Film inszenierte, nicht einmal am Rande. Mitleidlos zeigt der Film seine Figuren als ausgestoßene Verlierer ohne Zukunft, die sich in einer endlosen Spirale aus Gewalt und Gegengewalt befinden. Daraus resultiert eine absolute Unmöglichkeit, das Gezeigte in irgendeiner Weise zu glorifizieren. Äußerlich wird daher fast auf jede Ästhetisierung verzichtet, der Look ist trist, trostlos und an wenig einladenden Originalschauplätzen sehr naturalistisch gefilmt – eine emotionale Distanzierung wird so unmöglich gemacht. Vordergründig geht es dabei um eine plakative Rachegeschichte.

Steve (Damon Jones) und seine afroamerikanische Freundin Sam (Elexa Williams) werden fortwährend belästigt und mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert, sowohl auf Seiten der weißen als auch der schwarzen Leute. Nach einem gemeinsamen Abend wird das Paar in einer Tiefgarage von einer Gruppe brutaler Nazi-Skinheads überfallen. Sam wird mehrfach vergewaltigt während Steve zusehen muss – noch in der gleichen Nacht nimmt sich die traumatisierte und gedemütigte Frau in der Badewanne das Leben. Für Steve bricht eine Welt zusammen.

Sieben Monate später hat sich der verbitterte Steve einem Racheplan zugewendet und sich äußerlich in einen radikalen Nazi-Skin verwandelt, inklusive Glatze, szenetypischer Kleidung und einschlägiger Tätowierungen. So will sich Steve in die Gruppe integrieren, die den Tod seiner Freundin auf dem Gewissen hat und von innen heraus brutale Rache nehmen. Doch die Aufnahme in die Clique verläuft alles andere als reibungslos…

Was sich abgedroschen und plump anhört, entwickelt seinen Reiz gerade aus dem Verzicht, sich an analytisch komplexen Diskursen zu versuchen. So ist nur in den seltensten Fällen überhaupt die Rede von nationalsozialistischen Ideen – nur am Rande wird von „Reinheit der Rasse“ gefaselt, die Ideologie funktioniert ausschließlich als Katalysator für unbestimmten Hass. Die Wut auf Schwule, Afroamerikaner und Juden ist hier wenig bis gar nicht in einem gedanklichen Konzept verwurzelt. Um die Perspektivlosigkeit zu verdeutlichen beschwört „Pariah“ eine endzeitliche Atmosphäre herauf – nur schwer vorstellbar, das sich die Figuren dem urbanen Niemandsland entziehen können, in dem sie ihr leidenschaftsloses Dasein fristen.

Ständig kommt es zu Gewalt-Eskalationen zwischen den Nazi-Skins und einer verfeindeten Gang von jungen schwarzen Verlierern. Keiner scheint einer geregelten Arbeit nachzugehen, soziale Kontakte finden ausschließlich unter „den eigenen Leuten“ ab. Angst vor dem Gefängnis scheint niemand zu haben, hemmungslose Gewalt ist das einzige Mittel, mit dem der Krieg hier geführt wird. Als Sam vergewaltigt wird, ist es für Steve nicht einmal eine Möglichkeit, zur Polizei zu gehen – ebenso wenig für die Homosexuellen, die am Ende einen Überfall auf einen der ihrigen mit der gleichen archaischen Gewalt vergelten. Die Polizei scheint nur am Rande zu existieren, findet in der hier geschilderten Parallelwelt keinen Platz – auch diese Zuspitzung erinnert eher an „Mad Max“ als an eine Milieustudie.

Trotz der reduzierten visuellen Machart erlaubt sich Randolph Kret einige ausdrucksstarke Sinnbilder, die ebenfalls auf den eingeschränkten Blick auf die Welt hinweisen, den die Figuren mit ihrem schwarz/weiß-Denken geschaffen haben. So befinden sich am Fenster des Aufenthaltsraumes, in dem die Skins die meiste Zeit abhängen, Gitterstäbe, die sich als Schatten auch durch das gesamte Zimmer ziehen und sich direkt auf den Gesichtern und Körpern niederlassen. Deutlicher könnte Kret kaum sein: Die Skins befinden sich bereits in einem Gefängnis – ein Gefängnis, das ihnen jede Chance für die Zukunft raubt, soziale Isolation bedeutet und in dem grundsätzlich nur weiterer Hass anwachsen kann.

Einen Blick über den Tellerrand dieser Einbahnstraße wird nur am Rande erwähnt, bis auf Steve und Sam als glückliches Paar am Anfang und Sams bürgerliche Schwester (die mit der Handlung aber kaum zu tun hat) werden keine „normalen“ Leute gezeigt sondern ausnahmslos subkulturelle Zusammenschlüsse verschiedener Minderheiten. Neben den schwarzen Gangs und den Nazi-Skins sind dies eigentlich nur die Homosexuellen, von denen aber genauso wenig einzelne Charaktere beleuchtet werden wie auf Seiten der Afroamerikaner.

Da aber kein eigentliches Gedankengut besteht, das die Skinheads vereint existiert in deren Welt nur eine diffuse Idee davon, wen man zu hassen hat und wen eben nicht. Das Motiv der Ausgeschlossenheit aus der Gesellschaft wird ins Zentrum des Interesses gerückt, was schon der Titel verdeutlicht. Der Begriff „Pariah“ wird im indischen Kastensystem für die Außenseiter verwendet – nicht etwa die niederste Kaste, sondern Menschen, die sich außerhalb des Systems befinden, als „unberührbar“ gelten und wie der letzte Abschaum behandelt werden. In dieser Hinsicht macht der Film keine eindeutigen Aussagen und verurteilt jene Versager auch nicht, die er dem Zuschauer zeigt. Ob die geistig verwahrlosten Männer und Frauen Opfer äußerer Bedingungen waren oder ihren sozialen Abstieg selber verschuldet haben, wird nicht klar und ist auch nicht wichtig. „Pariah“ fragt nicht danach, wie die Menschen wurden wie sie sind und bietet auch keine Lösungsansätze an.

Die authentisch geschriebenen Dialoge gleichen der Vulgärsprache in „Menace II Society“, der einen ähnlichen urbanen Alptraum beschreibt. Auffällig ist der inflationäre Gebrauch von Schimpfwörtern, welche die kurz angebundenen Sätze regelrecht zusammenhalten. In jedem Wort und jeder begleitenden Geste schwingt Provokation, Aggression und Geltungsbedürfnis mit, ein konstruktives Gespräch wird im ganzen Film nicht geführt – auch nicht von Hauptfigur Steve, für die es nur Rache als Ausweg geben kann. Das diese Rache nicht zu einer Katharsis führt, keine versöhnliche „Gerechtigkeit“ herbei führt, unterstreicht nur den erbarmungslosen Charakter dieses düsteren und unbequemen Films.

Pariah / USA 1998 / Regie: Randolph Kret

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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