Sonbahar – Herbst

Von  //  3. Februar 2011  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

Das Gefängnis und die Rückkehr aus jahrelanger Gefangenschaft. Beide Motive sind in der ewig unterschätzten türkischen Filmkultur (ja, da werden neben billigen Rip-Offs und patriotischem Klamauk auch reihenweise cineastische Perlen produziert) tief verwurzelt und spätestens seit dem legendären Palme-Gewinner „Yol – Der Weg“ kaum mehr wegzudenken. Auch „Herbst“ reiht sich in diese Tradition ein, der seinen Protagonisten zu Anfang aus zehnjähriger Haft entlässt – dies allerdings innerlich gebrochen und todkrank. Seinen viel zu frühen Lebensabend verbringt Yusuf in seinem Heimatort, an dem die Zeit stehen geblieben scheint. Die oftmals leicht prätentiös zentrierten Landschaftsaufnahmen erinnern an den türkischen Meisterregisseur Nuri Bilge Ceylan (der ja nicht zu Unrecht oft als neuer Tarkovski gefeiert wird), nur muss auf dessen spartanischen Minimalismus verzichtet werden. Regiedebütant Alper gelingt es im Endeffekt nur dürftig, die politisch bewegten 1990er-Jahre in der Türkei angemessen im Schicksal seiner Figuren abzubilden, die ein Jahrzehnt später als Opfer rigider Regierungsmaßnahmen vor den Trümmern des eigenen Lebens stehen. Das alles ist lobenswert zurückhaltend, bezieht dennoch klar Stellung gegen Unterdrückung und verdankt seine authentische Wirkung wohl seinem exzellenten Hauptdarsteller. Zwischendurch verliert der Film sich allerdings in redundantem Füllmaterial und ist somit – auch wenn ich es hasse, dieses Wort zu verwenden – mitunter ganz schön langweilig anzusehen.

Sonbahar /Türkei, Deutschland 2008 / Regie: Özcan Alper

zuerst erschienen in: Moviebeta 05/10

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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