Opulente Widerwärtigkeiten aus Ungarn: Taxidermia

Von  //  11. Mai 2011  //  Tagged:  //  2 Kommentare

TAXIDERMIA ist ein ungewöhnlicher Episodenfilm, dessen drei Segmente unterschiedlich stark ineinander greifen und der einer chronologischen Struktur folgt, bei der jeweils eine Generation weitergesprungen wird. Die Handlung beginnt mit einer besonders kryptischen Episode, die in einem nebelverhangenen ungarischen Dorf situiert ist, wo ein ziemlich bedauernswerter junger Mann von einem soldatischen Vorgesetzten gedrillt wird und nebenbei verzweifelt versucht, seine abseitige Sexualität im Zaum zu halten. Da gibt es einen feuerspeienden Penis, der ebenso viele Rätsel aufgibt wie der restliche Film, der sich in seinen sorgfältigen aber auch oft absurden Szenarien an die surrealistischen Meister Bunuel, Fellini oder auch Gilliam anlehnt.

Erst als ein Kopfschuss diesen Abschnitt jäh und blutig beendet finden wir uns Jahre später wieder, der Sohn des unglückseligen Soldaten spielt nun die Hauptrolle: Ein Wettesser, der diesen ungewöhnlichen Sport diszipliniert als Teil der Nationalmannschaft betreibt. Umjubelt von Zuschauern und im Selbstverständnis ein Athlet. Impressionen seiner „Ausbildung“, öffentlich ausgetragener Wettbewerbe und Kotzarien in Großaufnahme bilden die Eckpfeiler für diese wohl witzigste Episode, die außerdem einen ganz konkreten Unterbau liefert für das makabere Finale, das die zahlreichen Tabubrüche am Anfang nochmal eindrucksvoll zu übertreffen weiß. Im letzten Drittel ist der fette Wettesser ein alter Mann geworden, dessen kolossale Leibesfülle an eine gewisse aus dem Python-Film THE MEANING OF LIFE gemahnt. Überdies ist aus dem ehemaligen Sportler ein verbitterter Mensch geworden, der sein Dasein vor der Glotze fristet und nur seine dicken Katzen als Gesellschaft duldet. Für seinen Sohn, einen dürren Tierpräparator, hat der Alte nicht viel Sympathie oder gar Respekt übrig. Zuletzt steht mit einem denkwürdig-kafkaesken Selbstversuch das Ende der Familie im Mittelpunkt, die Handlung wird durch einen Off-Erzähler gerahmt und zum irgendwie versöhnlichen Abschluss gebracht.

Mit HUKKLE – DAS DORF inszenierte Palfi ein vielbeachtetes Debütwerk, welches besonders durch den beinahe vollständigen Verzicht auf Dialog und das ausgeklügelte Sounddesign, das jedes noch so bizarre Geräusch einzeln zu akzentuieren wusste, auffiel. Letzteres schlägt sich auch in TAXIDERMIA nieder, wo sich Schlürf- Saug- und Schmatzgeräusche zu einer Komposition des Ekels zusammenfinden. Noch abstoßender als die reichlich detaillierten Bilder hinterlässt der Film letztendlich mehr akustische Eindrücke und interessiert sich nicht im mindesten für seine Figuren, die allesamt Hülle bleiben und zu wenig von sich preis geben dürfen. Mitleidlos blickt Palfi auf seine pervertierte Freakshow, die nicht mal versucht, ein Sentiment herzustellen oder aber seinen Protagonisten so etwas wie Menschlichkeit zu verleihen. Jede echte Emotion perlt ab an diesem Konglomerat aus schwärzestem Humor, einer einnehmenden, dramatisch aufgepumpten Bildsprache und einer selbstbewussten Trägheit. Nicht nur die deutsche FSK-16-Freigabe der unzensierten Fassung, auch die großzügige Auswertung in internationalen Kinos und das befriedigende Abschneiden bei Festivals und der Kritik – all das lässt keinen Zweifel, das TAXIDERMIA als ernstzunehmendes Kunstwerk behandelt wird, welches bei aller Drastizität (bei einer Masturbation etwa steht in Gedanken ein kleines Mädchen im Mittelpunkt der Begierde) keinerlei unnötigen Staub aufgewirbelt hat. Man kann nur hoffen, das kontrovers bebilderte und andersartig gestrickte Filme in Zukunft öfter diese faire Behandlung erfahren.

Regie: György Pálfi / HUN 2006 / 91 Min.

zuerst erschienen in: Deadline #27

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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2 Kommentare zu "Opulente Widerwärtigkeiten aus Ungarn: Taxidermia"

  1. Marco Siedelmann 6. Juni 2011 um 18:50 Uhr · Antworten

    Sorry, hatte deinen Kommentar ganz übersehen. Der letzte Absatz ist natürlich auch etwas für die Deadline-Leserschaft geschrieben aber ganz grundsätzlich meine ich das auch so und würde mich freuen, wenn um so offensichtlich auf kontrovers gebürstete Filme nicht ganz so viel Wind gemacht wird. Da hat man doch schon kaum mehr Lust den Film selbst zu sehen, wie bei mir gerade mit „A Serbian Film“. Anyway, „Taxidermia“ hat auch mich völlig kalt gelassen.

  2. Paul 13. Mai 2011 um 09:53 Uhr · Antworten

    Schön, dass wir bei diesem eigenartigen Film auf einer Wellenlänge liegen, fand den damals auch sehr enttäuschend; opulent-schwelgerisch krasse Szenen, die aber völlig hohl bleiben und damit im Sand verlaufen. Finde die Gedanken in deinem letzten Absatz zur Rezeption kontroverser Filme sehr gelungen…

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