L.A. Plays Itself

Von  //  14. Juni 2011  //  Tagged: , ,  //  2 Kommentare

Ganz anders als der kurz zuvor entstandene, leise vor sich hinsäuselnde und im sanften Kuschelsex versinkende Boys in the Sand prescht Halsteads Underground-Kultfilm offensiv hervor, dröhnt mit der Lautstärke eines Presslufthammers und hat wesentlich mehr zu tun mit den experimentellen Kurzfilmen eines Kenneth Anger oder Andy Warhol als mit dem herkömmlichen Pornobetrieb. Auch LA Plays Itself verzichtet auf Dialoge und eine stringente Erzählung, doch statt aus der Not heraus geboren ist Halsteads sperriges Konzept das Ergebnis einer erschöpfenden, vierjährigen Montagearbeit, die in ihren Bildverknüpfungen, Tonüberlappungen und assoziativen Schnittfolgen fast schon an die ambitionierte Sorgfalt eines Peter Kubelka (Unsere Afrikareise) heranreicht. Die Soundspur wird zunächst dominiert von einer lärmenden, dissonanten und leicht psychedelischen Gitarre, bevor diese bei der ersten Nummer von Mozartklängen abgelöst wird. Der Film beginnt außerhalb der Stadt, ein Kerl im besten Alter ist ähnlich unterwegs wie etwa Calvin Culver in Boys in the Sand,  ohne ein erkennbares Ziel, aber immer hungrig auf Sex. Den Naturbildern kommt hier derweil eine andere Bedeutung zu, ist es doch offensichtlich, das die vielen detaillierten Shots des Umlandes der Engelsstadt keineswegs schnell hingeworfenes Füllmaterial darstellen sondern ganz konkret die später folgenden urbanen Impressionen konterkarieren.

Als Voice-Over ist die Unterhaltung zweier Männer zu hören, die den maroden Zustand der Stadt in lakonischem Ton besprechen, mit dem verschlafenen Landleben vergleichen, sich mitunter in Nichtigkeiten verlierenen und schwer nuschelnd nicht immer leicht verständlich bleiben. Dann eine ausführliche, eher sanfte Nummer in der Natur mit einem naturburschigen Blondschopf. Aber auch der Sex wird alles andere als handelsüblich serviert: Anstelle von oft statisch und einfallslos abgefilmten Pflichtübungen seiner Zeit dreht der Film völlig auf, irritiert mit ungewöhnlichen und oft entfremdenden Perspektiven. Die Bilder selbst pulsieren durch ihre rasante Montage, die immer wieder Natur zwischenschiebt und zum Ende hin Bilder von anrollenden Bulldozern und Vernichtung über die Eindrücke sexueller Ekstase legt. L.A. verbreitet sich wie eine Krankheit. Wenn LA Plays Itself etwa zur Hälfte der Laufzeit tief in die Gedärme der City vorstößt ändert sich der Tonfall. Stricher posieren am Straßenrand, im Park trifft man sich zur Fleischbeschau, hässliche Industriebrachen, allzeitig geöffnete Pornokinos, schmutzige Häuserfassaden. Die gefilmten Personen bestehen nur noch aus Arsch, Beinen und Schritt – die Kamera sieht ihnen nicht mehr ins Gesicht. Nach dem zärtlichen Schäferstündchen unter freiem Himmel geht es nun schroffer zur Sache. Eine lange SM-Sequenz zeigt die brutale Misshandlung eines Strichers, die Headline eines Zeitungsartikels verkündet uns am Ende den Tod des jungen Mannes, der gefoltert und ermordet aufgefunden wurde. Den brutalen Dominator, der sich geduldig nach einem unschuldig dreinblickenden Countryboy umsieht, spielt Fred Halstead selbst. Diesem Abschnitt und überhaupt dem ganzen Film zollt der berüchtigte Bruce La Bruce in Hustler White, seinem vielleicht besten Werk, Tribut. Kritiker und Experimentalfilmer Thom Andersen übernahm den Titel für seine ausladende essayistische Dokumentation Los Angeles Plays Itself, die 2003 großen Beifall erhielt.

LA Plays Itself wischt drastisch die weichgezeichnete Romantik eines Boys in the Sand vom Tisch und zeigt das schwule vibrierende Szeneleben der Stadt von innen – zwar ein abstraktes und bösartiges Zerrbild davon, jedoch das eines Insiders und damit in den entscheidenden Szenen authentisch, dann wieder eher symbolträchtig. In seinen imposant nachwirkenden, entfesselten Bilderfluten nimmt er ganz nebenbei einen Großteil jener Ästhetik vorweg, die später in New York zum Cinema of Transgression wurde und mit Richard Kern einen echten Starregisseur hervorgebracht hat. Dieser gute Ruf blieb Halstead, der nur wenige weitere Filme realisieren konnte, trotz seiner zweifelsfrei bemerkenswerten Fähigkeiten und künstlerischer Anerkennung versagt – seine Biografie endet tragisch mit einem Suizid, nachdem sein langjähriger Partner Joey Yale (hier in der Rolle des glücklosen Hustlers zu sehen) an den Folgen von AIDS verstarb. Zurück bleiben einige der ungewöhnlichsten Hardcorefilme, die mühelos den Spagat zwischen Kunst und Porno meistern.

USA 1972 / R: Fred Halsted

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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