The Life and Death of a Porno Gang

Von  //  24. Juni 2011  //  Tagged: , , , ,  //  Keine Kommentare

Der junge, voller Tatendrang steckende Regisseur Marko, frisch von der Filmhochschule, hat große Ziele. Avantgardistisches, hochgradig politisches Kino will er drehen, das Medium Film als Waffe gebrauchen. Da sich seine Visionen aber nicht so leicht an den Mann bringen lassen verschlägt es ihn nach einem Intermezzo in der Werbebranche in die Welt der Pornographie. Schon bald bricht er mit einem Hippiemobil voller unangepasster Typen auf, um der vertrockneten Landbevölkerung mit denkbar schräger Aktionskunst das Fürchten zu lehren. Unter ihnen zwei AIDS-kranke Schwule, eine transexuelle Landpomeranze und die experimentierwillige Una – allesamt Outsider, die sich nach einem Ausbruch sehnen, in ihrem zerklüfteten Heimatland allerdings chancenlos sind und das Zusammenraufen zu einer Gruppe als logischer Schritt erscheint. Kurze Zeit scheint der Traum von freier Liebe, ungehemmtem Drogenkonsum und einem Leben fernab äußerer Reglementierung wahr zu werden, bis ein brutaler Überfall einer Gruppe bis an die Zähne bewaffneter Provinzler jede Illusion von einer subversiven Pornokunst zerstören. Marko und seine Crew werden Opfer grober Misshandlungen und Demütigungen und werden allesamt vergewaltigt. Um die eigene Würde gebracht, kommt Marko auf das Angebot eines zwielichtigen deutschen Geschäftsmannes zurück, der ihm anbietet, der erste Künstler in der Snuff-Welt zu werden.

Ein furchtloser Film. Ein Skandalfilm, sicher. Einer, der sich aber nicht damit zufriedengibt, eine zynische Freakshow zu veranstalten und seine Außenseiterfiguren an eine plumpe Provokationskette zu verraten. Im krassen Gegensatz zum etwa zeitgleich entstandenen Serbian Film ist The Life and Death of a Porno Gang kein affektgesteuerter Exploiter, sondern ein wütendes, unangenehmes, gleichsam zärtliches wie ultra-gewalttätiges Roadmovie. Mladen Djordjevic, der die lokale Pornoindustrie gut kennt und sie im schonungslosen Dokumentarfilm Made in Serbia bereits ungeschminkt offenlegte, schont den Zuschauer nicht, stellt seine Tabubrüche und Ruppigkeiten aber stets in den Dienst der Geschichte. Degradierende Internetvideos, der Kosovokrieg, der gerade mit aller Gewalt im Hintergrund tobt und schon mal bei den Dreharbeiten stört, Oralsex mit einem Pferd, realistische Gewalteruptionen, Vergewaltigung, Snuffmovies. Alles Schlagwörter, um den Film als Skandalnudel breitzutreten. Viel schwuler Sex außerdem, was im äußerst homophoben Serbien durchaus für viel Wirbel gesorgt hat.

The Life and Death of a Porno Gang ist konfrontativ, schüttelt jegliche Geschichtssentimentalität vehement ab und erbringt seine vielleicht größte Leistung damit, würdevolle Menschen als Protagonisten zu etablieren. Einerseits ein Verdienst des unerschrockenen Ensembles, das hier mit vollem Körpereinsatz agiert, andererseits der grandiosen Regie zu verdanken, welche die widrigen Produktionsumstände und das knapp bemessene Budget als Chance begreift. Der unbehauene Stil, der den Film zunächst wie eine Mockumentary wirken lässt, folgt einer langen Tradition slawischen Guerillafilmemachens, und erinnert an die von einer obskuren Sinnlichkeit getragenen Frühwerke eines Dušan Makavejev (Sweet Movie). Zugleich weckt er Assoziationen zum betont naturalistischen Pornokino eines Lasse Braun (Sex Maniacs) und die experimentellen Frühwerke von Tinto Brass, insbesondere was die entfesselte und ungestüme Montage und den flirrenden Musikeinsatz angeht. Wenngleich er ein bitteres Menschenbild vermittelt, erliegt der Film niemals der Versuchung, sich den Zynismus und die Verrohung der Figuren anzueignen. Djordjevic, der mit den humatiären Katastrophen seines Heimatlandes unzensiert im Fernseher konfrontiert wurde und mit Bildern zerfetzter oder geschändeter Landsleute aufgewachsen ist, wie ich mit den allgegenwärtigen Talkshows und deutschen Beziehungskomödien der Neunzigerjahre.

Serbien 2009 / Regie: Mladen Djordjevic

Die DVD erscheint am 01.07.2011 und wird sorgfältig zusammengestelltes Bonusmaterial beinhalten. Nichts weniger als ein Pflichtkauf denn glücklicherweise – man muss den Cine-Göttern einfach dankbar sein – ist ein Kleinod wie The Life and Death of a Porn Gang keinem x-beliebige Label in die schmierigen Hände gefallen sondern hat ganz im Gegenteil mit Bildstörung die wohl beste Anlaufstelle für grenzsprengendes Kino erwischt. Manchmal ist die Welt dann sogar zum deutschen DVD-Käufer gerecht, bedenkt man, das A Serbian Film bei den Stümpern von Laser Paradise erscheint.

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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