Eraserhead

Von  //  11. August 2011  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

Eraserhead spielt in einer verstörenden Welt, steril und schmutzig zugleich, eine Welt, die unfertig und roh erscheint, wie ein Übungsstück, schnell dahin geworfen von einem Gott im zweiten Ausbildungsjahr, im Grunde funktionstüchtig, aber hässlich, störungsanfällig und schlecht durchdacht. Mit Bewohnern, die zwar hin und wieder miteinander sprechen, sich aber nicht verstehen. Die Figuren wollen sich umeinander kümmern, sie wollen Nähe und Geborgenheit, aber sie wissen nicht, wie man das anstellt. Das Verhalten der Charaktere ist einem einerseits fremd, man findet es schwer nachvollziehbar und abstoßend, andererseits ist es einem nur zu gut bekannt. Man fühlt sich wie in einem dieser Alpträume, in denen man sich plötzlich in grauenhaften Lebensumständen sieht und am liebsten alle umbrächte und alles kurz und klein schlüge, um endlich wach zu werden.

Henry (Jack Nance, der später den sympathischen Pete in Twin Peaks geben wird) sucht seine Freundin Mary (Charlotte Stewart) bei ihren Eltern auf. Die Sendepause zwischen Henry und Mary muss schon ein Weilchen gedauert haben, denn sie hat in der Zwischenzeit ein Baby bekommen. Das deutlich zu früh geborene Wesen sieht nach allem aus, aber nicht nach menschlichem Nachwuchs (das Ausgangsmaterial für das Ding scheint ein Schafsfötus oder etwas Derartiges gewesen zu sein. Alle Beteiligten am Set schweigen aber über die Herkunft und Beschaffenheit des „Babys“, so dass sich ein munteres Mythengewirr um das Wesen gebildet hat). Dass das Kind nicht eben der Gattung seiner Erzeuger zu entsprechen scheint, fällt aber nur dem Zuschauer auf, die frischgebackenen Eltern scheinen sich nicht weiter über das seltsame Äußere des Sprösslings zu wundern (und verhalten sich damit wie alle Eltern hässlicher Kinder). Das Wesen seinerseits macht, was alle Babys tun: Es nervt seinen Vater und bringt seine Mutter zur Weißglut. Die lässt Henry dann auch prompt mit dem krähenden Kind sitzen und geht zurück zu ihren Eltern. Henry kümmert sich, so gut er kann, doch bald wird die Anwesenheit des kränklichen Wesens lästig. Henry interessiert sich für die attraktive Nachbarin, dabei ist das Kind im Weg…

Abgesehen vom Zustand des Babys wäre die Handlung sicher nicht außergewöhnlich, wären da nicht die zappelnden blutigen Mini-Hühnchen auf dem schwiegerelterlichen Mittagstisch, Henrys traumartige Ausflüge zu der weißen Frau in der Heizung (Laurel Near), und – Höhepunkt des Films – die Bleistifte, die aus Henrys Kopf gestanzt werden… Die grotesken Elemente, die spießigen, engen Räume, die freakig-körperdeformierten Gestalten und die Doppelbödigkeit der im Film entworfenen Realität (inklusive des karierten Fußbodens und mutmaßlich roter Vorhänge, was aber bei einem schwarz/weiß-Film nicht eineindeutig zu erkennen ist) weisen schon den Erstling als typischen Lynch aus. Viele der zentralen Motive in Lynchs Werk sind hier bereits angelegt, allerdings wirkt Eraserhead nicht zuletzt wegen des wummernd-kreischigen Maschinen-Scores und der albtraumhaften Atmosphäre anstrengender, sperriger und artifizieller.

Viel ist in Eraserhead hinein und aus ihm heraus interpretiert worden. Lynch selbst hält sich dazu wohlweislich bedeckt und erfreut sich an der Vielzahl der (zulässigen) Deutungen. Die reichen von Abtreibungs- und/oder Geburtstrauma über postapokalyptische Dystopien, existentialistische Assoziationen über das Geworfen-Sein in ein sinnloses Leben, Entfremdung angesichts fortschreitender Technisierung und Industrialisierung bis hin zum männlichen Postpartum. Vielleicht sollte man der bestehenden Menge an Deutungen keine weitere hinzufügen, doch ich kann nicht anders, als den Film (auch) als Allegorie auf den künstlerischen Schaffensprozess selbst zu lesen.

Der Schlüssel, soviel (aber auch nicht mehr) verrät Lynch im Interview mit Chris Rodley, ist die Eingangssequenz. Wir sehen das Henrys Gesicht, quer, schwebend im All, vor einem kargen kleinen Himmelskörper. Der Kopf und der kleine Planet werden überblendet, durchdringen sich – der künstlerische Prozess, das Schaffen einer fiktionalen Welt, beginnt im Kopf. Aus Henrys Mund entspringt das frühgeborene Kind, die unfertige, unausgereifte Idee, und im Kopfplaneten setzt ein Mann mit deformiertem Gesicht (Jack Fisk) alle Hebel in Bewegung. Das Wesen fällt daraufhin in die fiktionale Eraserhead-Welt, in der es sich bewähren muss, gehätschelt wird, sich womöglich entwickeln kann, aber vielleicht auch verworfen und ausradiert wird. Die ganze Zeit über hören wir die Maschinerie arbeiten, die Zahnräder drehen sich; Zeichen dafür, dass diese Welt hier etwas Gemachtes ist, etwas künstlich Hergestelltes. Kopien des Wesens fallen auf die Bühne (Präsentierfläche für künstlerisch Gestaltetes) der weißen Frau in der Heizung, zu der Henry sich mehrfach träumt, doch sie zertritt die Würmchen, erstickt sie im Keim. Tatsächlich ist Henry des Zeit und Energie raubenden Ideen-Kindes bald überdrüssig, er sieht sich nach Möglichkeiten um, andere zu zeugen (er schläft mit der Nachbarin, gespielt von Judith Anna Roberts, wir sehen die beiden in der Wasserkuhle, durch die das Wesen zu Beginn in die Welt gefallen ist). Wieder auf der Heizungsbühne: Henry berührt die weiße Frau, alles wird weiß, der horror vacui, die Reste der Würmchen werden von der Bühne gefegt. Aus Henrys Kopf wird nicht nur ein Bleistift, mit dem man Bilder und Geschichten skizzieren kann, sondern ein Bleistift mit Radierer, Eraserhead eben. Ein unfruchtbarer Schaffensprozess nähert sich seinem Ende. Henry sieht sich das Ideechen näher an, schneidet es aus seiner Hülle und entscheidet, dass es nicht lebensfähig bzw. lebenswürdig ist. Als er das Wesen ersticht, gerät die gesamte Welt, in die es eingebettet war, aus den Fugen und verschwindet. Der Mann im Kopfplaneten zieht die Notbremse, Projekt gescheitert. In der letzten Einstellung umarmt Henry die weiße Frau, das leere Blatt liegt wieder vor ihm. Platz für neue Werke.

USA 1977, Regie: David Lynch


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Über den Autor

Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Mitgründerin des Leerzeichen e.V., freie Lektorin und Journalistin. Im persönlichen Umgang ist sie launisch, besserwisserisch und pedantisch.

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