Until The Light Takes Us

Von  //  12. August 2011  //  Tagged: ,  //  1 Kommentar

Das Regie-Duo Aites/Ewell wagt eine Außenansicht der norwegischen Black-Metal-Szene, die Anfang der Neunzigerjahre durch Mord, Nihilismus und Brandstiftung von sich reden machte – im Gegensatz zur 1998 entstandenen Dokumentation Satan Rides the Media geht es hier allerdings weniger um die hohen Wellen der Empörung, die durch die skandinavischen Medien schwappten. Until the Light takes Us bietet den Protagonisten und Gründervätern der Szene ausführlich Gelegenheit, ihre Weltanschauung darzulegen und die mittlerweile fast zwanzig Jahre zurückliegenden Ereignisse rückblickend zu kommentieren. Der Film schafft den Musikern damit durchaus ein Forum für postpubertäre Hasstiraden und ist in seiner zurückgenommenen, um Objektivität bemühten Machart durchaus nicht unproblematisch.

Mayhem-Mitglied Jan Axel Blomberg beispielsweise erzählt von einem Freund, der als junger Mann einen Homosexuellen mit über dreißig Messerstichen getötet hat und dafür eine Haftstrafe von knapp sieben Jahren verbüßte. „I really honor him for that“ ist das einzige, was dem tumben Musiker dazu einfällt. Überhaupt, diese Attitüde: Jeder gibt sich Mühe schön böse in die Kamera zu schauen oder möglichst emotionslos von toten Freunden zu reden, denn Unglück und Verwesung verehrt man ja. Es erfordert starke Nerven, sich dieser ausgestellten Misanthropie über die volle Laufzeit auszusetzen – belohnt wird man mit einem intensiven Porträtfilm, dessen Stärke gerade im Verzicht auf Interventionen liegt und der wohlwissend darauf vertraut, das sich die von abgelassenen Albernheiten selbstständig demaskieren.

Im Fokus stehen Fenriz, Schlagzeuger und Lyrizist des Szene-Urgesteins Darkthrone, sowie der berüchtigte Varg Vikernes, der als Ein-Mann-Band Burzum zwar Musikgeschichte geschrieben hat, allerdings weitaus größere Popularität als Mörder des Mayhem-Kopfes Øystein „Euronymous“ Aarseth erlangte und während seiner langjährigen Haftstrafe durch antiamerikanische und antisemitische Äußerungen außerdem zur Neonazi-Ikone stilisiert wurde. Ein logischer Schritt, Vikernes als Zentrum zu betrachten denn erzählt man die Geschichte des Black Metal, erzählt man gleichzeitig die Geschichte von Burzum und Mayhem. Und es ist eine aufregende Geschichte, fraglos.

Außerhalb von Skandinavien wurde das Phänomen Norwegischer Black Metal höchstens in reißerischen und wenig fundierten Artikeln einschlägiger Musikmagazine wahrgenommen, was Until The Light Takes Us zudem einen hohen informellen Charakter verleiht. In den frühen Neunzigern, noch bevor Bands wie Cradle of Filth das Genre im Mainstream installierten und die höchst destruktive Gegenbewegung zum Trend mutierte, gehörten die hier dokumentierten unfassbaren Ereignisse in jedem Fall zu jenen Skandalen, die besorgten Eltern Vorurteile gegenüber der vermeintlich bösartigen Szene anfütterten. Bands wie Mayhem sind auch heute noch fester Bestandteil der Playlist jeder Black-Metal-Party.

USA 2008 / R: Audrey Ewell & Aaron Aites

 

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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Ein Kommentar zu "Until The Light Takes Us"

  1. Angelus Mortis 14. August 2011 um 01:00 Uhr · Antworten

    Interessanter Artikel, allerdings habe ich den Film etwas anders wahrgenommen. Zum einen muss man schon zwischen bloß spätpubertärem Phrasengeschmeiße (Vikernes, Hellhammer) und der etwas reflektierteren Sichtweise von Fenris unterscheiden, generell machte letzterer auf mich den Eindruck, dass es ihm mehr als allen anderen Interviewten hauptsächlich um die Musik geht. Zum anderen denke ich, dass sich Vikernes sich gar nicht mal nur selbst demontiert, sondern dass der Schnitt hier durchaus eine indirekte Wertung vornimmt.

    Insgesamt eine interessante Dokumentation, die aufgrund ihrer filmischen Qualitäten von mir 9/10 Punkte bekommt.

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