DVD: Auschwitz

Von  //  16. September 2011  //  Tagged: , , , ,  //  3 Kommentare

Es dürfte unbestritten sein: Uwe Boll ist ein kühner Filmemacher der lieber mit dickem Betonschädel durch die Wand rennt als die offene Tür nebenan zu wählen.

Das hat Charme und sorgte bereits für etliche kultige Interviews und Statements, von einzigartigem Größenwahn erfüllte Audiokommentare und trashige Aktionen wie dem legendären Boxkampf gegen seine schärfsten Kritiker. Nun ist Boll-Bashing gerade out geworden als es eigentlich erst notwendig geworden wäre. Waren die infantilen Videogameverfilmungen noch naiver Pulp, wagt sich Dr. Boll in den letzten Jahren verstärkt an gesellschaftlich relevante Themen, fertigt Genozide, Amokläufe und reale Tragödien in psychologisch einfachst gestrickten Prollfilmen ab und wundert sich – scheinbar ganz aufrichtig – darüber, nicht zur weltweiten Arthouse-Elite gezählt zu werden. In Auschwitz nehmen diese Eskapaden ganz neue Formen an – der Film beginnt mit dem Kamerablick auf Uns Uwe himself, der uns erklärt, warum ausgerechnet er ausgerechnet diesen Film drehen musste.

Der Holocaust hat Millionen Leben gefordert und dürfe nicht in Vergessenheit geraten, lernen wir im Schnelldurchlauf und kriegen dann zur Untermauerung des geistigen Verfalls unseres Landes eine Horde Unterschicht-Kids vorgesetzt, die uns ihr nicht existentes Wissen um die Ohren klatschen. Das diese maroden Fratzen (perfide ausgewählt, ein astreiner propagandistischer Streich, wenn man so will) die deutsche Jugend repräsentieren soll mag beim durchschnittlich verbitterten Kulturpessimisten zwar auf Zustimmung stoßen, in dieser Form kann man jedoch nicht anders als von einer dummdreisten Beleidigung zu sprechen.

Dass es Dr. Boll offensichtlich eine Freude ist, die Schüler vorzuführen, ist beinahe noch beschämender als die Annahme, sein Film könne gegen die vorherrschende Ignoranz mit allersimpelsten Strategien vorgehen. Wo Authentizität beschworen wird (in der Gaskammer, wo nackte Kinder neben faltigen Körpern stehen) diskreditiert sich die feige Inszenierung immer wieder selbst: Da wird kräftig mit handelsüblicher Hintergrundmusik manipuliert und jedes wirklich unangenehme Detail bleibt ausgespart, das Sterben verkommt zur unfreiwillig komischen Travestie und entbehrt jeder Hässlichkeit. Nach weniger als vierzig Minuten, die sich vergeblich bemühen, ein Gefühl für den mechanischen Arbeitsalltag im KZ herzustellen, ist dann schon Schluss und es kommen wieder Jugendliche zu Wort.

Boll erklärt uns die grob umrissenen Fakten im übrigen ganz so, als gäbe es nicht diese üppige Kinematografie des Holocaust. Als würden Filmemacher nicht seit Generationen versuchen, „dem Thema gerecht zu werden“. Auschwitz (schon der einsam hervorgehobene Ein-Wort-Titel kündet von der Unmöglichkeit seines Vorhabens) verdeutlicht in seinem Scheitern nochmals eindrücklich, warum Claude Lanzmann und andere Spezialisten dem Kino ein Visualisierungsverbot der KZ-Schrecken – das man wiederum keineswegs unterschreiben muss! – auferlegt haben: Es macht wenig Sinn, uns mit in die Duschräume zu nehmen und kräftig Gas zu geben.

CAN/D 2011, Regie: Uwe Boll

Die DVD erschien bei Savoy Film/Intergroove.

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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3 Kommentare zu "DVD: Auschwitz"

  1. Marco Siedelmann 17. September 2011 um 18:46 Uhr · Antworten

    Ja, mehr Unterhaltungswert bekommt man wohl von keinem Regisseur geboten. Der König der Selbstvertrashung erreicht hier aber wirklich nochmal ein ganz neues Peinlichkeitsniveau. Besonders interessant eben weil er seine Message und sein Selbstverständnis direkt in den „Film“ hineinträgt. Unbedingt anschauen falls noch nicht geschehen… :)

  2. Alfons 17. September 2011 um 00:32 Uhr · Antworten

    Dieses durchschaubare Kalkül hat auf jeden Fall mehr Unterhaltungswert als jeder seiner Filme.
    Und weil ich das von ihm abgeschaut habe, versuche ich mal prompt, für meinen damals leider komplett untergegangenen Bildunterschriftenwettbewerb Werbung zu machen.

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