DVD: Scre4m

Von  //  19. September 2011  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

Don’t fuck with the original.

Wes Craven, seines Zeichens neben George A. Romero einer der alten Recken des modernen amerkanischen Horrorfilms, kehrt mit wehenden Fahnen zurück. Nur kurze Zeit nach dem so klugen wie unterschätzten My Soul to Take nun mit dem vierten Teil des postmodernen Klassikers Scream, einem der wichtigsten Schlüsselfilme der Neunzigerjahre – gleichzeitig der Beginn einer neuen Trilogie, die ihre drei Vorgänger eventuell sogar noch in den Schatten stellen wird. Wer als Teenie die Filme vor einem Jahrzehnt verfolgt hat, der wird sich schon kurz nach der verspielten, verblüffenden und originären Eingangssequenz (in der Craven seine Könnerschaft deutlich vor Augen führt) fühlen wie auf einem Klassentreffen, das glücklicherweise alle wichtigen alten Bekannten auffährt. Sydney Prescott (Neve Campbell) ist längst zur Legende geworden in Woodsboro, wo längst ganz andere Horror-Freaks über ihre Lieblingsfilme sinnieren und deren Regeln aufschlüsseln – geguckt werden auch nicht mehr Hellraiser oder Halloween sondern Zitatenfilme wie Shaun of the Dead, doch Scream 4 begnügt sich nicht mit einem bloßen Update seiner Metajokes. Facebook, Twitter, andere soziale Netzwerke und mobiles Internet spielen zwar eine nicht unerhebliche Rolle, die neuen Kommunikationsmedien stehen jedoch keinesfalls im Mittelpunkt. Wo anderen Regisseuren vielleicht eine Idee gereicht hätte, da schöpft Craven aus dem Vollen und irritiert mal wieder wo es nur geht. Das kann bisweilen etwas selbstgefällig wirken, atmet hier aber wiederum ganz neuen Geist. Die Pause scheint dem Altmeister gut getan zu haben, keine Spur von Lustlosigkeit oder Verschleißerscheinungen.

Duwey Riley (David Arquette) ist mittlerweile Sheriff, während Ehefrau Gale (Courtney Cox) unter dem ruhigen Kleinstadtleben eher zu leiden hat, denn Stoff für ein neues Buch findet die ehemalige Top-Journalistin partout nicht. Sydney dagegen hat ihre traumatische Vergangenheit in einem intimen Buch bloßgelegt, das vom reißerischen Ton der damaligen Gale-Weathers-Bestseller nichts wissen will. Die Tragödie ihrer Generation hat sich zum Gag und urbanen Mythos entwickelt. Sydneys Cousine Jill (Emma Roberts) und der dazugehörige Freundeskreis aus Werbeschönheiten und plappernden Filmnerds sind es nun, die von einem neuen Ghostface-Killer heimgesucht werden und auch die gerade wiedervereinten alten Freunde holt die blutverschmierte Vergangenheit wieder ein. Im Direktvergleich mit My Soul to Take weist Scre4m weitaus weniger Irritationspotential auf, ist er doch wesentlich offensichtlicher klug gestrickt und zelebriert sein Spiel mit Realitätsebenen bis zum Exzess. Im übrigen gelingt es mühelos, eine ganze Schar neuer Figuren – unter ihnen Heroes-Beauty Hayden Panettiere – ins Geschehen einzuführen, ohne den Altstars die Show zu stehlen. Das der Showdown in seiner bodenständigen Schlichtheit dagegen klassisch und schnörkellos verläuft, ist nur auf den ersten Blick eine erstarrte Konvention – tatsächlich demonstriert Craven hier noch eindringlicher als im post-postmodernen Auftakt, dass er das Horrorgenre wie kaum ein Zweiter beherrscht. Wo der direkte Vorgänger noch parodistisch die überkonstruierten Twists des Genres auf die Spitze trieb, nimmt Scream 4 wieder eine Bodenhaftung an, die wohl auch der Rückkehr von Kevin Williamson als Autor zu verdanken ist.

USA 2011 / Regie: Wes Craven

Dieser Text ist zuerst erschienen in der Deadline #27

Die DVD bzw. BluRay zum Film erscheint am 20. Oktober 2011 bei Universum.

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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