Interim und andere Kurzfilme von Jan Soldat

Von  //  16. Oktober 2011  //  Tagged: , , ,  //  6 Kommentare

Jan Soldat, Interim

Interim (2011)

Ein kühl graues, aktuelles Deutschland, bei dem einem das Herz stehen bleibt. Eine triste, städtische Mietshauswohnung darin ist der emotional sterile Lebensraum der jungen, weiblichen Hauptfigur. Mit tonloser, fast schon toter Sehnsucht betrachtet sie die Beziehung ihrer Mitbewohnerin. Die hat an ihrem Freund wenigstens jemanden, der ihr am Tisch schräge, belanglose Alltagsanekdoten erzählt und mit dem sie schlafen kann. Unsere Hauptfigur aber ist allein. Sie wichst, trinkt Leitungswasser, wäscht sich die Hände, dann bringt sie den Müll runter, fährt im Bus durch die üblichen Straßen mit den üblichen Läden. Die Jungs in der S-Bahn reden über die Vor- und Nachteile von Handys oder Festnetzanschlüssen; mehr hat hier kommunikativ keiner zu bieten in diesem funktionalen, bis unters Minimum reduzierten Leben. Dann kommt ihr Mitbewohner heimlich auch zu ihr. Er macht es sich selber, hinter ihrem Rücken, halb an sie geschmiegt, wenn sie scheinbar schläft. Später schläft sie dann mit einem nicht näher gezeichneten Fremden richtig. Der Regisseur sagt gleichsam nichts dazu; seine Art, zu filmen, hält sich scheinbar raus. Mein Lieblingsbild: wie sie reglos da liegt und sein Sperma aus ihr heraus rinnt. Es bleibt offen, ob das zufrieden aussieht. Oder ob da jemand nicht merkt, dass er weint. (Silvia Szymanski)

Interim

rein/raus (2010)

rein/raus ist, neben Interim, mein Lieblingsfilm von Jan Soldat. In den 1:06 min. (inklusive Vor- und Abspann), die der Film gerade mal lang ist, bringt er unromatisch und unmissverständlich auf den Punkt, was der Titel verspricht. Ich mag alles an dem Film. Die abrupten Schnitte, die Bildauschnitte, das Timing. Zudem ist mechanisch vollzogener Hetero-Sex für mich leichter zu ertragen, als die ein oder andere weitere sexuelle Spielart, die Soldat in seinen Filmen seziert. Ich würde sagen, das hat sogar etwas Beruhigendes, weshalb ich mir den Film auch immer mal wieder gerne ansehe. Als Pausensnack.

Längen hat der Film schwerlich. Umso vortrefflicher, dass nach dem hektischen Gevögel vom Anfang für etwa die hälfte der Laufzeit kontemplative Ruhe eintritt, nach getaner Arbeit, sozusagen. Ich mag die beiden Laiendarsteller, die im Film zu sehen sind, und die (als kleines Dankeschön für ihre Zeigfreudigkeit) ihren Swingerclub im Abspann promoten dürfen. Wie gesagt. Ich mag alles an dem Film. (Eckhard Heck)

rein/raus

Endlich Urlaub (2010)

Auch Endlich Urlaub, der 2010 auf dem Berliner Pornfilmfestival den Preis für den besten Kurzfilm erhielt, spielt in einem fies grauen Deutschland. Grau wie Taubenscheiße, wir sehen es noch vor der Titeleinblendung in Form einer beliebigen Bushaltestelle vom Balkon herab. Der Titel ist natürlich purer Sarkasmus. Drinnen verbringt ein Mann allein seine Zeit, masturbiert, bepinkelt sich selbst in seiner kotzgrünen Badewanne, befriedigt sich mit seinem Dildo. Jan Soldat hält sich auch hier raus, inszeniert antipsychologisch, benötigt kein gesprochenes Wort. Nur das inbrünstige, tiefe Stöhnen des namenlosen Protagonisten begleitet uns durch den dreiminütigen Film, bis in den Abspann hinein. Auffällig der völlige Verzicht auf externe Stimulation, etwa durch Pornovideos, Bildmaterial oder eben das Internet. Dem jungen Regisseur gelingt eine beachtlich geschlossene Einsamkeitsstudie im Kurzformat und gleichzeitig ein wichtiger Einschnitt in jene ungeheuer physische und doch meist keimfrei sexlose Ästhetik, die man gemeinhin mit der Berliner Schule assoziiert. Der Mann – wir erfahren im Grunde gar nichts und doch alles notwendige über ihn – blickt zum Schluss, auf dem Dildo sitzend, aus dem Fenster. Doch wohin soll es ihn schon ziehen?  (Marco Siedelmann)

Endlich Urlaub

Geliebt (2010)

Der Vergleich zu Ulrich Seidls schmerzhafter Quasidokumentation Tierische Liebe drängt sich geradezu auf – nicht nur weil im deutschsprachigen Raum nur wenig weitere Filme zum Thema Zoophilie existieren. Geliebt mag weniger unerbittlich sein und seinen Figuren gegenüber – hier sind es zwei zoophile Männer aus Berlin – offener eingestellt, mehr an konkreter Fragestellung interessiert als an alptraumhaften Tableaus, an denen es allerdings auch nicht gänzlich mangelt. Insgesamt zwar herkömmlicher und weniger originär als die anderen Kurzfilme von Jan Soldat, zeigt der fünfzehnminütige Film seinen Regisseur jedoch auch als unerschrockenen, ehrlich am Menschen und nicht am Urteil interessierten Dokumentaristen. Geliebt blickt tief in die kaputte Seelenwelt der beiden Hundeliebhaber, die von ihrer Beziehungsunfähigkeit aber ebenso offen erzählen wie vom Wunschdenken, die sexuelle Beziehung zum eigenen Hund könne eine funktionelle Beziehung ersetzen, weil Sprache „überschätzt“ wird und die Menschen sich ohnehin nicht viel relevantes zu erzählen hätten. Ein traurig stimmender Film, der sicher noch besser geworden wäre, wenn Jan Soldat (wie ursprünglich beabsichtigt) schonungsloser vorgegangen wäre und im entscheidenden Moment nicht abgeblendet hätte. Aber das ist viel verlangt. (Marco Siedelmann)

Geliebt

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6 Kommentare zu "Interim und andere Kurzfilme von Jan Soldat"

  1. david 21. September 2012 um 20:53 Uhr · Antworten

    tag, hört sich ja spannend an, alles, gibt es auch eine möglichkeit sich die filme anzusehen, hab im internet nichts gefunden, danke

  2. Jan Soldat 18. Oktober 2011 um 10:58 Uhr · Antworten

    Klar :-)
    Habe mich nur gefragt, was das konkret mit Marco zu tun hat?
    Aber das ist wahrscheinlich zu persönlich. Ich will auf gar nichts direkt hinaus oder in irgendne Richtung vonwegen der hat der Probleme.
    Aber es interessiert mich schon.

  3. Silvia Szymanski 18. Oktober 2011 um 08:41 Uhr · Antworten

    Kommt drauf an, was man sich vorstellt, wenn man diesen Mann alleine wichsen sieht. Ist er unglücklich, weil er es sich alleine machen muss? Oder ist er ganz zufrieden, weil keiner nervt? Pinkelt er sich an, weil er das mag und niemandem Rechenschaft schuldig ist oder weil alles so schrecklich egal ist? Man hat halt unwillkürlich eine Vorstellung im Hinterkopf, auch wenn man sie nicht dem Film entnehmen kann.

  4. Jan Soldat 18. Oktober 2011 um 00:06 Uhr · Antworten

    Ich auch!
    Aber Marco reflektiert/rezipiert den ganzen Kurzfilm weitaus düsterer und negativer, wie ich ihn sehe.
    Woran das wohl liegt?

  5. Eckhard Heck 17. Oktober 2011 um 16:10 Uhr · Antworten

    Den Titel „Endlich Urlaub“ habe ich eher als ironisch, nicht als sarkastisch empfunden.

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