Bottom

Von  //  17. Oktober 2011  //  Tagged: , , ,  //  Keine Kommentare

Todd Verow, von Beruf bis heute Filmvorführer, hat nie als bequemer Filmemacher von sich reden gemacht. Seine ultragünstigen Eigenproduktionen beleuchten vielmehr stets dunkle Aspekte schwuler Sexualität zwischen unromantischer Todessehnsucht und abgestumpften Gefühlslandschaften – wie der Regisseur in einer Episode Durch die Nacht mit… freimütig erzählt, sammelte er selbst Erfahrungen als Stricher und weiß daher, wovon er filmt, wenn er sich in urbane Abgründe begibt und einsamen, verzweifelt nach ultimativen Exzess ringenden Sex in Szene setzt. Mit diesem Film ist Verow nun endgültig dort angekommen, wo sich sein Werk wirklich nur noch sinnhaftig mit Bottom betiteln lässt.

Inspiriert wurde diese zutiefst beunruhigende Dokumentation (tatsächlich kann ich sagen, das mir vielleicht kein Film zuvor körperlich so intensiv zugesetzt hat) von einem anonymen Blogger, der sein extravagantes Sexlife unter dem Titel Confessions of a Bareback Sauna Slut – No Condoms. No Fear. No Regrets. [Vorsicht: klicken auf eigene Gefahr, explizites Material!] mit der Welt teilt.  Der Film übernimmt die Texte der Blog-Beiträge als verfremdeten Voice-Over und zeigt bis auf das Gesicht des anonymen Hauptdarstellers jedes noch so schmerzhaft verstörende Detail eines gefährlichen Fetischs, von dem die meisten Zuschauer das erste mal hören dürften. Sogenannte Cum-Dumper sammeln die größtmögliche Menge Sperma in ihrem Körper und degradieren sich freiwillig zum Abfallcontainer für so viele Männer wie möglich.

In der durchanonymisierten Welt der selbsternannten Cum-Whore (O-Ton) werden zärtliche Annäherungsversuche belächelt oder wahlweise als Belästigung empfunden, das Aussehen der zahlreichen Sexualpartner spielt allerhöchstens eine sekundäre Rolle, die Nutzung von Kondomen ist verpöhnt. Unser Erzähler berichtet von einer Orgie, an der ein Mann teilgenommen hat, dem man deutlich ansehen konnte, dass er positiv ist. „Hot“ bleibt der abschließende Kommentar dazu. Selbst vollgeschossene, herumliegende Kondome auf den Bar-Toiletten der Szene werden emsig gesammelt – denn in erster Linie geht es nicht um möglichst viele Ficks sondern um möglichst viele Ladungen Sperma.

Im Grunde ist nach wenigen Minuten alles gesagt zum wenig abwechslungsreichen und zermürbend planaufwendigen Lifestyle eines Cum-Dumpers – wenn direkte Fragen zur Neigung gestellt werden kommt dabei außer Rumdruchserei nicht viel raus, die Aktivitäten zwischen Chatrooms, Hotelzimmern, Szene-Bars bekommen schnell einen repetitiven Charakter. Vielleicht ist diese abgespulte Monotonie aber auch notwenig, um die hier zelebrierte Mechanik, Gleichgültigkeit und Todesverachtung in all ihrer routinierten Kälte begreifen zu können. Verow ist der Chronist jener im Schatten liegenden Seite der Emanzipations-Medaille queerer amerikanischer Subkultur: Er steht seinem Thema zwar verständnislos gegenüber, brandmarkt das Cum-Dumping jedoch keineswegs und bringt in seiner unaufgeregten Beobachtung durchaus viel Verständnis auf für die sehnsuchtsverzehrte Selbstzerstörung.

USA 2011 / Regie: Todd Verow

Bottom ist ein Beitrag des diesjährigen Porn Film Festivals.

Every Sperm is sacred - 17 säuberlich abgefüllte Ladungen

Every Sperm is sacred - 17 säuberlich abgefüllte Ladungen

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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