DVD: 100 Gewehre

Von  //  10. Dezember 2011  //  Tagged: , , , ,  //  2 Kommentare

Der virile Retter aus dem Norden kommt an

Der in Mexiko angesiedelte, amerikanische Revolutionswestern verzeichnet eine – verglichen mit seinem italienischen Pendant – wenig spektakuläre, um nicht zu sagen: kurze Karriere. Neben einigen älteren Exempeln, die häufig um den Volkshelden Pancho Villa kreisen, bleiben da aus einer relativ engen Zeitspanne vor allem drei hervorstechende Repräsentanten in Erinnerung: Peckinpahs The Wild Bunch, Siegels Two Mules For Sister Sara und, ihnen chronologisch vorausgehend, Gries’ 100 Rifles. Im Gegensatz zu den bewusst stark systematisierten, im revolutionären Südnordamerika spielenden Italowestern, die mehr oder minder häufig Ausdruck der gesellschaftspolitischen Aufbegehrens ihrer Urheber darstellten, dürfen zumindest die letzteren beiden der drei o. a. Beispiele als eher unbedarftes bis spaßverpflichtetes Entertainment kategorisiert werden.

Gries, der ein Jahr zuvor mit Will Penny eines der allzu unbesungenen Meisterwerke des Spätwestern geschaffen und mit diesem zudem noch ein paar elementare Weichen für die bald aufkommende Backwood-Horror-Welle gestellt hatte, entfernte sich mit 100 Rifles also von der existenzialistischen Schwere des Vorgängers und schuf einen eher flockigen, mit leicht komödiantischen Nuancen angereicherten Film, dem die Revolution keinesfalls als thematische Beschwernis, sondern lediglich als farbenfrohe Kulisse für die Narration seines verhalten turbulenten Drei-Personen-Stücks dient.

Drei Stars im revolutionären Clinch

Im revolutionären Mexiko des Jahres 1912 steht das zwischen Reformierung und innerer Zerrissenheit oszillierende Land vor allem im Zentrum internationaler Interessen. Deutsche Militärberater und nordamerikanische Eisenbahngesellschafter tummeln sich ebenso dort wie Söldner und Gangster von jenseits des Rio Grande, während jede Kleinstprovinz ihren eigenen Usurpator beschäftigt. Inmitten dieser explosiven Situation sucht der aus Arizona stammende, schwarze Deputy Lydecker (Jim Brown) nach dem flüchtigen Bankräuber Yaqui Joe (Burt Reynolds), dessen Ergreifung Lydecker Belohnung und Beförderung brächten. Als Lydecker die schöne, rachedurstige Mexikanerin Sarita (Raquel Welch) kennen lernt und darüberhinaus des Elends der indianischen Ur-Bevölkerung von Sonora ansichtig wird, die unter dem brutalen General Verdugo (Fernando Lamas) zu leiden hat, findet er sich bald seiner betont neutralen Position beraubt und stellt sich im Verbund mit Sarita und Yaqui Joe gegen Verdugo.

Letztlich verdankt es 100 Rifles, dessen ebenso professionelle wie zwanglose Erscheinung ich eigentlich stets gern mochte, zu meinem Leidwesen wohl nur zweierlei, populistisch aufgebauschten Faktoren, dass er nicht dem Vergessen anheim fiel: Nicht genug damit, dass sein Held ein – zum allgemeinen zeitgenössischen Geraune – Farbiger (nämlich der Ex-Football-Profi Jim Brown) ist, darf sich jener auch noch als überaus viriler Liebhaber produzieren und eine schwülstige Liebesszene mit Amerikas damals vorrangigem Sexsymbol Raquel Welch zum Besten geben, das ihm fürderhin (nach anfänglichem Widerstand, wohlgemerkt) ganz offensichtlich libidinös verfällt. Die Wildkatze: gezähmt via wuschigen Koitus! Burt Reynolds steht eher als alibihafter Faxenmacher daneben und weil der Film ohne ihn vermutlich wirklich langweilig würde. Ferner, was noch spöttischer zu werten ist, gibt es die Welch in einer kalkuliert ikonenhaften Darstellung während eines (bekleideten) Duschbades zu sehen, welches innerhalb des dramaturgischen Gefüges freilich „bloß“ als Kriegslist herhalten muss. Quasi die vulgäre Endsechziger-Variante der kleidverwehten Monroe über dem U-Bahn-Schacht.
Kleine Zusatznote für Europloitation-Enthusiasten: Die schöne Franco-Muse Soledad Miranda ist hier per namenlosem Kurzauftritt in ihrem einzigen, US-amerikanischen Film zu bewundern!

100 Rifles ist vor kurzem als zehnter Film in der renommierten, hübsch aufgemachten Reihe „Western Legenden“ bei Koch Media erschienen, für die a priori Kaufempfehlung gilt, zumal die schicken Buchboxen der Erstpressungen dem Vernehmen nach ziemlich fix ausverkauft sind…

100 Gewehre (100 Rifles/Tom Gries/USA 1969)


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Über den Autor

Frank Stegemann lebt und stirbt für Film und schätzt ansonsten mannigfaltige Arten von U-Musik, Comics, seinen verrückten Hund und bierselige Nachmittage und Abende mit guten Freunden. Sein mittlerweile recht umfangreiches Filmtagebuch führt er seit dem Sommer 2005 tapfer bei www.filmforen.de.

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2 Kommentare zu "DVD: 100 Gewehre"

  1. Silvia Szymanski 13. Dezember 2011 um 19:03 Uhr · Antworten

    Du hast Recht, wir sind besessen, Whoknows, es ist wirklich schlimm. Aber die Filme verwandeln sich einfach von selbst, wenn wir sie ansehen. Draußen machen sie einen auf Action, Western, Horror, aber sobald sie mit uns allein sind, werden sie nackt und fallen über uns her. Wir wehren uns, indem wir drüber schreiben. Doch irgendwann wird uns das nicht mehr helfen.

  2. Whoknows 10. Dezember 2011 um 13:59 Uhr · Antworten

    …eine schwülstige Liebesszene mit Amerikas damals vorrangigem Sexsymbol Raquel Welch spielen, das ihm fürderhin (nach anfänglichem Widerstand, wohlgemerkt) ganz offensichtlich libidinös verfällt: Die Wildkatze, gezähmt via wuschigem Koitus!

    Leuts, ihr schafft es wirklich, jeden Film in einen Porno zu verwandeln! Da freut man sich schon auf eure „Heidi“-Besprechung, die von einem sexgierigen Alpöhi berichtet, der sich versteift an Fräulein Rottenmeier (nix da, kein erhoffter Sex mit Minderjährigen!) heranmacht. :)

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