DVD: Der Rote Baron – Manfred von Richthofen

Empört betrachtet Manfred von Richthofen (John Phillipp Law) beim Betreten des Hangars, wie sein Techniker die Flugzeuge der ihm unterstehenden Jagdstaffel 11 mit Tarnfarbe bemalt. Auf die Frage, was das zu bedeuten habe, verteidigt sich der Mann damit, nur auf Befehl von oben zu handeln: Flugzeuge, die nicht gesehen würden, könne der Feind nicht abschießen, also seien sie mit Tarnfarbe zu bemalen. Doch dieses Denken widerstrebt dem Piloten: Er sei kein Feigling, der sich vor dem Feind verstecken müsse, um ihn dann aus dem Hinterhalt zu  attackieren, kämpfe vielmehr mit offenem Visier. Auf sein Geheiß werden die Flugzeuge folglich „in allen Regenbogenfarben“ bemalt. Der „Fliegende Zirkus“ quetschbunter Kampfflugzeuge, dem  Richthofen im signalroten Doppeldecker voranfliegt, wird berühmt-berüchtigt …

„Der Rote Baron“ Manfred Albrecht Freiherr von Richthofen, der im Ersten Weltkrieg die meisten Abschüsse und Luftsiege aller Piloten erreichte, bevor er im Alter von nur 26 Jahren selbst abgeschossen wurde, zählt zu den ikonischen Figuren des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen und der Militärgeschichte im Besonderen. Seine Leistungen trugen ihm nicht nur die Zuneigung seiner Landsleute ein, sondern auch den Respekt und die Hochachtung seiner Gegner: in Zeiten zunehmend technisierter und entpersonalisierter Kriegsführung vollends undenkbar. Dieser Status hat ihn für die Verwertung durch die Populärkultur geradezu prädestiniert: Schon 1929 entsteht der deutsche Film „Richthofen“, ab den Fünfzigerjahren verewigte der Cartoonist Charles M. Schulz den Kampfflieger in seiner Comicstrip-Reihe „The Peanuts“ als Traum-Nemesis von Snoopy, weitere Auftritte in Filmen folgten, darunter neben anderen (etwa „Der blaue Max“, 1966, oder zuletzt „Der rote Baron“, 2008) auch der von Exploitation- und B-Film-Papst Roger Corman 1971 inszenierte „Manfred von Richthofen – Der Rote Baron“. Corman geht in seinem Film vor allem der Frage nach, was es abseits seiner fliegerischen Fähigkeiten war, das auch den Feind dazu veranlasste, Richthofen zu verehren. Und bei der Beantwortung dieser Frage nähert er seinen Film dem etwa zeitgleich florierenden Spätwestern oder auch dem chinesischen Wuxia-Film mit ihren gegen den Wandel der Zeit ankämpfenden Ehrenmännern an.

„Von Richthofen and Brown“, wie der Film im Original heißt, arbeitet das Wesen seines Protagonisten – oder vielmehr: den Kern seines Mythos – aus der Gegenüberstellung mit seinem Mörder heraus. Richthofen ist in der Darstellung des seit „Barbarella“ nur noch als engelsgleich zu bezeichnenden John Phillip Law, der dem Piloten einen träumerisch-abwesenden Blick aus stahlblauen Augen verleiht, ein Ritter, für den Krieg ein sportliches Kräftemessen ist, dessen unumstößliche Regeln die Fairness einzuhalten gebietet. Sein Gegenüber hingegen, der in den Diensten der Engländer stehende Kanadier Brown (Don Stroud), ist ein kühler Pragmatiker und Realist, dem Sentimentalität ein Fremdwort und der Sieg alles ist. Als seine Kameraden im Offiziersheim einen Toast auf den großen Krieger Richthofen ausbringen, verweigert sich Brown dem Treiben angewidert. Er brächte lieber einen Toast auf die Soldaten aus, die von Richthofen ermordet worden seien. Sein respektloses Verhalten trägt ihm die Feindschaft aus den eigenen Reihen ein, gilt ihnen als Beweis für den Verfall der Sitten, bedeutet zudem einen krassen Verstoß gegen den militärischen Ehrenkodex. Doch im Verlauf des Films nähern sich die beiden zunächst diametral entgegengesetzten Pole an: In der gewaltigen Kriegsmaschinerie, die ja längst mit den Interessen der Wirtschaft verwoben ist, sich demzufolge kein Scheitern erlauben darf, ist kein Platz für Sentimentalitäten. Und für den Erfolg ist nun mal jedes Mittel recht. Richthofen wird genau zu jener bedingungslosen Ökonomie gezwungen, die Brown von Anfang an verteidigt hat, aber nun mehr und mehr als falsch erkennt. Der Krieg, das endlose ununterscheidbare Morden, das auch nur ein Warten auf den eigenen, irgendwann mit Sicherheit eintretenden Tod ist, widert ihn an. Als er am Schluss für den Abschuss des Roten Barons gefeiert wird, ist er geistig gar nicht anwesend, verzieht keine Miene, während der Leichnam des Roten Barons aus seinem Flieger heraus mit mahnendem Blick zu betrachten scheint, wie ein gewisser Hermann Göring, der sich zuvor als wenig zimperlich erwiesen hatte, zu seinem Nachfolger ernannt wird.

Es ist wahrscheinlich nur konsequent, dass Corman den militärischen Kontext der den Film bestimmenden Luftkämpfe weitestgehend ausblendet. Worum es in den einzelnen Gefechten geht, welche Rolle sie innerhalb des Ersten Weltkriegs spielen, was Sieg oder Niederlage konkret bedeuten, bleibt im Dunkeln. Die Auseinandersetzungen am Himmel tragen fast spielerische Züge, nur ein hin und wieder recht unvermittelt ins Geschehen platzender Bluteffekt erinnert daran, dass es hier um Leben und Tod geht. Auch räumlich unterscheidet Corman kaum zwischen den Engländern und den Preußen: „Der Rote Baron – Manfred von Richthofen“ spielt auf unidentifizierbaren Wiesen und Feldern irgendwo in Frankreich, in den behelfsmäßig errichteten Barracken der Kriegsparteien – und natürlich in der Luft. Doch so spektakulär diese Luftkämpfe auch sind, so logistisch anspruchsvoll ihre Inszenierung sicherlich war und so gut sie von Kameramann Michael Reed auch eingefangen werden, so wenig wirklich mitreißend sind sie doch, weil die schon auf dem Boden herrschende Orientierungslosigkeit und Gleichförmigkeit auch diese Szenen dominiert. Die Grenzenlosigkeit des Luftraums, die großen Distanzen, die dort von den Protagonisten überbrückt werden müssen, aber vom Zuschauer kaum überschaut werden können, ohne dass diesem Überblick wiederum die so wichtigen Details geopfert würden, machen es unmöglich, dem Geschehen zu folgen. Die Bewegung erstarrt in Bewegungslosigkeit. Anknüpfend an das Thema einer „Kunst“, die vom Effizienzzwang erstickt, eines Rausches, der in Ketten geschlagen, und eines Zeitenwandels, dem das Individuum gnadenlos geopfert wird, ist diese Statik sicherlich angemessen. Aber sie fördert nicht unbedingt das Interesse des Zuschauers. Nur eine Szene sticht wirklich aus dem sehr gleichmäßigen Film heraus: Als Flugzeugbauer Fokker Richthofen sein neuestes Werk präsentiert, die Kamera das Flugzeug wie ein Lustobjekt von allen Seiten betrachtet und eine attraktive Frau sich lustvoll an dessen stählernen Rumpf schmiegt, findet Corman zum ersten und einzigen Mal eine gewisse kritische Distanz zu seinem Sujet.

Die dieser Tage erscheinende DVD von Koch Media ist vor allem für Exploitation-Komplettisten und Freunde des Siebzigerjahre-Kinos, aber auch für Diskursanalytiker und Zensurexperten eine lohnende Anschaffung. Für erstere, weil der Film ­– eine der letzten Regiearbeiten von Roger Corman – ein Relikt aus einer Zeit ist, in der Exploitation wie diese den Prestigeproduktionen aus Hollywood produktionstechnisch noch ernsthaft Konkurenz machen konnte; für letztere, weil das Nebeneinander der deutschen und der Originaltonspur zeigt, wie Synchronisation immer wieder auch als Mittel der Entschärfung eingesetzt wurde. Wer versucht, dem schwer zu verstehenden O-Ton mithilfe der deutschen Untertitel, die wiederum auf der deutschen Synchro beruhen, zu folgen, wird aus dem Staunen darüber, wie hier Inhalte fast durchweg komplett falsch wiedergegeben werden, nicht mehr herauskommen. Und dass eine Untertitelspur durchgehen kann, in der beständig von einem „Hermann Göhring“ die Rede ist, sollte auch zu denken geben. Dass Roger Corman die Geschichte eines deutschen Fliegerasses unter Zuhilfenahme großzügiger Geschichtsklitterung erzählt, den Ersten Weltkrieg zum sportlichen Scharmützel kultivierter Ehrenmänner verklärt, finde ich demgegenüber sehr verzeihlich.

Der Rote Baron Manfred von Richthofen (Von Richthofen and Brown, Roger Corman, USA 1971)


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Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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