DVD: Valerie. Eine Woche voller Wunder

Von  //  7. Januar 2012  //  Tagged: , , ,  //  2 Kommentare

Wie diesen Film stelle ich mir einen verschleppten LSD-Tripp vor. Oder genauer: Einen verschleppten LSD-Tripp, den man im Traum durchlebt. (Wieso fällt mir gerade jetzt Hypnosemaschinen.blogger.de ein?) Jedes harmlose Ding kann plötzlich eine lebenswichtige Bedeutung haben, normale Menschen haben auf einmal fiese Fratzen, man kann niemandem trauen, die Welt wirkt zugleich entfärbt und unglaublich farbintensiv, man befindet sich unvermutet an seltsamen Orten, weiß aber nicht, wie man dorthin gekommen ist, die eigene Wohnung ist einem vertraut und doch völlig fremd, und trotz allem weiß man immer mit schlafwandlerischer Sicherheit, was zu tun ist. Valerie. Eine Woche voller Wunder ist tatsächlich eine Wundertüte. Grausam und märchenhaft unmenschlich wie Preußlers Krabat, betörend wie Drei Nüsse für Aschenbrödel und erotischer als mancher Sexfilm. Ich bin mir sicher, dass Terry Gilliam diesen Film mehr als einmal gesehen hat.

Ein Film über die Pubertät sei das, sagt die Kritik. Und vermutlich hat sie recht. Denn es geht um die Annäherung der elfenhaften Valerie (Jaroslava Schallerová) an den schelmischen Orlík (Petr Kopriva), der ihr verlorener Bruder ist und auch wieder nicht, um die Emanzipation von der elterlichen und großelterlichen Macht, erste hetero- und homosexuelle Annäherungen, das Übertreten von Grenzen, das Aushebeln von Rollenmustern und um die Entdeckung der eigenen Identität. Letztlich das typische Pubertätsprogramm. Mit Treffsicherheit und Feinnervigkeit lotet Valerie – Eine Woche voller Wunder die hellen und dunken Räume der Sexualität aus und zeigt, wie schmal der Grad zwischen Lust und Zwang, wollen und müssen sein kann. Atmosphären kippen im Nu, es wird viel zärtlich berührt, vorsichtig geküsst, manchmal grob gedrängt und nicht selten animalischen Trieben gefolgt. Bei all dem sieht man gerne zu, denn ästhetisch ist der Film zwischen elfenbeinerer Schönheit und morbider Hässlichkeit perfekt ausbalanciert. Als betrachte man ein bewegtes Aquarell, in das ein Zeichner skurille Figuren gezeichnet hat. Für den Nicht-Tschechen wird der Eindruck, den der Film hinterlässt, dadurch potenziert, dass es nur die (natürlich untertitelte) Originaltonspur gibt und die mal anschmiegsam-gurrende, mal scharfkantige oder grollende Sprache dem düsteren Kaleidoskop zusätzliche Tiefe verleiht.

Aber hier erschöpft sich dieser grüne Teich von Film, in dem mehr als nur eine Leiche ihrer Bergung harrt, noch lange nicht. Der Haken an der Sache mit der Träumerei: Eine Realität, in die man zurückkommen könnte, gibt es nicht. Jaromil Jireš hat einen Film gemacht, in dem es keine – noch nicht mal eine fantastische – Normalwirklichkeit gibt, an der sich die Protagonisten orientieren könnten. Valerie stolpert von einer Traumebene auf die nächste, wie in einem dieser seltsamen frühmorgendlichen Zustände, in dem man denkt, man sei wach – nur um festzustellen, dass man doch noch in irgendeinem Traum festklemmt, der sich bloß als Wirklichkeit verkleidet. Der Plot verlangt von Valerie (und vom Zuschauer), sich ständig neu zu positionieren. Gebäude offenbaren plötzlich ganz neue Räume, sonst vertrauenswürdige Figuren sind auf einmal blass und bedrohlich, es sterben viele, aber so richtig tot ist niemand, alles folgt einer eigenen Logik. Selbst Valerie bleibt für den Zuschauer undurchschaubar und tut Dinge, die so gar nicht zu einer tschechischen Märchenprotagonistin passen wollen (die Sache mit dem Huhn zum Beispiel…). Nichts ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Die Geschichte scheint in sich selbst gefangen zu sein, alles auf Anfang. Die letzte Einstellung, in der Valerie sich allein in ihrem Bett wiederfindet, könnte man als Aufwachen aus diesem unendlichen Schachtelschlaf deuten, aber was bitte ist das für eine Wirklichkeit, in der das Bett auf einer Waldlichtung steht…?

Tschechien 1970, Regie: Jaromil Jireš


Erschienen bei Bildstörung.


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P.S. Hier noch ein paar Screenshots, ich kann mich nicht überwinden, welche auszusortieren.

Über den Autor

Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Mitgründerin des Leerzeichen e.V., freie Lektorin und Journalistin. Im persönlichen Umgang ist sie launisch, besserwisserisch und pedantisch.

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2 Kommentare zu "DVD: Valerie. Eine Woche voller Wunder"

  1. Alex Klotz 7. Januar 2012 um 20:02 Uhr · Antworten

    Sehr schöner Text zu einem noch schönerem Film, Bianca! Toll, daß der auch in einer Deluxe-Version von Bildstörung veröffentlicht wurde. Ja, der Film fällt eindeutig in das Beuteschema der Hypnosemaschinen, und wie Du hätte ich da wohl Schwierigkeiten gehabt, nur ein paar Screenshots auszuwählen. Hatte allerdings vor einiger Zeit hier schon mal was zum Film geschrieben.

    • Frau Suk 7. Januar 2012 um 22:23 Uhr ·

      Ja, der Film ist phantastisch. Ich bin richtig hin und weg. Man könnte sich fast jede Einstellung ausdrucken und als Poster an die Wand hängen. Und wo die Tschechen immer diese unglaublichen Hauptdarstellerinnen herbekommen… Der Zauber dieser Filme ist einfach unübertroffen.

      Hatte gar nicht gesehen, dass Du den schon mal besprochen hattest, auch wenn die Assoziation an die Hypnosemaschinen sehr deutlich bei mir auftauchte. Aber da es kaum etwas gibt, das Du noch nicht besprochen hast, hätte ich mir das eigentlich denken können. ;-)

      Grüßle
      Frau Suk

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