DVD: Stadt der Verlorenen

Von  //  5. Februar 2012  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

Zwei Männer und eine begehrenswerte Frau in der Wüste – Ausgangspunkt nicht etwa für eine delikate Ménage à trois vor spektakulärer Kulisse, sondern für einen tödlich endenden Konflikt sowie für einen der schönsten Abenteuerfilme der fünfziger Jahre. Henry Hathaway hatte einen ganz ähnlich arrangierten Topos bereits in dem drei Jahre älteren Western Garden Of Evil abgearbeitet, in dem Gary Cooper, Richard Widmark und Susan Hayward sich durch unwegsames Gelände auf die Suche nach verschollenem Personal bzw. Gut machen. Erst Legend Of The Lost jedoch vollendet den Stoff weitgehend in Form und Narration.

Die Wüste als Ort der Identitätsfindung

Der wohlhabende Franzose Paul Bonnard (Rossano Brazzi) will von Timbuktu aus eine Expedition  ins Herz der Sahara wagen, wo sein Vater auf der Suche nach den Ruinen einer biblischen Stadt verschwunden ist. Angeblich sollen dort ungehobene Schätze lagern, mit deren Hilfe der etwas weltfremde Phantast Bonnard „eine Oase und Zuflucht für die Kranken und Verlorenen dieser Welt“ aufzubauen plant. Mit dem alten Wüstenhasen Joe January (John Wayne) als Führer macht sich Bonnard auf den Weg, nicht jedoch, ohne nächtens zuvor die Straßenprostituierte Dita (Sophia Loren) mit seiner Träumernatur zu infizieren. Dita folgt mithilfe der Tuareg Bonnard und January in die Wüste, so dass man sich zu dritt auf die Suche nach der verlorenen Stadt macht. Schließlich findet das Trio zwar keine Bibelstadt, dafür jedoch eine verfallene Römerkolonie – mitsamt dem skelettierten Leichnam von Bonnards Vater sowie zwei anderen Toten und einem entlarvenden Abschiedsbrief. Jener bringt Bonnard völlig aus der Fassung. Als Dita einen darauf folgenden Annäherungsversuch abblitzen lässt, macht er sich, betrunken und halb wahnsinnig gewordenen, mit sämtlichem Proviant, den Packtieren und den Schätzen auf den Rückweg. Die zurückgelassenen January und Dita, die eine neue Zuneigung zueinander entdecken, folgen ihm zu Fuß und können ihn unter größten Entbehrungen sogar einholen. Es kommt zur letzten Entscheidung.

Verrat und neue Perspektiven

Interessant an Hathaways geschlossenem Drei-Personen-Stück ist ganz besonders sein dualistischer Maskulinitätsentwurf: Wayne und Brazzi repräsentieren zwei klassische Männerbilder von entgegengesetzten Enden des Spektrums, die sich, in schwelender, zunächst tapfer abgeleugneter Feindschaft gegenübergestellt und infolge der ihnen auferlegten Extremsituation, jeweils zu ihrem prologisch vorgestellten Gegenteil entwickeln. Während Paul Bonnard zu Beginn als liebenswerter, weicher Visionär, Frauenversteher und Sympathieträger eingeführt wird, ist Wayne ganz der üblich von ihm inkarnierte Haudegen: Ein verschuldeter Abenteurer und Schurke, misogyn und opportunistisch, versoffen, höhnisch, frech. Später, vor die Trümmer seiner Existenzgrundlage gestellt, vergisst Bonnard dann binnen kürzester Entwicklungsphase zur Gänze sein einst so hehres Ethos und wird zu seinem eigenen Spiegelbild. Er trinkt eine Flasche Schnaps, wird unausstehlich, gemein; sogar zum Dieb und potenziellen Mörder aus Eifersucht und Niedertracht. Joe January indes mobilisiert seine humanen Reserven. Er beschützt und pflegt die zuvor von ihm permanent mies behandelte Dita und versucht schließlich Bonnard trotz aller Feindseligkeit das Leben zu retten. Seine endgültige Rehabilitierung erfolgt dann mit der damals noch probaten Christenfrage. Ob er an Gott glaube, fragt ihn Dita, was er kurz entschlossen bejaht und was – simple geistliche Kausalität – seine Rettung, respektive die des zueinander gefundenen Paares bedeutet.

Duke - und kein Weste(r)n in Sicht

Als – damals noch verhältnismäßig selten auftretende – italienisch-amerikanische Co-Produktion werkelte an Legend Of The Lost nicht nur Waynes Produktionsfirma Batjac, sondern auch die relativ kurzlebige römische Kino-Schmiede Dear Films. Die Innenaufnahmen entstanden daher in Cinecittà und wenngleich mit Henry Hathaway ein versierter Hollywood-Veteran den Regiestuhl besetzte, lässt sich eine gewisse, urtümlich mediterrane Spontaneität und Qualität im ganzen Habitus des Films nicht ableugnen. Insgesamt ein sehenswerter, prächtiger Genrebeitrag, eine von diversen Kollaborationen des Regisseurs und seines Stars, von denen (trotz des umstrittenen Circus World) keine ein wirklicher Fehlschlag war und die sich zu guter Letzt immerhin von Waynes einzigem (Augenklappen-)Oscar (für True Grit) gekrönt fand.

Stadt der Verlorenen, aktuell bei Koch Media auf Blu-ray und DVD als # 10 der schönen John Wayne Collection im Schuber erschienen, wartet mit der üblich hervorragenden Qualität der Veröffentlichungen dieses Labels auf. Das Scope-Bild ist scharf und farbintensiv, der Ton klar und rauscharm. Ein paar in der deutschen Kinofassung fehlende Segmente sind jetzt natürlich im Originalton zu besichtigen.

Stadt der Verlorenen (Legend Of The Lost / Henry Jathaway / USA/I 1957)


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Über den Autor

Frank Stegemann lebt und stirbt für Film und schätzt ansonsten mannigfaltige Arten von U-Musik, Comics, seinen verrückten Hund und bierselige Nachmittage und Abende mit guten Freunden. Sein mittlerweile recht umfangreiches Filmtagebuch führt er seit dem Sommer 2005 tapfer bei www.filmforen.de.

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