Gandu

Von  //  10. März 2012  //  Tagged: , ,  //  2 Kommentare

Bevor ich mit meiner Rezension zu Gandu beginne, muss ich mich outen: Bis vor wenigen Tagen hatte ich (zumindest bewusst) keinen einzigen indischen Film gesehen, noch nicht mal einen Bollywood-Streifen. Dann liefen mir aber gleich zwei indische Filme hintereinander über den Weg. Beim letzten Live-Audio-Kommentar zeigte Alex Klotz Jadu Tona (Schwarze Magie) dem geneigten Publikum in der Raststätte, und kurz darauf trudelte meine Rezensions-DVD von Gandu im HS-Büro ein. Die Vorführung in der Raststätte ist deshalb für diese Rezension relevant, weil ich bei der Sichtung von Gandu sehr von Alex’ Kommentaren zu Jadu Tona profitiert habe. (Ja, auch wenn Alex mich später darüber in Kenntnis gesetzt hat, dass – ich zitiere – Gandu „ein Bengali-Film [ist und] in einer anderen Tradition (Bevölkerungsgruppe, Dialekt, Standort)“ steht als der von Alex „gezeigte, der mehr oder weniger eine „typische“ Hindi-Produktion aus Mumbai war, die eher das repräsentiert, was weltweit als indisches Kino/„Bollywood“ wahrgenommen wird. Es gibt da aber noch viel mehr Facetten, neben den Bengalis z.B. auch noch das Tamilenkino, die erst recht als „Underdogs“ gelten und deren Produktionen budgetmäßig noch um einiges tiefer anzusiedeln sind… es ist ein weites Feld“. Ja, genau. Trotzdem. Räusper.)

Gandu ist jedenfalls ein senkrechter Gegenentwurf zu dem, was ich mir unter den indischen Traum- und Kitschkinowelten vorstelle. Nicht die schicken Reichenviertel werden gezeigt, sondern verlotterte Hinterhöfe und abbruchreife Häuser, keine prunkvollen Innenräume voller teuer Stoffe, sondern karge, ärmliche Bleiben, keine bunten Quietschfarben, sondern Schwarz/Weiß, keine zarte romantische Liebesgeschichten, sondern Wichserei, Sex und Abhängigkeit, keine Moral von der Geschicht, sondern Drogen und Dreck. Wenn ich von Gegenentwurf spreche, meine ich damit nicht, dass der Film die Stilmittel des indischen Kinos ignoriert oder ablehnt. Nein, er greift sie auf, stülpt sie um und hintertreibt mit viel Selbstironie und Zynismus genau die Botschaften, für die das Bollywoodkino berüchtigt ist. Dies zeigt sich sowohl in Details wie der Persiflage auf religiöse Praktiken als auch in strukturellen Elementen. Ein Beispiel hierfür sind die obligatorischen Gesangseinlagen, die, wie ich von Alex gelernt habe, üblicherweise die Handlungslogik und -chronologie durchbrechen: Die SängerInnen befinden sich plötzlich in völlig anderen Settings, wechseln im Verlauf des Stücks mehrfach die Kostüme und scheinen auch sonst von den Gesetzen befreit zu sein, die ansonsten im Film gelten. Auch Protagonist Gandu (Anubrata Basu) fällt beim Singen aus der Filmrealität heraus. Allerdings haben seine Rap Songs nicht die Funktion, die romantische Liebe und die Schönheit zu feiern oder durch die Blume zweideutige Anspielungen zu vermitteln. Gandus Rap ist die Musik gewordene Darstellung seiner unterdrückten Emotionen, seines Widerwillens gegen das Leben, seiner Ohnmachtsgefühle, seiner Wut. Allein schon dass es sich um Rap handelt, verrohten, sexualisierten westlichen Gossensound, muss im Licht indischer Filmtraditionen bereits grenzwertig erscheinen. Welche Empörung muss da erst die Tatsache ausgelöst haben, dass versteckte Erotik in den Stücken gar nicht notwendig ist, weil Sex und Geilheit (ja, auch die von Frauen) im Film ohnehin explizit gezeigt werden? Genug jedenfalls, um Gandu in Indien postwendend auf den Index zu bringen.

Der Collagencharakter mit Passagen in Videoclipoptik und Fake-Doku-Manier vermitteln den Eindruck, der Film sei schnell, grob und heftig. Allerdings braucht die Handlung Zeit, um in Fahrt zu kommen. Gandu (Wichser) – offenbar wie sein späterer Kumpel Ricksha nach seiner Hauptbeschäftigung benannt – schleppt sich durch Sinnlosigkeit, Apathie, Leere und Mangel an Lebensaufgaben. Das einzige, für das er morgens aufsteht, ist Rap (denn zum Wichsen muss man ja Gott sei Dank nicht aufstehen). Gandu lebt mit seiner resignierten Mutter (Kamalika) – ich hielt die Figur bis zum Abspann für seine Schwester, da mir der Altersunterschied zwischen den beiden zu klein vorkam – in einer trostlosen Wohnung, die von Muttis überaus potentem Liebhaber (Shilajit) finanziert wird. Gandus Alltag zieht sich wie ein dreckiger Kaugummi vom Straßenschuh, der einzige Nervenkitzel in Gandus Leben resultiert aus der Frage, ob er es noch einmal schafft, sich ungesehen an die Brieftasche des Lovers zu schleichen, während der gerade mit Mutter vögelt. Aber es lohnt sich, auch die zähen Phasen mit dem Protagonisten zusammen zu überstehen, denn Gandu bietet ein paar Höhepunkte, die es sich zu erleben lohnt. Der Wendepunkt ist Gandus Friedensangebot an den Bruce-Lee-verückten Ricksha (Joyraj Bhattacharya). Die Szene ist so unerwartet komisch und rührend, dass man plötzlich ungeahntes Potential hinter der grauen Film-Fassade wittert. Gandu und Ricksha lassen sich in eine innige Freundschaft treiben, rauchen Crackpfeifen und Heroin vom Blech und landen irgendwie im Leben (und in der Abhängigkeit). Rausch und Realität gehen ineinander über, und genau in dieser Zwischenzone findet dann auch der zauberhafteste und farbigste Sex statt, den ich seit Langem in einem Film gesehen habe. Spätestens hier ist kein Halten mehr. Der Film zieht alle Register, bespiegelt und kommentiert sich selbst und von Fatalismus kann keine Rede mehr sein – auch (oder gerade weil) nie klar ist, ob die Figuren sich endlich mitten im Leben befinden oder schon dahinter.

Über Gandu ließe sich noch viel mehr sagen, aber irgendwo muss man ja mal Schluss machen. Bildstörung hat jedenfalls ein gutes Werk damit getan, diesen schönen, vielschichtigen Film auf DVD zu pressen, der in seinem Produktionsland sicher noch lange keine Chance haben wird.

So, jetzt dürfen die Kenner indischer Filmkunst mich zerlegen.

P.S. Wer sich beeilt, erwischt vielleicht noch ein Exemplar der schicken limitierten Ausgabe mit Soundtrack.

Indien 2010, Regie: Kaushik Mukherjee alias Q


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Über den Autor

Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Mitgründerin des Leerzeichen e.V., freie Lektorin und Journalistin. Im persönlichen Umgang ist sie launisch, besserwisserisch und pedantisch.

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2 Kommentare zu "Gandu"

  1. Rai 12. Juli 2012 um 23:13 Uhr · Antworten

    Ich bin absoluter Indien-liebhaber seit Gandu – Möge die Independence Szene von allen Göttern gesegnet werden dass damit eine Bewegung losgetreten wird die den Namen INDEPENDENCE verträgt. Wahre Alternativscineasten MÜSSEN diesen Film ornanieren. Er ist ein Meilenstein. Danke dass Du Dir so viel Arbeit angetan hast diesem Film einen passenden Rahmen zu verleihen. Die Illusionszerstörung der Guru-Romantiker – Fabelhaft.

    • Frau Suk 13. Juli 2012 um 00:41 Uhr ·

      Danke für die Blumen!

      Frau Suk

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