Herbstromanze

Von  //  17. März 2012  //  Tagged: , ,  //  14 Kommentare

Nachtrag, 13. Januar 2014: Unsere reale Begegnung mit Jürgen Enz am 11. Januar 2014 zeigte mir in beschämender Weise, was für eine grandios schlechte Hellseherin und unsensible und nassforsche Schreibtischpsychologin ich doch bin, bzw. am Anfang unserer Enzfilmforschung, als dieser Text enstand, doch noch war! Ich erschrecke nun selbstredend vor mir selber gründlichst und werde das alles, alles sehr, sehr überarbeiten müssen!!! ;-)

Mein Hard Sensations Kollege Marco Siedelmann und ich spekulieren manchmal darüber, wer der deutsche Sexfilmer Jürgen Enz wohl eigentlich war, ob er vielleicht sogar noch lebt? Seine Filme wollten bestimmt nichts anderes als unterhalten, den Massengeschmack treffen. Aber das schaffen sie nicht. Sie sind ganz eigenartig daneben geraten.

„Herbstromanze“ ist ein später Enz, sein einziger Heimatfilm, aufgenommen im Wittgensteinischen Bad Berleburg, und Sex spielt kaum mehr eine Rolle. Er ist aber auch ein wohl typischer Enz: auf zwanghaft angstneurotische Weise aufgeräumt. Nichts darf schnell gehen. Man muss immer alles mitkriegen, nie den Überblick verlieren. Alle Sätze müssen laut und deutlich ausgesprochen werden, ohne ablenkende Mimik oder Gestik. Die menschlichen und animalischen Akteure werden wie Holzpuppen und -pferde in den Bildausschnitt geschoben. Wenn die Pferde zu schnell galoppieren, versetzt man sie in Zeitlupe.

Die Schauspieler spielen zombiehaft, gehorsam und als gäbe es sie nur in diesem Film. Wie hat Enz sie in diesen suggestiven Zustand versetzt? Er wird ja nicht mit allen geschlafen haben, wie Fassbinder, an den ihre schleppende, betäubte Manier manchmal gemahnt. Wie seltsam muss es für sie gewesen sein, Enz Regie führen, seine fünfzehn Filme/Nichtfilme Tag für Tag schleppend scheitern und zugleich entstehen zu sehen. Was hat ihn getrieben, wie fand er Produzenten, die an den Erfolg dieser merkwürdigen Totgeburten glaubten?

Einmal spielen der Kavalier alter Schule, Freiherr Benno von Caldern (Rudolf Lenz), und die reife Schönheit, Witwe Christina (Anke Syring), miteinander Schach. Sie wartet darauf, dass er sagt: Bleib und werde meine Frau, doch er versteht das nicht. Da geht sie zum Fenster und weint. Und er: „Du weinst ja.“ Sie: „Das ist nichts, das sieht nur so aus.“ Und er: „Ach so. Gut, dann lass uns noch eine schöne Partie Schach spielen.“ Wie in „Welcome Mr. Chance“ mit Peter Sellers, aber unfreiwillig.

Die temperamentvollste Szene sehen wir in diesem Filmausschnitt hier, den uns unser Kollege Christoph von den Eskalierenden Träumen zugespielt hat…

Dieses Hin und Her der Blicke der verwirrend vielen, ähnlich aussehenden Personen, ihr Interagieren, das Herum- und über die Tischplatte Reichen von Butter, Brötchen und Marmelade, das plötzliche Hereinkommen des Spaßvogels Leroy: Die Choreographie muss den Regisseur an seine Grenzen gebracht haben.

Das Erntedankfest, von dem bei Tisch gesprochen wird und zu dem man dann fährt, ist auch schon wieder ruhiger. Es gibt eine sehr langsame Formationstanzperformance einer nach zwei Geschlechtern säuberlich sortierten Trachtengruppe; dort, wo die Jungen eine Sense haben, haben die Mädchen einen Besen. Bei einer von Stummheit umgebenen Actionszene, einer kleinen Rüpelei, fällt der lebendigste Satz des Films, gesprochen von einem aufgebrachten jungen Mann: „Wenn ich du wäre, würde ich mir selber in die Fresse hauen.“ Ein Satz wie eine unendliche Reihe von Spiegeln.

Das mit der „Stummheit“ fällt mir nicht von ungefähr ein. Etwas in Enz` Leben muss mit Leuten zu tun gehabt haben, denen ein Sinn fehlte. Im Tagebuch einer 17-Jährigen war die junge Hauptperson gebannt von einem Blinden, dem sie öfter zufällig in der Stadt begegnete und der ihr Leid tat. Diese Episode hatte mit den Sexgeschichten, die dem Film seine Daseinsberechtigung im Offiziellen gaben, nichts zu tun; sie muss Enz aus anderen Gründen wichtig gewesen sein. In Herbstromanze ist es ein stummes Mädchen, die Tochter Christinas. Beide sind ja Gäste in der Reiterpension des oberförsterartigen Benno. Das stumme Mädchen freundet sich mit einem Mädchen aus dem Dorf an. Die beiden Freundinnen legen sich in weißen, konservativ romantischen Röcken und Blusen auf das Bett in ihrem Zimmer, betrachten ein Buch mit Pferden, greifen nach der Hand der anderen, wie in David Hamilton`s „Zärtliche Cousinen“. Enz zeigt hier sein zartes, schüchternes Gefühl für die schlichte Einsamkeit und Traurigkeit junger Mädchen und die bescheidene Art und Weise mancher gehandicappter Menschen, ihr Schicksal zu tragen, ohne zu klagen. Diese braven, anständigen, unschuldigen Seelen, die sich im Schutz ihrer Privatsphäre ihrem Tagebuch oder einer besten Freundin offenbaren: Ich denke, darin sah sich Enz gespiegelt.

Es gibt verhaltene Filme, wie die von Ozu, bei denen man denkt, diese Menschen sind zu förmlich erzogen, um ihre Gefühle zu zeigen, aber sie finden das gut und führen ihre Leben in Würde. Enz’ Verhaltenheit scheint etwas anderes zu sein. Sie ist aber auch nicht die schreiende Tristesse enttäuschter großer Lebenswünsche. Ich stelle mir vor, dieser Mann hat größere Wünsche überhaupt nie entwickelt; er steckte vielleicht sein Leben lang in einem wahnsinnig eng gestrickten Pullover. Nicht wissend, was die anderen treibt und was sie meinen, schiebt er seine Figuren hin und her. Wie große Puppen in einem mechanisch gesteuerten Märchenwald-Guckkasten oder Männchen in einem einfachen, ernsten Comic mit übergroßen Sprechblasen. Enz macht ihnen Kammern zurecht und fegt für sie die Plätze leer. Er zieht sie manchmal aus und legt sie übereinander und weiß dann kaum mehr weiter.

Der Film lässt sehr viel Raum. Ausgiebig Erholung findet man beim Betrachten der Bilder sanfter Hügel, der langsam herankommenden Pferdekutsche, überhaupt der Pferdesequenzen. Manchmal blickt der Film, um von seinem immanenten Schmerz und seinen Problemen abzusehen, auf den spaßigen Mann Leroy in einer Nebenrolle, der gemächlich harmlose Witze macht und dann wieder von der Bühne geht. Ich glaube, es kam in diesen Momenten in Enz dankbare Wärme auf für diesen Mann, der so gestrickt war, die Dinge lustiger zu sehen.

Liebevoll sind die einzelnen Kapitel mit einer schön geschwungenen Schrift gekennzeichnet… die dahin pluckernde Musik… der steife Grandseigneur Benno, der oft einfach nur „ja“ sagt…. die Sammlung von blauen Tellern an der Wand der Essecke, wo gefrühstückt wird… was bedeutet das nur alles?

Ich werde mich weiter in dich hinein knien, Enz. Denn du und ich, wir haben etwas mit einander zu tun. Ich hätte vielleicht du werden können, wenn ich mit 13 in die Dachkammer aufgestiegen wäre und mich dort an einer Spindel gestochen hätte. Dein ganzes Dornröschenschloss schläft. Küchenjungen, Mädchen, reife Schönheiten, Gentlemen, Clowns, alles verharrt fast eingefroren in einer einst angedachten, doch nie vollzogenen oder nur ganz zögerlichen Bewegung. Auf dass das Leben, das dir Angst bereitet, nur in qualvoll kleinen Dosen stattfinde. „Enz“, dein Name ist ein Synonym für Angst. Du bist wie diese schmucklos klotzig modernisierten Häuser in der Eifel, deren Anblick einen Menschen so stocksteif bannen kann, dass ihm die Beine zusammenwachsen. Du bist wie die weiße Damastserviette neben dem panierten Schnitzel, den butter- und petersiliebeklebten mehligen Salzkartoffeln aus dem Dampfdrucktopf. Du bist die Kreuzstickerei auf einem 70er-Jahre-Mädchenblüschen. Das rührt mich. Beinah lieb ich dich. Wenn auch nicht sehr. Ich werde zu dir zurückkehren und mich weiter wundern, wundern, wundern.

P.S.: Dieser Film ist Marco und mir nach dem Angucken auf mysteriöse Weise abhanden gekommen. Es tut mir im Herzen weh, dass ich den Lesern deshalb keine Bilder zeigen kann. So vergeht alles. Lasst uns locker und lebendig sein. Ihr seht in solchen Filmen, wo`s sonst drauf hinausläuft.

BRD 1980, Regie: Jürgen Enz


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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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14 Kommentare zu "Herbstromanze"

  1. Karlsson 7. März 2013 um 14:13 Uhr · Antworten

    Leute, was muss ich da lesen?

    Zitat: „…im sauerländischen Bad Berleburg…“

    Bad Berleburg grenzt zwar ans Sauerland, gehört aber beim besten Willen nicht dazu.

    Wittgenstein heißt unserer Gegend. Falls zwingend notwendig auch „Siegen-Wittgenstein“

    Mit der Bitte um Korrektur :-)

    Grüße aus Bad Berleburg!

    • Silvia Szymanski 7. März 2013 um 14:43 Uhr ·

      Um Himmels Willen! ;-) Wird sofort geändert!

  2. Nina 13. Februar 2013 um 16:10 Uhr · Antworten

    Haha, ein herrlicher Text! Film nicht gesehen, aber jetzt großen Apetitt darauf.
    Danke.

  3. vannorden 18. März 2012 um 02:03 Uhr · Antworten

    „Ein Satz wie eine unendliche Reihe von Spiegeln“ – genau, genau, genau. Der ganze Film!

    „Du bist die Kreuzstickerei auf einem 70er-Jahre-Mädchenblüschen. Das rührt mich. Beinah lieb ich dich. Wenn auch nicht sehr. Ich werde zu dir zurückkehren und mich weiter wundern, wundern, wundern.“ du sprichst mir ja so aus dem Herzen. Es ist unfassbar. Ich habe, den Film heute schnell geguckt (mein erster Enz), damit ich ihn gesehen habe, bevor ich das hier lese … und ich bin deutlich euphorisierter als du, aber trotzdem finde ich den Text wunderbar und finde mich und diesen wunderbar unfassbaren Film wieder, dass es nur so eine Freude ist.

    • Silvia Szymanski 21. März 2012 um 12:16 Uhr ·

      Dein Moviepilot-Artikel (http://www.moviepilot.de/movies/herbstromanze) ist aber auch sehr prima, vannorden!

    • vannorden 22. März 2012 um 12:43 Uhr ·

      Ist direkt nach dem Film mit noch zitternden Fingern reingehämmert worden. Also danke :)

    • Christoph 22. März 2012 um 16:49 Uhr ·

      Die „somnambule Strangeness“ (wie du so unfassbar trefflich an anderer Stelle geschrieben hast) von HERBSTROMANZE ist allerdings doch eher ein Zenit im Enzschen Schaffen und bricht nur selten durch die allumfassende Düsternis und Todessehnsucht seiner (Sex-)Filme. Er hat sie seinem keuschesten und heilweltigsten Lieblingsprojekt vorbehalten. Am ehesten gibt es sie noch in WAIDMANNSHEIL IM SPITZENHÖSCHEN. Teilweise auch in DER SEXBARON VON ST. PAULI, aber den kann man nicht ertragen. Du solltest eben doch den unvermeidlichen AUS DEM TAGEBUCH EINER SIEBZEHNJÄHRIGEN, hinter dich bringen. Somnambules Sterben sozusagen.

      Übrigens schreibt ihr doch alle nur, das YouTube-Video zeige die beste Szene, weil es euer erster Kontakt mit dem Film war.;) Ich finde nicht, dass das der absolute Höhepunkt ist, da stehen noch einige gleichwertige (aber vom zeitlichen Ablauf nicht so eng vollgestellte, daher YouTube für diese Szene) Momente daneben, etwa der Wald- und Wiesenausflug der Teenager, der Ausritt des schmierigen Sohnes mit dem blonden Gift, natürlich das Erntdankfest, der finstere, zerschmetternde Anfang… vieles, wirklich vieles. Ein reicher Film.

  4. Lucki 17. März 2012 um 20:43 Uhr · Antworten

    Also der Filmausschnitt ist doch die totale Scheiße

    • Christoph 17. März 2012 um 21:54 Uhr ·

      Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.

    • vannorden 18. März 2012 um 02:08 Uhr ·

      Ha, Christoph, das hab ich auch gedacht (wenn auch nicht wortwörtlich (-; ). Ich weiß noch wie ich „zufällig“ mal nach einem anderen Link dort gelandet bin und ich war hin und weg. Und ich wollte unbedingt dieses Ding sehen, was einfach nur alle meine Synapsen sprengte. (Wenn es auch die beste Szene des Films ist, konnte er halten, was sie versprach.) Jedenfalls interessant, wie unterschiedlich jeder auf diesen Ausschnitt reagieren kann.

  5. Whoknows 17. März 2012 um 20:01 Uhr · Antworten

    Möchtest du unter dem Nick „Dornröschen“ gelegentlich für „Whoknows Presents“ Gastkommentare schreiben? – Dann gebe ich euch auch die abhanden gekommene DVD zurück. :D

    • Silvia Szymanski 21. März 2012 um 12:11 Uhr ·

      Du warst das also, Whoknows! Dann hast du auch mein Festplattenkabel? Und der arme Marco macht sich verrückt, weil in seinem Zimmer dauernd Dinge verloren gehen, die ihm oder mir gehören. Ich würde auch gern so spuken können wie du. Es ist so langweilig hier im Schloss.

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