DVD: I’m Still Here

Von  //  19. April 2012  //  Tagged: , , , ,  //  2 Kommentare

Nach seinem Erfolg mit der Johnny Cash-Biographie Walk the Line kündigt der Schauspieler und Superstar Joaquin Phoenix urplötzlich an, mit eben dieser Schauspielerei aufhören, und seiner wahren Berufung nachkommen zu wollen: Musik zu machen. In I’m Still Here wird nun dieser Versuch, sich als Rapper zu etablieren, dokumentarisch begleitet. Laut Eigenaussage stecke in der Musik sein ganzes Herzblut. „Joaquin Phoenix – the actor“ sei eine konstruierte Persona gewesen, die seinem Wesen nicht entspräche, und nun sei es an der Zeit für diesen künstlerischen Wandel. Die Filmwelt ist geschockt. Die Nachricht rast durch die Medien, die Celebrity-News überschlagen sich. Doch Phoenix scheint Ernst zu machen…

Der Film Casey Afflecks begleitet den Künstler fortan auf seinem Weg als Musiker, und rückt ihm dabei ganz dicht auf den Leib. Dargestellt wird alles, und sei es noch so privat und häßlich. Aufgenommen ist I’m Still Here auf HD-Video mit wackligen Handkamerabildern, oft schlechtem Licht und O-Ton; es sind dies die üblichen Garanten einer Authentizität, die vollkommen im Realen verhaftet sei. Dass der Film ein Fake, ein riesiges Täuschungsmanöver ist, war lange Zeit unbekannt. Spekulationen gab es viele, Genaues wußte man nicht.

Und so begleitet man Phoenix auf seinem Weg zum Hip-Hopper, der seinen Vorschuß als etablierter Medienstar auszunutzen weiß und gleich auf das nächste ganz Große Ding schielt. Und man kann dann erstmal kaum glauben, dass derselbe Sänger, der auf umwerfende Weise Johnny Cash zu interpretieren wußte, nun als Rapper ein solches geleiertes Gekrächze verlauten lässt. Auch seine primitiven, agitorisch-biographischen Texte hauen in diese Kerbe. Dass Phoenix sich hier gewaltig verhoben haben könnte, wird recht schnell klar; doch je mehr er sich auf seine Positionen versteift, und je rücksichtsloser er seinen Weg geht, desto unumkehrbarer schneidet er sich den Rückweg ab.

Höhepunkte des Desasters sind dann die wenigen Live-Auftritte, die er absolviert: etwa in einem ausverkauften Edel-Club, bei dem das zunächst gutgelaunte Publikum sekundenschnell die Blamage erfasst und sich gegen Phoenix wendet. Der sich dann, vollgesoffen und auf Drogen, sogar von der Bühne auf einen Zwischenrufer stürzt und eine Schlägerei auslöst. Oder der wiederholt missglückende Versuch, P. Diddy als Produzenten zu gewinnen.  Dieser lässt ihn zunächst hängen und gibt ihm dann recht unverblümt zur Kenntnis, als Rapper habe er wohl noch einen weiten Weg vor sich. Dumm nur, dass Phoenix schon aller Welt erzählt hatte, P. Diddy würde sein Album produzieren.

I’m Still Here ist das Dokument des schmählichen Niedergangs eines Künstlers, ein „Blick hinter die Kulissen“ der Unterhaltungsindustrie, eine entlarvende Studie der bestürzenden Alltäglichkeit. Dass der Film freilich selbst an seiner Skandalhaftigkeit partizipiert und profitiert, sollte als Argument bei der Bewertung seiner Qualitäten nicht übersehen werden. Wie auch die Volte, die er schlägt, als gefaktes Ereignis, als perfekt simulierte Inszenierung. Vergleiche und Abgleiche zur großartigen HBO-Serie Entourage dürfen gezogen werden.

I’m Still Here, USA 2010; Regie: Casey Affleck.


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Über den Autor

Michael Schleeh schaut vor allem asiatische Filme. Seit ein paar Jahren betreibt er das Blog SCHNEELAND und schreibt Reviews für verschiedene Webseiten. Indisches Regionalkino ist sein aktuellstes Ding. ~~ Michaels Filmtagebuch: http://letterboxd.com/schneeland/ ~ Michaels Twitter: @mono_micha

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2 Kommentare zu "DVD: I’m Still Here"

  1. Whoknows 19. April 2012 um 14:18 Uhr · Antworten

    Herrlich! Von dem Ding habe ich noch nichts gehört. Ich bin überzeugt, es wird mich dazu bewegen, dem Mann seinen einschläfernden „Walk the Line “ zu vergeben. :) Abgesehen davon: Ich habe seit „Drop Dead Gorgeous“ (1999) eine Schwäche für Mockumentaries.

    • Michael Schleeh 19. April 2012 um 17:13 Uhr ·

      Fein, dann schau ihn dir an. „Walk the Line“ habe ich mir sogar zweimal angeschaut – von Schläfrigkeit keine Spur!

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