The Grey

Vielleicht ist ja das genau der richtige Ort dafür. Hier, wo sich alles verhärtet. Im Schnee. Im Angesicht des eisigen Windes. Im Angesicht des grauen, des grausamen Todes. Der Dich auseinander reißen will. Dein Rot zu dann gleichfalls erstarrenden Spritzmustern in das Weiß zeichnen will und wird.

Der richtige Ort dafür. Für das endgültige Ende. Den letzten Kampf. Hier. Heute. Für ein paar wilde Kerle, die nicht verstehen können, warum ausgerechnet sie das Zerbersten der Maschine (einigermaßen) heil überstanden haben und die dann, wie das eben so ist in solchen Situationen, wenn da plötzlich ein Bein fehlt oder schlimmer noch, noch körperlich gar nichts fehlt und der Tod trotzdem schon unabwendbar scheint, die Tragweite dessen was da gerade geschieht, nur Schritt für Schritt begreifen.

Joe Carnahan, dessen Karriere auf einem Kinderspielplatz in Detroit begann, mit einer gezogenen, großkalibrigen Handfeuerwaffe in der Hand (damals 2003 mit Narc), dieser Carnahan, der jetzt zwei Filme lang ganz aufgekratzt in die Luft geballert hat, der blutet hier nun mit der unvermeidlichen, der abgeklärten Ruhe eines Bauchschusses gnadenlos einfach aus. Ganz unaufgeregt. Ganz im Ernst. In der Wildnis, die hier überraschend körperlich von der Leinwand knallt. Bei der man im Wald das nasse Holz zu riechen meint. In der wir immer wieder ganz, ganz nah dran sind an diesen grimmig verstoppelten Männergesichtern. Allen voran an dem von Neeson, dem man hier so nahe kommt, dass es einen fast schon unangenehm berührt.

Natürlich auch, wegen der nicht zu verdrängenden Überschneidung von Film und Leben, weil ja auch Neeson selbst, vor wenigen Jahren verdammt tragisch seine Liebe, die umwerfende Schauspielerin Natascha Richardson verlor. Ihn hier nun zu sehen, wie er einer im Film lange unwirklich engelsgleichen Frau hinter trauert, mit an Selbstaufgabe grenzender Verzweiflung… verdammt, das ist schon hart. Zusätzlich hart, in diesem sowieso schon unfassbar harten Film. No nonsense hart. Auch wenn die Wölfe manchmal nahe dran sind, gefährlich digital, fast auch etwas zu maskenhaft funkeln, gefährlich sind sie dann eben doch ganz wirklich. In der Wirklichkeit dieses sehr direkt wirklichen Films. Echte Killer. Wahre Monster. Überwältigend tödlich. Nichts für Tierfreunde.

Das passt. Fügt sich perfekt zusammen. Ungläubiges Staunen über das unwirkliche Gefühl, das nun wirklich Schluss ist. Ein brutaler Tod unabwendbar scheint. Staunen über den delirierenden Übergang ins Reich der Toten, in dem Neesen kürzlich, vor einer Woche erst, noch gekreuzigt festhing (dem Zorn der Titanen ausgesetzt). Jetzt hier, wird es ernst für ihn. Verdammt ernst. Für uns ist das natürlich gut. Sehr gut. Intensiv wie nur ganz wenig Anderes in diesem an Intensität ja nicht gerade armen Kinojahr. Diesen Schnee, diese nasse Kälte schüttelt man nicht mehr so schnell ab. Da bleibt man noch lange drauf hängen.

The Grey / The Grey – Unter Wölfen, USA 2011, Regie: Joe Carnahan


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Über den Autor

SEBASTIAN SELIG lebt im Kino und schreibt darüber in so bunten Magazinen wie Hard Sensations, NEGATIV oder der Deadline. Im vergangenen Jahr hat ihn seine unermüdliche Begeisterung für das Kino dazu getrieben, einen Kinostart von "Under the Skin" im deutschen Sprachraum durchzukämpfen.

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