Hausu

Von  //  13. Mai 2012  //  Tagged: , , ,  //  Keine Kommentare

Nobuhiko Obayashis Hausu ist eine 88-minütige Fahrt durch die psychedelische Geisterbahn der 70er Jahre. Man nimmt in einer Rikscha Platz, bestaunt ihre gelblich-glitzernde Plastikbordüre, die sich nicht mal die Mühe macht nach echtem Gold auszusehen und lässt sich von den halluzinatorischen Bewusstseinsströmen und mysteriösen Absurditäten durch das abgewetzte, japanische Spukhaus ziehen. Vielleicht wird man lachen, vielleicht wird man sich sogar erschrecken. Aber auf jeden Fall wird man auf unkonventionellste Weise unterhalten.

Die Gondel läuft gemächlich an. Jahrmarktgeschrei, Bratwurst-, Popcorngeruch und Tageslicht finden anfangs noch ihren Weg ins Gesicht des Zuschauers, während die Protagonistinnen vorgestellt werden: Die eitle Oshare ist das Herzstück einer typischen Freundinnenclique in einer typischen japanischen Vorstadt. Die Clique besteht aus sieben Charakterköpfen, deren Eigenarten sich in ihren sprechenden Namen wiederspiegeln. So ist Kunfuu das „Pack an und Hau drauf“-Mädchen, das ihrer verträumt- ängstlichen, aber auch fantasievollen Freundin Fanta im Laufe des Films immer wieder den filigranen Porzellanhals aus der Schlinge zieht. Mac sieht man häufig mit Nahrungsmitteln, Melody oft mit Musikinstrumenten in der Hand. Prof ist die „Köpfin“ des Gespanns, Sweet putzt gern und Oshare putzt sich gern raus. Außerdem freut sie sich auf den gemeinsamen Urlaub mit ihrem Vater in Karuizawa. Der hat allerdings nach dem Tod von Oshares Mutter auf Geschäftsreise eine neue Frau kennengelernt und lädt sie prompt ein, mit in den Urlaub zu fahren. Oshare gibt den trotzigen Teenager und arrangiert auf eigene Faust eine Reise zu ihrem „geliebten Tantchen“ und wie das in der fiktionalen Welt der Filmemacher und Göttern aus Maschinen so ist, fällt auch der Urlaub der Freundinnen spontan „zufällig“ ins Wasser. So können alle gemeinsam den Urlaub beim geliebten „Tantchen-lange-nicht-gesehen“ verbringen.

Die ranzige Rikscha stößt jetzt die Türen zum Geisterhaus auf. Man verlässt das Tageslicht und nähert sich Tantchen Ungewiss. Die ersten Minuten im Dunkeln sind seltsam kribbelig, die Augen müssen sich an die andere Atmosphäre gewöhnen und in Gedanken zeichnen sich mögliche Szenarien ab. Man überlegt, hinter welcher Ecke der Schrecken lauert. Kommt er von oben, von links oder von rechts? Und wie lange kann man die Spukhaus-Passagiere auf die übertragene Folter spannen, bis man die Protagonisten auf die Folter spannt?

Während die Mädchen das Haus erkunden und das offensichtlich bösartige, wahnsinnige und vor allem mädchenfleischhungrige Tantchen interviewen spitzt sich die Lage immer weiter zu. Das Haus greift samt Möblierung an, die Effekte werden häufiger, sind geballter, abstrakter und einfach abgefahrener. Man sitzt inmitten eines großen Regenbogens des Horrorfilmhandwerks der 70er Jahre, der zunehmend an eine japanische Variante der Rocky Horror Picture Show auf LSD erinnert. Ohne Drogeneinfluss könnte ich mir allerdings auch keine mordenden Kissen, menschenfressende Lampen oder ein kinderschändendes Klavier vorstellen. Die Figuren und Bilder sind trotz „härtester“ Handlungen weichgezeichnet, es funkelt, alles bewegt sich und einige Momentaufnahmen sind so überladen, dass man Angst hat so schnell gar nicht alles erfassen zu können, was da mit dem Bild passiert. Allerdings lohnt es sich gerade auf die Kleinigkeiten am Bildrand zu achten. Da lacht eine Melone, da tanzt ein Skelett, da rülpst ein Klavier, da verschwindet Tantchen im Kühlschrank, ohne dass jemand dem bewegten Kabinett der Absurditäten Aufmerksamkeit schenkt. Und wenn man sich schon für die Geisterbahn entschieden und schließlich auch schon bezahlt hat, sollte man sich doch auch bemühen alle Gruseleffekte eidetisch aufzusaugen.

Sobald die Gondel die Pforte ins Tageslicht passiert, ist man leicht benommen, ein bisschen verwirrt. Die Augen brauchen eine Zeit, um sich wieder an das Tageslicht und an Normalität zu gewöhnen. Die Umgebung kommt einem plötzlich gestochen scharf vor. Außerdem habe ich jetzt Respekt vor plüschigen, weißen Katzen. Man kann sich jetzt anderen Attraktionen auf dem filmischen Jahrmarkt widmen, aber ich würde gerne wieder in Hausu einsteigen. Und nächstes Mal nehme ich vielleicht Freunde mit auf diesen filmischen Trip der anderen Art.

Japan 1977, Regie: Nobuhiko Ohbayashi


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