DVD: Zinksärge für die Goldjungen

Zinksaerge für die Goldjungen

„Es ist 12:39 Uhr, das Wetter ist sommerlich schön. Soeben fährt die Queen Elizabeth in den Hamburger Hafen ein. Damit beginnt die Geschichte des Films. Diese Geschichte könnte überall spielen, sogar in der Stadt, in der Sie leben. Die Personen der Handlung sind frei erfunden, ihre Taten nicht. Und was heute noch als Produkt der Fantasie gilt, kann morgen schon Realität sein. Erschreckende, grausame Wirklichkeit.“

So beginnt ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN und der geneigte Zuschauer erkennt an dem höchst spekulativen Verweis auf eine finstere Realität (die paradoxerweise gleichzeitig als „Produkt der Fantasie“ ausgegeben wird) und der bekannten Erzählstimme von Dustin-Hoffmann-Synchronsprecher Manfred Schrott sofort die Handschrift von Produzent Wolf C. Hartwig, der sich mit der SCHULDMÄDCHEN-REPORT-Serie eine goldenen Nase verdiente und gleichzeitig deutsche Film-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte schrieb. Doch diese typisch deutsche Art, die auch die sensationsheischende Ankündigung schlimmster moralischer Vergehen noch seltsam betulich und pedantisch erscheinen lässt, kollidiert im weiteren Verlauf aufs Heftigste mit dem erfolgreichen Bemühen des Regisseurs und Crime-Spezialisten Jürgen Roland, genuin deutsche Action im großen Stil auf die Leinwand zu zaubern. ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN ist krachender Teutonen-Sleaze vom Feinsten, über den man eigentlich ausschließlich in Großbuchstaben oder in Lautmalerei schreiben müsste, um ihm gerecht zu werden. Denn er knallt nur so BANGBANGBANG, SCREEEEECH, KAWUMM, BOOOOM, WAHWAHWAH, DAMMDAMMDAMM, WROOOOOOOOM, RRRROOOOOOOARRRR! an einem vorbei, immer am Anschlag und kurz vor der Implosion.

Zinksaerge für die Goldjungen

Otto Westermann (Herbert Fleischmann) ist der heimliche König von Hamburg: Er beherrscht das Geschäft mit Prostitution, Glücksspiel und Schutzgelderpressung, hat seine Finger im Pferderennsport, Boxen und der Autoschieberei und regiert mit eiserner Hand, aber dem bürgerlichen Habitus eines mittelständischen deutschen Unternehmers, der zu schnell zu viel Kohle gemacht hat. Er bekommt Konkurrenz von dem einreisenden Italoamerikaner Luca Messina (Henry Silva), der mit seinem Gefolge sofort den Krieg um die Herrschaft über die Stadt gegen Westermann anzettelt. Dieser Kampf wird verkompliziert, als sich Westermanns braver Sohn Erik (Horst Janson) und Messinas schöne Tochter Sylvia (Patrizia Gori) nach dem Vorbild von Romeo und Julia in einander verlieben …

Das Bandenkriegs- und Mafia-Szenario, das man sowohl aus dem amerikanischen Gangsterfilm wie auch seinem italienischen Äquivalent kennt, wird von Roland geradezu brillant auf deutsche Verhältnisse eingenordet. In den Szenen um den fettleibigen Westermann – in so urdeutschen Settings wie dem Biergarten, in seinem mit neureichen Geschmacklosigkeiten vollgestellten Haus, auf der Kegelbahn und dem Schrottplatz – wabert beständig ein dicker blauer Schleier stinkenden Zigaretten- und Zigarrendunstes zwischen den rustikalen Möbeln, der Geruch abgestandenen Bieres und verschwitzter Polyesterhemden hängt in der Luft wie die patriarchaische Androhung einer saftigen Ohrfeige; seine Handlanger tragen buschige Koteletten vor den Blumenkohlohren und tiefe Furchen ziehen sich wie Schützengräben durch ihre Nachkriegsvisagen. Verbindet man das Treiben von Westermanns US-Pendants noch mit einem gewissen Glamour, da blickt einem hier die spießbürgerliche, von Großmannssucht verzerrte Fratze in all ihrer Hässlichkeit entgegen. Das wird umso deutlicher, wenn Messina ins Spiel kommt, von Silva als fleischgewordenes Mafiaklischee verkörpert und zur Komplettierung dieses Eindrucks mit einer fluchenden, spaghettifressenden Mamma ausgestattet, die laut Voice-over-Erzähler „Haare auf den Zähnen“ hat (überhaupt: diese Dialoge!). Wenn sich die beiden Rivalen am Schluss eine spektakuläre, auch heute noch fesselnde Bootsverfolgungsjagd durch den Hamburger Hafen liefern, dann meint man, der Sprung zum internationalen Actioner sei vollzogen – bis Westermann sich in der nächsten Szene für eine Bild-Zeitung beim Kiosk anstellt.

Zinksaerge für die Goldjungen

Mal ganz davon abgesehen, dass ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN von der ersten Minute an mit dem Gemüt einer Dampfwalze über den Zuschauer hinwegrollt, der treibende, unter anderem aus Alfred Vohrers kaum weniger großartigem PERRAK entlehnte Score einen beständig auf der Sesselkante hält und die Armada an charismatischen Charakterfressen – u. a. Raf Baldassarre, Dan van Husen, Peter Lehmbrock oder auch der spätere NDR-Ansage Denes Törzs – die Unterwelt lebendig werden lässt, ist Rolands Film der Beweis, dass das Siegel „Deutsche Action“ mal kein Widerspruch in sich war. ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN lässt ein längst vergangenes Deutschland vor dem Betrachter wiederauferstehen: eines, in dem sich Altnazis in ihren Spelunken trafen, bei Pils, Kippen und deutschem Liedgut krumme Dinger ausbaldowerten, in miesen Kaschemmen den dicken Max markierten und davon träumten, ihre Kirmesboxer zum nächsten Weltmeister zu machen. Man tut Rolands Film sicherlich kein Unrecht, wenn man in Eriks und Sylvias Kampf um ihre Liebe auch jenes Aufbegehren einer Generation wiedererkennt, die die Vergangenheit ihrer Eltern nicht einfach akzeptieren wollten. Ein Aspekt, der den Zeitmaschinen-Charakter von ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN vervollkommnet. Aber war dieses Deutschland tatsächlich jemals Realität oder doch eher Produkt einer mit Pulp und Groschenromanen vollgesogenen Fantasie? Eindeutig beides, wie es der eingangs zitierte Prolog suggeriert. Und für diese miefige Hyperrealität würde ich nur zu gern die Billy-Regale gegen eine schwere Eichen-Schrankwand eintauschen und bei Westermann einziehen. Und dann: RRRROOOAAAR, BAMMBAMMBAMM, WROOOOMMMMM, BANG!

Zinksärge für die Goldjungen (Jürgen Roland, Deutschland/Italien 1973)


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Über den Autor

Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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2 Kommentare zu "DVD: Zinksärge für die Goldjungen"

  1. Christoph 19. Juni 2012 um 18:12 Uhr · Antworten

    Wie immer sehr schön geschrieben, aber ich habe bereits beim Gesichtbuch genug ge-fanboy-t was das angeht.

    Das Werk selbst ist auch ein wunderbares Zeichen dafür, wie eigen aber doch gelungen eben das deutsche Kino auch sein kann, obwohl hier nach wie vor viele Anleihen am italienischen Gangsterkino der damaligen Zeit genommen wurde.

    Nichts desto trotz könnte in ähnlich nicht heimatverleugnender Art und Weise gerne auch mal ein weiteres Actionwerk jenseits solcher verquaster Hipster-Allüren wie „Offroad“ oder „Das Hochzeitsvideo“. Selbst ein sich bei Tarantino anbiedernder Til Schweiger mit seinem „Eisbären“ war da gelungener. Von einem „Knockin‘ On Heavens Door“ ganz zu schweigen, auf welchen das Gleiche mit leichten Abstrichen ebenfalls zutrifft.

    Schade, dass nicht endlich mal ein beidhändig rumballernder Cop in Köln „die Platte putzt“ oder sich im Münchener Braukeller eine zünftige Schießerei liefert. So viele Möglichkeiten, so viele hoffentlich nur bislang verschenkte Chancen…

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