Moonrise Kingdom

Moonrise Kingdom

1965. Ein Holzhaus auf einer Insel vor der Ostküste der USA. Drei Jungs sitzen in ihrem Zimmer und lauschen auf einem batteriebetriebenen Plattenspieler einer Stimme, die das Arrangement einer klassischen Komposition Stück für Stück aufschlüsselt. Ein etwas älteres Mädchen, Szuy (Kara Hayward) die Schwester der Jungen, steht am Fenster und schaut hinaus. Sehnsucht spricht aus ihren dunkel geschminkten Augen, aber auch eine Langeweile, für die sie eigentlich noch zu jung ist. Es ist ein Blick, wie er am Anfang vieler mal glücklich oder unglücklich verlaufender Geschichten von der ersten Liebe, dem ersten Mal und dem Erwachsenwerden allgemein steht. Doch das Objekt der Sehnsucht ist hier nicht der ölige Jock aus der Abschlussklasse oder der blondgelockte Traumprinz, sondern ein Waisenjunge, der schmächtige Sam (Jared Gilman), eine etwas linkisch wirkende Brillenschlange aus dem Pfadfindercamp. Zusammen mit Sam, der ihr wie ein edler Ritter während der Aufführung ihres Schultheaterstücks begegnet ist, reißt Suzy aus der Enge des Elternhauses in die Wildnis der Insel aus, über der sich gerade ein durchaus metaphorisch zu verstehendes Jahrhundertunwetter zusammenbraut …

Moonrise Kingdom

Als Wes Anderson mit RUSHMORE und mehr noch mit THE ROYAL TENENBAUMS vor etwas mehr als zehn Jahren bekannt wurde, da galt er als neue, ungewöhnliche Regiehoffnung. Mit einem fast gar nicht als solchem zu identifizierenden lakonischen Humor und einem immensen Stilwillen wirkte er ein wenig wie eine zeitgenössische Version Woody Allens, einer, die sich nicht mit europäischer Philosophie, klassischer Literatur, Klassik und Jazz, sondern stattdessen mit Abenteuerromanen, Popmusik und Designbildbänden vollgesogen hatte. All diese Elemente trieb Anderson in DIE TIEFSEETAUCHER auf die Spitze: einem knallbunten Quasi-Abenteuerfilm, hinter dessen cartoonesken Bildern sich in Wahrheit eine tieftraurige Geschichte über Lebensträume und das Platzen derselben verbarg. Wohl auch, weil das von vielen nicht verstanden worden war, formierte sich zum Erscheinen von THE DARJEELING LIMITED zum ersten Mal eine breite Kritikerfront gegen Anderson, deren Zorn sich genau an dem entzündete, was vorher noch für Begeisterung gesorgt hatte. Die Detailversessenheit, mit der Anderson seine Settings ausgestaltete, Requisiten auswählte und platzierte und sie ganz in den Fokus der Erzählung rückte, legten ihm viele nun als Oberflächlichkeit, Maniriertheit und Materialismus aus. Es war wohl sein Fehler, ausgerechnet dem iPod – einem Konsumgut, zu dem man anscheinend unmöglich keine Meinung haben kann – mehrere Großaufnahmen zuteil werden zu lassen. Da hörte der Spaß für viele Moralapostel dann auf. Auch wenn es keine kausale Verbindung zwischen beiden Faktoren gegeben haben mag: Dass Anderson danach den auf einem Kinderbuch von Roald Dahl basierenden Puppenfilm THE FANTASTIC MR. FOX drehte, möchte man durchaus als Reaktion auf die skizzierte Kritik verstehen. Er wendete sich von konkreten historischen Bezügen, ja von der Welt der Menschen generell, ab und einer von anthropomorphen Tieren besiedelten Fantasiewelt zu, die er nun ganz nach seinem Gusto gestalten konnte, ohne dabei den Zeigefinger der Ideologiepolizei befürchten zu müssen. Und sein neuester Film, MOONRISE KINGDOM, setzt dessen buchstäblich Fabel-hafte Linie fort, auch wenn er sich nun wieder mit Menschen beschäftigt.

Doch trotz der genauen Zeit- und Ortsangabe und den erwartungsgemäß liebevoll ausgestatteten Settings ist es schwer, MOONRISE KINGDOM in unserer Realität zu verorten. Nicht nur ist es das jedem soziopolitischen oder auch nur geografischen Kontext – man sieht zwar Landkarten des Handlungsortes, aber immer nur kleine Ausschnitte davon – enthobene Inselsetting, das dazu führt, sondern vor allem die Art, wie Anderson seine Charaktere inszeniert. Er vermittelt keinen runden, abgeschlossenen Eindruck von ihnen: Man erhält keinen Einblick in ihr Innenleben, wenn sie dieses nicht aus freien Stücken, etwa durch das gesprochene Wort, preisgeben. Er ist ein Antipsychologe, behandelt seine Figuren eher wie Sprachflächen, Platzhalter: oberflächlich betrachtet eigenschaftslose, ausgehöhlte Puppen, die umso echter wirken, wenn dann doch die Emotionen durchbrechen. Dahinter steckt keine Gefühlskälte, sondern Respekt: Er lässt ihnen ihre Privatsphäre und dem Zuschauer die Freiheit, sich ein eigenes Bild zu machen. Sein junges Liebespaar empfindet nicht so sehr echte Liebe, als dass sie sie nachspielt. Suzys und Sams Sätze klingen nicht wie Sätze, die Kinder ihres Alters sagen würden. Aber weil sich seine Kinder sowieso nicht wie Kinder benehmen, eigentlich alle MOONRISE KINGDOM besiedelnden Charaktere gleichermaßen kindlich sind, in ihrer Unfähigkeit, etwas von sich preiszugeben, dient ihm das nicht als Quelle zotigen Humors, sondern eher als Diagnose menschlichen detachments.

Moonrise Kingdom

Der Kampf von Suzy und Sam gegen die elterlichen und staatlichen Mächte ist auch ein Kampf gegen die um sich greifende Beziehungs- und Gefühllosigkeit, ein Kampf für das Reale, Echte gegen die Konvention und leere Zeichen. Dass sie dieses Reale gerade in der Fiktion suchen und aus dieser hinüberholen, ist dabei kein Widerspruch. Es beschreibt Andersons Methode, in jedem seiner Filme einen Mikrokosmos zu entwerfen, der beinahe wirklicher als die Wirklichkeit ist. Deshalb lassen sich seine Filme auch nur sehr unzureichend einem Genre oder einer Kategorie zuordnen. Anderson verbindet eigentlich Unvereinbares miteinander und aus der Summe dieser disparaten Elemente entsteht etwas Wahrhaftiges, etwas, das sich dem direkten Zugriff durch Begriffe entzieht. Das Komische und das Tragische, das Spektakuläre und das Banale, das Schöne und das Hässliche, das Raffinierte und das Blöde, das Filigrane und das Plumpe, Schmerz und Freude, Hoffnung und Angst, Leben und Tod: Sie stehen nicht bloß nebeneienander, sondern durchdringen sich fortwährend, „ereignen“ sich gleichzeitig. Man kann das eine niemals ohne das andere haben und am intensivsten ist es immer, wenn alles auf einmal über einen hereinbricht wie ein reinigendes Gewitter. Es ist wie mit der Platte, die die Jungs zu Beginn hören: Aus vielen verschiedenen einzelnen Instrumenten, die für sich genommen vernachlässigbar klingen, arrangiert der Komponist ein Stück, das sich nicht mehr bloß als Ergebnis einer mathematischen Gleichung verstehen lässt. Dieses Gleichnis ist der Schlüssel zu Andersons Kino und seinem Verständnis des Menschen. So sehr er auch seine Designstücke mag, hier etwa den blauen batteriebetriebenen Plattenspieler: Wes Anderson ist ein Humanist.

Moonrise Kingdom (Wes Anderson, USA 2012)


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Über den Autor

Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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2 Kommentare zu "Moonrise Kingdom"

  1. Simon Alternative-Movie 9. Juni 2012 um 14:50 Uhr · Antworten

    Yeah!!!

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