DVD: Mann im Bad

Von  //  9. Oktober 2012  //  Tagged: , , , ,  //  Keine Kommentare

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Maschendrahtzaun, Behelfsbau, junge, unglückliche Straßenbäume: Die ersten Bilder sind so trist-herkömmlich, dass ich erwartete, mir würde MANN IM BAD wohl nicht gefallen. Ein junger Filmer, Omar, dokumentiert mit seiner kleinen Wackelkamera den so schon so oft gesehenen flachen Alltag, beiläufig und leidenschaftslos, auch wenn es New York ist, wo sie sind. Omar begleitet die Filmkünstlerin Chiara Mastroianni bei einer beruflichen Reise und der kleinen Liebesaffäre mit einem Fan. (Ich verstehe Christophe Honoré, den Regisseur, da nicht so recht; vielleicht ist er mit Mastroianni ja befreundet und fuhr mit zu einem realen Termin, ohne dass sie oder andere groß was spielen sollten oder wollten…?) Immerhin sind sie und die Leute um sie herum aber ziemlich charismatisch. Auch die daheim in Paris haben alle was. Und haben alle etwas mit einander – das ist die Handlung dieses Films, der fast ein Porno, aber nicht zum Wixen auf der Welt ist.

Zu Hause in Paris, mit einer anderen Kamera, sieht es schon viel eher aus wie ein Film, der sich selber wichtig ist. Emanuel, der Geliebte des Amateurfilmers, ist traurig in der gemeinsamen Wohnung zurückgeblieben. Er glaubt, es sei mit ihnen aus, weil sie sich im Streit getrennt haben. Er ist ein Mann von sehr geringem Selbstbewusstsein. Zu melancholisch und bescheiden, um gewahr zu werden, dass man jemanden wie ihn eigentlich nicht einfach so verlassen kann.
Francois Sagat, der französische Pornostar und unvergessliche Titelfigur in Bruce LaBruce`s L.A. Zombie, spielt den Prostituierten Emanuel. Sagat ist in dem Film vorest zaghaft, testend besetzt. Dabei könnte er wahrscheinlich noch mehr; er weiß, in einem Film zu sein, sich darin aufzuhalten, ohne viel zu „machen“ (im Bonus-Interview auf der DVD erzählt Sagat, wie Honoré mit ihm an dieser Schlichtheit arbeitete). Wenn er zu sehen ist, ist der Film sofort gut; man hat immer etwas Interessantes zu gucken – ich meine nicht explizit die Muskeln, sondern die Ausstrahlung dieses angespannt ruhigen, vulkanischen Körpers, in dem sich Unbehagen, Bedrängtheit, innere Kämpfe, Artikulationsprobleme, Einsamkeit ausdrücken. Er und der Regisseur haben die Nervenstärke, auf die Wirkung des ausdrucksvoll unbewegten Gesichts und der schweren, schwermütigen Physis Sagats zu vertrauen.

Wie Emanuel diesen mit sich selbst belasteten Leib dazu bewegt, putzend und putzig durch die Wohnung zu tanzen, zu dem leichtfüßig-melancholisch das Ende einer Liebesaffäre beklagenden Bossanova „How insensitive“… mit stoisch düsterer Miene, zugleich mutwillig wie ein verspieltes, dressiertes Tier, sich mit dem Tanzen tröstend: das nimmt schon sehr für ihn ein. Auch wenn er das Bild seines Geliebten mit erstaunlich sicheren Strichen an die Wand malt… man stellt sich vor, es ist vielleicht sein Kreuz, dass man ihn oft unterschätzt. Denn seiner Erscheinung und Verhaltensweise nach ist er ein Mann, der nicht viel mehr drauf zu haben scheint als mit notorischer Präsenz der Welt immer wieder seinen bis zum Anschlag durchmodellierten Körper anzubieten.

So, als Hartgummikämpfer-Jungsspielzeug, begibt er sich zu einem anderen Bewohner seines Vorort-Mietblocks, einem Kunstsammler, der ihm bisher immer Geld für Sex gab. Jetzt aber hat er sich in einen kecken, verspielten Schuljungen verliebt und betrachtet Emanuel plötzlich mit abschätzigen Augen. „Verlangen beherrscht mich nicht mehr länger“, sagt er stolz. „Man kann einen Körper als Kunst sehen. Dann bist du aber schlechte Kunst. Wirkliche Kunst ist tief und bewegend. Du hingegen bist Kitsch.“ Eigentlich müsste Emanuel ihm jetzt eine geben. Aber er steht nackt vor dem arroganten Kunden, in aller dunklen, animalischen Fülle, und argumentiert, verärgert, aber beherrscht und hilflos: „Früher hab ich dir genügt. Ich brauch das Geld.“ (Das ist großartig, diese Szene, man hält den Atem an. Ich könnte lange drüber nachdenken, was sich darin alles verdichtet, die hochnäsig-verächtliche, beschwörerische Liebesbeziehung von Kultur und Sexualität… und Geld… und mehr, und mehr…)

„Du stehst da wie ein Zehnjähriger“, sagt eine Freundin bei einer anderen Gelegenheit über Sagats/Emanuels Art, einfach da zu sein und nicht zu reagieren. Dann singt sie ihm Kate Bushs haltlos schwärmerischen, nicht leicht auszuhaltenden und dann nicht mehr loszuwerdenden Song „The man with the child in his eyes“ vor, mit ihrem Freund, bevor die drei miteinander schlafen. Gut sieht das aus, wie alle Sexszenen in dem Film, auch die Art wie Sagat irgendwann mit Chiara Mastroianni im Bett umgeht, entspannt, intim, ohne Scheu.

„Die Frau im Bad“ war ein beliebtes Sujet der französischen Malerei, ein ausgiebig genutzter Vorwand, eine Frau nackt zu zeigen. Dieser Film denunziert sich ironisch als Vorwand, Francois Sagat nackt zu zeigen. Ich bin ganz froh darüber. Irgendwie tut mir das gut, zu wissen, dass Sagat auf der Welt ist. Hoffentlich auch ihm.

Frankreich 2010, Regie: Christophe Honoré

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Die DVD ist erschienen bei Alamode/Pierrot le Fou. Mit einem lohnenden Interview mit Francois Sagat als Bonus.


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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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