Tausendschönchen

Von  //  18. Oktober 2012  //  Tagged: , , ,  //  Keine Kommentare

Lange habe ich nun mit dieser Rezension gehadert. Und das liegt nicht am Film, sondern daran, dass mir die Worte für ihn fehlen. Inzwischen sind schon die nächsten Dropouts von Bildstörung erschienen. Grund genug, den Text nun einfach rauszuhauen. Friss oder stirb (wobei „friss und stirb“ dem Film angemessener wäre.).

Marie 1 (Jitka Cerhová) und Marie 2 (Ivana Karbanová), die Protagonistinnen in Vĕra Chytilovás Tausendschönchen sind keine Charaktere, sondern feixende Modepüppchen, die ständig mit neuen Klamotten behängt werden; viel glatte Schale, wenig Kern. Für die beiden ist alles Spiel, und alles ist potentiell amüsant. Sie putzen sich heraus, flattern umher, necken biedere Barbesucher, wickeln alternde Lüstlinge um den Finger und fressen ihnen in teuren Restaurants die Haare vom Kopf. So stelle ich mir Pippi Langstrumpf und Annika mit 17 vor: Sie kichern, sind ungezogen, machen sich die Welt, widde widde wie sie ihnen gefällt, essen mit den Fingern und sehen dabei immer gut aus.

Überhaupt, das Essen. In Tausendschönchen werden fast ununterbrochen und hemmungslos Lebensmittel konsumiert. Klar, Essen als Substitut für Sex ist bekannt, aber in kaum einem anderen Film wird dieses Motiv derart durchexerziert wie in diesem. Marie und Marie hangeln sich von Ma(h)l zu Ma(h)l, von Schabernack zu Schabernack, bis sie sich schließlich sogar vorübergehend selbst aus der Geschichte schneiden. Doch noch nicht einmal die Selbstauflösung ist in der Welt der Schönchen irreversibel – bis zum Schluss.

Denn das Ticken der Uhr, das immer wieder zu hören ist, lässt es bereits früh erahnen: Die Zeit der Ungeniertheit, der Straffreiheit und der Filmhandlung ist doch begrenzt, irgendwann ist es vorbei mit der Übeltäterei. Und zwar ziemlich genau dann, als sich Marie und Marie ihres Tuns bewusst werden und versuchen, ihre größte Fressorgie an einer für eine (die?) Gesellschaft gedeckten Festtafel ungeschehen zu machen. Die Vertreibung aus dem Paradies, nur dass hier weit mehr als nur Äpfel verzehrt werden und die Keule keine Keule ist, sondern ein Kronleuchter. Marie und Marie treten aus der Fiktion heraus. „Spielen wir das jetzt?“ – „Nein, wir sind wirklich und wahrhaftig glücklich“, stellen sie fest und platzieren sich selbst als Konsumgut auf dem notdürftig neu gedeckten Tisch. Die Erleuchtung kommt, und zwar von oben und mit endgültiger Konsequenz. Selbsterkenntnis war eben schon immer mit Risiken verbunden.

Vĕra Chytilovás filmisches Experiment aus dem Jahr 1966 ist eine Aneinanderreihung von Sequenzen, die durch sich wiederholende Handlungen, auf die Spitze getriebene Stilisierung, Symmetrien und die konstante Präsenz der beiden Hauptfiguren verbunden sind. Alles andere hingegen fluktuiert, Szenen und Bilder bleiben fragmentarisch, Orte verändern sich je nach Laune der Protagonistinnen, psychedelische Farben und schwarz/weiß wechseln sich ab, Personen sind austauschbar, und selbst Marie und Marie sind letztlich nur Projektionsflächen. Aber man sieht ihnen gerne zu bei ihren koketten Spielchen in ständig wechselnden surrealen, artifiziellen Kulissen. Wie die Hauptfiguren bespiegelt auch der Film sich immer wieder selbst; eine Collage aus Collagen aus Collagen, von A bis Z durchgestylt, vollgestopft mit Symbolen für alles und nichts. Chytilovás Bildsprache ist beeindruckend bis unglaublich. Ein verschwenderischer Film, überspannt, selbstironisch, üppig und zugleich völlig handlungsleer.

Obwohl – oder vielleicht gerade weil – sich fast alles an der Oberfläche bewegt, ist Tausendschönchen auch ein politischer Film. Im Vorspann fallen Bomben und Fassaden, und wiederholt wird ein Räderwerk eingeblendet; die Maschinerie funktioniert. Der Film ist all jenen gewidmet, „deren einziger Anlass zur Empörung das Haar in ihrer Suppe ist“, deutlicher lässt sich Konsum- und Gesellschaftskritik kaum formulieren. Es verwundert wenig, dass Chytilovás Film in ihrem Heimatland verboten wurde. Umso besser, dass Bildstörung dieses Juwel aus Plastikperlen, Papierblumen und Glassplittern wieder zugänglich gemacht haben. Pünktlich zum Pussy-Riot-Prozess, denn manche Dinge ändern sich nie.

Sedmikrásky, Tschechien 1966, Regie: Věra Chytilová

Tausendschönchen ist bei Bildstörung in der gewohnt liebevollen Aufmachung erschienen.

Tausendschönchen wurde mehr oder weniger zeitgleich hier von Guido Rohm besprochen.


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Über den Autor

Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Mitgründerin des Leerzeichen e.V., freie Lektorin und Journalistin. Im persönlichen Umgang ist sie launisch, besserwisserisch und pedantisch.

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