Good-bye again / Lieben Sie Brahms?

Von  //  5. November 2012  //  Tagged: , , ,  //  9 Kommentare

“I accuse. In the name of the dead I accuse you of avoiding your duty as a human being. I accuse you of letting love go by, of neglecting your duty to be happy. Of living on evasion and subterfuge and resignation. You should be sentenced to death. You will be sentenced to solitude.”

Philip Van der Besh (Anthony Perkins), Goodbye Again (1961)

An diesem Film bin ich über viele Jahre jedes Mal hängen geblieben, wenn ich im Fernsehen zufällig auf ihn stieß. Ich weiß nicht mal, ob ich ihn wirklich mag, aber er schafft es, die Zeit anzuhalten, so dass man ein Problem genau in ihm betrachten kann. Man kann um es herum gehen, von allen Seiten darauf schauen. Er ist sehr präzise. Tennessee Williams, einer meiner liebsten Schriftsteller, hat sinngemäß gesagt, dass er das mit einem Theaterstück wolle, die Zeit anhalten. Oder einsperren; ihm gefiel, dass die französische Sprache für beides dasselbe Wort hat: „arreter le temps“. Und Marco Siedelmann erzählte mir, Vincente Minnellis Definition von Tragik sei, dass man die Handlungen und Gefühle aller beteiligten Personen vollkommen verstehen könne und trotzdem/darum jede Lösung gleich unglücklich sei. Auch das passt zu GOOD-BYE AGAIN.

Die Figur der Paula ist in diesem Film nicht nur Teil einer tragischen Konstellation, sondern trägt zugleich ein kleines Spiegelbild aller Beteiligten in sich; sie kann die Handlungen und Gefühle auch der anderen verstehen. In ihr ist dieses „Nebenher verschiedener Bedürfnisse, die die Frauen in verschiedene Richtungen ziehen“, von dem Sano/Eskalierende Träume schrieb, über die widersprüchlichen „Verzichterinnen“ in den Filmen der 50er Jahre. In meinem Text zu DAS BEKENNTNIS DER INA KAHR, den ich hier als nächstes posten möchte, steht, ich habe das Gefühl, dass die Frauenfiguren in den 50er Jahre Filmen wie Grundsteine sind für das, was auch in unserem konservativen Heute von Frauen verlangt wird und was sie selbst von sich verlangen.

Paula ist vierzig Jahre alt. Kontrastiert mit der Mutter ihres Verehrers Philip, wirkt sie viel zu jung und zu lebendig, um wie diese als Charity Lady mit den Witwen übers Land zu ziehen. Kontrastiert hingegen mit den Mädchen, denen ihr Freund Roger (Yves Montand) nachstellt, wirkt sie damenhaft, matronenhaft, gesetzt. Sie ist wie das bekannte Vexierbild, das mal das Gesicht eines jungen Mädchens, mal das einer alten Frau zeigt. Das ist faszinierend an Ingrid Bergmann, sie nuanciert es so, dass man sie so oder so sehen kann – je nach Wunsch, je nach Angst. Auch der Spiegel in ihrem Appartement zeigt ihr beides.

Anthony Perkins/Philip ist auch kein klischeejunger Mann – linkisch und unsicher und zugleich so manisch lebhaft, dass er oft verrückt und somit auch beunruhigend wirkt. Ingrid weiß nicht, wie sie sich zu ihm stellen soll, es changiert, laviert. Er spielt charmant mit ihr, das gefällt ihr. Sie findet ihn amüsant, kindisch, rührend, und er lässt sie nicht los. Er will ihre Liebe erzwingen und schafft es, aber nicht für lange. Wie sie sich nicht mehr beherrschen kann, als sie die gefühlsbetonte, in warmen Wellen wogende, beschwörerische Musik von Brahms mit ihm im Konzertsaal hört… man sieht ihr alles an.

Das Spiel hört auf, ein Spiel zu sein, der Junge kämpft und wird gefährlich. „Ich habe das Recht, mich in dich zu verlieben, und ich nehme dich ihm weg, wenn ich kann“, sagt er zornig. Er ist nicht gern ein junger Mann und sieht kein Problem in ihrem Altersunterschied. Aber sie. Für sie ist es zum Beispiel ein Problem, dass er nicht arbeiten will; bei aller augenscheinlichen Fröhlichkeit und Springlebendigkeit befindet er sich auf der Flucht vor der drohenden Verwurstung und neigt heftig dazu, sich die Decke davor über den Kopf zu ziehen und nur auf die Stunden hin zu leben, in denen sie zusammen sein können. Wovon sich Paula in die Rolle der mahnenden Mutter gedrängt fühlt, und so weiter – all das ist gut gefügt, Szene auf Szene, es wirkt unabänderlich. Sie, so gequält und defensiv, ist mit keiner ihrer beiden Lieben glücklich, egal wie sie es wendet.

Paula ist mit Ingrid Bergmann sehr passend besetzt; sie verkörpert etwas, das ich auch aus Brahms heraushöre, den manche Leute langweilig, erstickend und konservativ finden. Ich finde dieses Erstickende aber interessant, weil man meint/spürt, dass es so viel ist, was Brahms und Bergmann/Paula in sich zu ersticken haben. Es dringt ja trotzdem durch, wie durch Filz, gedämpft, summend wie diese Hochspannungsleitungen bei Nebel (ich hab so was schon ewig vor meinem Fenster, deshalb fällt mir der Vergleich ein). Da ist etwas, das sich von ihnen ausbreitet, wie von eingesperrten Kühen – Melancholie, animalische Wärme und Ausweglosigkeit. Wenn auch mit Perlenkette und in damenhafter Kleidung. Die seelenvollen Brahmsschen Melodien kehren nach einem nächtlichen Flug immer wieder zu sich selbst zurück, müssen sich mit ihren Umständen und Begrenzungen versöhnen. Sie verirren sich nie, sie fliegen nie davon. Wie man sich Mütter vorstellt. Sie strahlen, um den Begriff im Sinne der Eskalierenden Träume aufzugreifen, wehmütigen „Verzicht“ aus. Mit ein paar hoffnungsfrohen, übermütigen Lichtern, für eine gewisse Zeit.

„Bergman erscheint mir immer auch ein wenig hilflos, bedürftig“, schrieb Sano auch. Er bevorzugt die souveräne Ruth Leuwerik. Hier sein interessanter Text über einen Film mit der sich aufopfernden Marianne Koch.

USA/Frankreich 1961, Regie: Anatole Litvak

Dietrich Kuhlbrodt war 1961 ganz anderer Meinung als ich. Er schrieb über den Film kritisch und sauer diesen Artikel in der „Zeit“. Und auch der „Spiegel“ gab sich gewohnt rüde und überheblich.


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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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9 Kommentare zu "Good-bye again / Lieben Sie Brahms?"

  1. Mario Krämer 29. Januar 2019 um 04:14 Uhr · Antworten

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    „Schon“ zweimal mit meinen heute 39 Jahren habe ich ähnliches bis sogar im Detail selbiges erfahren. Immer die Selbstzweifel, so habe ich das Glück gehabt, auf die quälenden Fragen, was denn auf der „anderen“ Seite vor sich ging mit diesem Werk endlich eine befriedigende Antwort bekommen zu haben.
    Ein Reifeprozess…

  2. Silvia Szymanski 6. November 2012 um 16:40 Uhr · Antworten

    Diahann Carroll kenne ich auch tatsächlich aus dem Fernsehen. Es muss die Serie „Julia“ gewesen sein; Julia musste ihren kleinen Jungen allein groß ziehen; ich fand sie nett, hab sie aber nicht mehr gut in Erinnerung. (Aber Fernsehserien.de gab mir als verwandten Link „Lieber Onkel Bill“, und da fiel mir zum ersten Mal auf, dass diese Serie verkappt vielleicht eigentlich über ein schwules Paar mit Kindern ging, Bill und seinen Butler. Die Serie hatte ich gern, weil ich mich und meinen Bruder mit den Kindern identifizieren konnte und dachte: Falls Mama stirbt – so geht es auch). Carroll spielte auch in CARMEN JONES. Marco Siedelmann kennt und mag ihn, glaube ich.

    Nein, ich hab leider keine DVD von dem Film, Sano, ich hab ihn, in 11 Teile zerhackt, im YouTube geguckt – jämmerlich, aber ich bin an jämmerliches Filmgucken gewöhnt.
    Tennessee Williams: Ja, mir gefällt auch sehr seine Art, Triviales einfach auch mit reinzupacken, ohne Angst. Und ich lese seine Sachen auch lieber als sie zu sehen. Hast du eigentlich BABY DOLL inzwischen geguckt? Er hat am Drehbuch mitgearbeitet, wenn auch Kazan sagt, er selber habe die Hauptarbeit daran gemacht. Aber das glaube ich ihm nicht. BABY DOLL ist sehr Tennessee Williams für mich, mehr als die Verfilmungen seiner Theaterstücke. Obwohl ich auch die gern gesehen habe. Ich war besonders verrückt nach THE FUGITVE KIND/DER MANN IN DER SCHLANGENHAUT von Sidney Lumet.

    Brahms fand ich als lexikonschmökerndes Kind zunächst einfach mal nur hübsch :D Und die „Ungarischen Tänze“ gehörten in die Schallplattensammlung jedes kleinbürgerlichen Arbeiterhaushalts, und ich steigerte mich da rein. Und dann hab ich vor ein paar Jahren live einen Mann den Zyklus DIE SCHÖNE MAGELONE zum Klavier singen gehört, bei einem Liederabend im Theater. Dreimal saß ich in der Vorstellung in der ersten Reihe. Dann lachte er über mich, und ich hab mich geschämt. Dabei war es nicht nur das verwirrend sexuelle Erlebnis, diese unglaublich wuchtigen, schmelzenden Baritontöne aus dem Männerkörper direkt vor mir kommen zu hören. Es waren auch diese treuherzigen und naiven und zugleich traurigen und reifen Lieder von Brahms, wie aus einer weiten, halbdunklen, gedimmten Landschaft. Ecki, also Eckhard Heck, fragte mich gestern, ob Brahms vielleicht mit Countrymusik vergleichbar sei. Und ja, vielleicht ist er das. Ich hab über Brahms gelesen; dieses „Verzicht“-Ding scheint in seinem Leben allgegenwärtig gewesen zu sein.

    • Sano 8. November 2012 um 14:43 Uhr ·

      Das Fernsehen mal wieder. Wer weiß was ich in meiner Kindheit nicht alles an Bildern aufgenommen habe, die inzwischen eine ganz andere Sprache sprechen würden…

      Schade, dass mit der DVD. Auf Youtube werde ich in der vorliegenden Qualität aufgrund von hochwertigeren Alternativen lieber verzichten. ;-)
      BABY DOLL muss ich noch sehen. Und THE FUGITIVE KIND ist die einzige Williams-Verfilmung auf die ich mich noch freue (und die ich auch besitze). Das Theaterstück ist jedenfalls großartig.

      Ach, die ungarischen Tänze sind von Brahms? Ja dann kenne ich das auch – aus Funk und Fernsehen.

      Während ich den letzten Abschnitt deines Kommentars zum Liederabend im Theater lese, merke ich, dass ich mal wieder einen deiner Romane zur Hand nehmen muss. :-)

    • Silvia Szymanski 8. November 2012 um 20:08 Uhr ·

      @Sano: Über Brahms hab ich in meinem letzten Roman geschrieben, den dann kein Verlag veröffentlichen wollte. Ich habe ihn seitdem nicht mehr angesehen, weil ich fürchte, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung ist. Es hatte sehr lange gedauert, ihn zu schreiben, und vielleicht war er zu gebremst, zu schwebend, zu verzichtend auch. Mein Unterbewusstsein wusste wohl schon, warum es mir dauernd Brahms und solche Leute durch den Kopf schickte beim Schreiben. Seitdem kann ich keine Romane und Geschichten mehr schreiben. Ich glaube, ich kann und muss nur schreiben, wenn ich große Gefühle habe und sie lebe, irgendwie. Es hat sonst nichts Zwingendes, was ich mache.

    • Sano 8. November 2012 um 21:01 Uhr ·

      Ich sehe, du hast dir den ET-Jargon schon gut angeeignet. Große Gefühle sind natürlich immer das höchste.%-) Aber soweit ich weiß, wurden schon viele der besten und auch berühmtesten Romane anfangs abgelehnt, und manche auch zigfach. Und wenn ich mir so anschaue, was alles in den Buchhandlungen verkauft wird. Wirklich schlechtes habe ich in meinem Leben bisher glaube ich noch nie gelesen. Vielleicht solltest du den Roman einfach ins Netz stellen. :-)

    • Silvia Szymanski 13. November 2012 um 17:46 Uhr ·

      Ja, wichtige Wörter aus eurem Vokabular sind für mich besonders „Verzicht“ und „Treaze“ ;-) Das schönste aber sind natürlich die „ungeheueren Gefühle“. ;-)

  3. Manfred Polak 5. November 2012 um 23:55 Uhr · Antworten

    @Sano: Die Sängerin ist Diahann Carroll. In den 70er und 80er Jahren durch zahlreiche Fernsehauftritte auch in Deutschland bekannt, seitdem etwas in Vergessenheit geraten.

    • Sano 6. November 2012 um 09:08 Uhr ·

      Danke Manfred, du wandelndes Filmlexikon. :-)

  4. Sano Cestnik 5. November 2012 um 19:00 Uhr · Antworten

    Lieben Sie Brahms? Den Film wollte ich komischerweise auch schon lange sehen. Bin auch immer wieder über ihn gestolpert, früher, in der Fernsehzeitschrift, aber da ich damals keine synchronisieten Filme sehen wollte, musste ich immer passen. Von Anatole Litvak kenne ich noch nichts. Wollte ich auch schon seit längerem ändern. Aber dieser Film fiel mir schon lange davor ins Auge. Auch wegen dem Titel. Diesem etwas verstaubt, für mich etwas nach Nachmittagsfilm unter der Woche klingenden. Interessant, dass dich der Film auch fasziniert hat. Aber dich wohl mit den Blicken in den Film, die dich immer mal wieder an ihn gefesselt haben.

    Dein Schreiben darüber liest sich auf jeden Fall mal wieder toll. Das Filmzitat am Anfang ist für mich sofort nach dem lesen unumwunden eines der größten überhaupt geworden. Und der Filmausschnitt am Ende, den du ganz unten verlinkt hast, gefällt mir außerordentlich gut. Ich liebe es, wenn Nebenfiguren in die Handlung eingeführt werden um diese (wenn auch nur kurz) zu dominieren. Wie heißt diese Darstellerin/Sängerin? Sie hat eine einnehmende Aura.

    Der Film scheint ja wirklich schlecht weggekommen zu sein, in teilen der damaligen deutschsprachigen Kritik. Ich frage mich, was die Synchro aus den Nuancen der Dialoge macht (und ahne – wie so oft – nichts Gutes).

    Wie du Tennessee Williams erwähnst, ein Autor den ich sehr schätze, weil er meiner Meinung nach Triviales um eine schier unendlich scheinende atmosphärische Vielfalt erweitern, einen Reichtum der Figuren andzudeuten imstande ist, den manchmal die besten Theaterautoren mit den präzisesten Dialogen nicht hervorzubringen imstande sind. Und er macht es mit einer Beiläufigkeit der Dialoge, die die zahlreichen Verfilmungen selten zu fassen vermögen. Da wird dann präzisiert und heruntergebrochen, und Tennessee Williams scheint auf der Bühne und FIlm nur noch in seinen belanglosesten Banalitäten weiterzuleben. Dabei liegt seine Meisterschaft in dem was er Heraufbeschwört, zwischen den Zeilen hervorzaubert, und nicht auf dem ausbuchstabieren der offensichtlichsten Dialoginhalte. Vielleicht haben sich die beiden Rezensenten die du verlinkst auch daran gestört: Dass der Film der Literaturvorlage nicht gerecht geworden ist. Eigentlich ein unfairer Vorwurf, überhaupt ein völlig unangemessener (in jedem Fall, immer und überall!), aber einer den man selbst gerne macht (wie du gerade an diesem meinem Abschnitt erkennen kannst). Zumindest die Spiegelkritik fand ich herrlich amüsant. Und eigentlich auch ein selten gelungener Verris. man fasst sich kurz, da man nichts zu sagen hat.

    Brahms erschien mir immer so flüchtig, dass ich immer nur seinen namen behalten konnte. Als reine Existenz, unabhängig von jeglichen Musikstücken. Das von dir verlinkte fand ich im Moment des erklingens sehr schön, es berührte mich, und ich fand deine allgemeine Beschreibung der Brahmsschen Musik dabei sehr treffend. Jetzt, 10 Minuten später, kann ich mich nicht mehr an die Melodie erinnern. Eigentlich an gar nichts mehr, nur noch an ein lose schwebendes, schon wieder vergangenes Gefühl. Das würde ich dem Stück und der Musik von brahms aber nicht negativ anrechnen. Ganz im Gegenteil, haben mich deine Gedanken doch zu der Feststellung geführt, dass man die Qualität eines Liedes auch für sich stehen lassen kann. Ein Stück das aus sich spricht, und sich auf sich bezieht. Und das genügt. Wenn du weißt, was ich meine. Jedenfalls habe ich das noch nie so betrachtet. Ich selbst präferiere immer Musik die mich in irgendeiner Weise mitreißt und mich in den Eingeweiden packt. Was auch immer das heißen mag. Brahms hat eher meine Oberfläche gestreichelt. Aber etwas ist doch eingesickert. Sonst bliebe auch kein Nachwehen.

    Ich glaube, ich muss den Film jetzt mal endlich sehen. Und dann hätte ich damit auch gleich meinen ersten Litvak an land gezogen. Warum nicht? Falls du den Film in der englischen Sprache besitzt, und du mir eine Kopie schicken könntest, würde mich das sehr freuen.

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