Lieblingsfilm: Flashback

Von  //  23. Januar 2013  //  Tagged: , , ,  //  2 Kommentare

Fast vom ersten Moment an will man weinen. Der Film schließt sich um einen, und dann ist man ganz allein. Die Kamera schwebt auf einen großen Baum zu, in ihn hinein, durch die Blätter, bis hin zu diesem Jungen, wo sie verweilt und ihn umkreist, und sich dann langsam wieder zurückzieht. Es geht ihr nur darum, die stille Zeit zu filmen, die sich molekular in sich bewegt und eine hermetische Blase bildet, in der der wunderschöne, große Junge fühlt und sich erinnert, bis er stirbt. Er ist auf diesen einfachen, aber wichtigen Baum geklettert, um Ausschau zu halten, er schläft ein, und als er aufwacht, sind sie alle tot.

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Es gibt nur noch ihn. Er war mit ihnen nachts einen Berg hinaufgekrabbelt, große Asseln in Schutzhelmen und Waffen, Leib an Leib; sehr lange sah man sie am Anfang krabbeln, bis man selbst damit verschmolz. Nun ist er aus der Welt gefallen; wie Fundevogel sitzt er jetzt im Baum, der Krieg ist hier vorbei, der Junge geht hier nicht mehr weg.

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Alles ist verlassen, menschenleer. Wie Robinson. Oder im Märchen von Frau Holle, als das Mädchen in den Brunnen stieg und auf eine Wiese im Inneren der Erde kam, wo niemand war und nur die Dinge sprachen. Wenn er (Heinz) hinüber an den Waldrand schaut, sieht er dort in der Vergangenheit sich selber sitzen, mit einem kichernden Mädchen, das er zärtlich und beharrlich anbettelt, mit ihm zu schlafen, bis sie sich nicht mehr sträubt. Wenn er seinen Blick auf einem Punkt ruhen lässt und das will, öffnen sich die Erinnerungen und laufen vor ihm ab. Aber das tut er nicht oft.

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Ich hab noch nie so eine Tonspur gehört. Die in der klaren, nächtlichen Luft rasselnden, verhalten dröhnenden Kriegsgeräusche klingen so echt wie traumatische Erinnerungen an Klänge, die man nicht vergessen kann. Da ist so viel körperlich direkter Raum, und die Stimmen kommen von weit her, wie wenn man im Sommer die Augen schließt und seine Freunde rufen hört, aber man ist stumm, betäubt, in Trance. Die Geräusche der windbewegten Bäume und des Wassers in der Wärme. Die eigene Stimme, der man nachlauscht. Man kennt das auch aus anderen Filmen, aber hier ist es anders. Ich weiß nicht, wie das kommt.

Es ist nicht leicht, Screenshots zu machen, weil es die von der Luft, den Gemütsbewegungen und Gedanken getragene, schwebende Kamera ist, die diesen Film macht, ihre nachschauenden, lauschenden Bewegungen, sinnend, aufmerksam, wie wenn man mit einem Stöckchen in einer Pfütze spielt. Sie hat eine interessierte, atmende, fließende Art, an etwas entlangzugehen – erst dorthin, wo sein großer Zeh am Abzug ruht, den Lauf entlang, bis zur Mündung des Gewehrs an seinen Lippen – den Stamm des Baumes hoch – die Mauer lang. Das ist ihr wichtig, alles beseelt abzutasten, dran entlangzufahren, auf es zuzuschweben, um es herum zu gehen.

Andreassi ist bestimmt auch im zweiten Weltkrieg gewesen, vielleicht als Fotograf (ich vermute das, weil bei der erinnerten Erschießung von Dorfbewohnern ein Fotograf dabei ist; man hört das wiederholte Klicken seiner Kamera, als wäre dieses Geräusch auch für den Regisseur verbunden mit der Erinnerung an fürchterliche Dinge).

Vielleicht muss man betonen, dass FLASHBACK mit manchen Terrence Malick Filmen, die einem jetzt einfallen könnten, zwar gemeinsam hat, dass beide die pflanzliche Wildnis um die Menschen herum sprechen lassen… aber Andreassi macht das anders. Sehr natürlich. Er erlegt den Bildern nichts auf, spielt sie nicht aus. Er sucht nicht viel, wartet nicht groß auf optimales Licht. Er filmt einfach den Baum oder den Fluss so lange, bis er „spricht“; es muss gar kein besonderer sein. Dieser Regisseur hat ein sehr unabhängiges Vertrauen darin, dass etwas ihn versteht. Er spricht mit diesem Etwas, mit diesen eingefangenen, in die Kamera gesogenen Bildern, die wissen, was das für ihn ist, ein Baum, das Licht, der Junge, das Alleinsein. Er nimmt die Zuschauer mit großer Selbstverständlichkeit als seinesgleichen, aber er denkt nicht groß an sie. Auch nicht an sich.

Tiefes Alleinsein, auch als der Junge, verzweifelt und bedröhnt vom geklauten Rotwein, in dem verlassenen Dorf die Glocken läutet, lallt und torkelt, grölt und flucht und eine sinnlose Feldpost in den toten Briefkasten einwirft. Er redet vor sich hin – Fred Robsahm, der den Heinz spielt, ist in seinem Leben außerhalb des Films Norweger; Heinz‘ mit sich Reden ist ein teils deutschsprachiges, leicht fremdartig ausgesprochenes und formuliertes, verwundert tastendes, umgangssprachliches Hersagen von sich verlierenden Wörtern. „Ja, ihm vielleicht. Ich werde mich zu ihm hingeben“, sagt er zum Beispiel, als er in der Ferne einen alten Mann Heu machen sieht, dem er sich als deutscher Deserteur zu erkennen geben will. Das klingt nicht nach Schauspieler, es ist sehr innerlich, und losgelöst, entrückt von Angelerntem und Geübtem. Wie auch dieser Film kein Film im üblichen Zusammenhang ist, sondern die unmittelbare Mitteilung eines aus dem Nest gefallenen Vogels.

Wie das Dasein wieder leise quirlt in den fernen Häusern der zurückkehrenden Dörfler, die der Junge betrachtet, durch den Sucher seines Gewehrs, mit dem er an ihrem Leben hängt. Die große Wegwarte; wie eine Schlange gleitet er durch das knisternde, hohe Gras zu ihr, der Pan gewordene einstige Soldat, der für seine letzten, flüchtigen Tage ein fragiler Urmensch wurde, eine zarte Eintagsfliege. Er fasst sehnsüchtig ins Gras und wühlt sich hinein, nachdem er den fast afrikanisch singenden Mädchen am Fluss beim Waschen und Baden zugesehen hat, hingerissen von den Gründen dafür, dass es schön sein kann, zu leben. Er hat sich mit Eichenlaub getarnt, als wäre er noch, was er war. Und jemand Unsichtbares sieht ihn, hält ihn für einen Feind, nimmt ihn ins Visier und schießt. Der Junge krabbelt durch die Wiesenblumen, wie die Kamera, er atmet, redet mit sich, keucht, dann bleibt die Kamera stehen, und die Blumen zittern nur sehr leicht im Wind. Die ganze Nacht nach dem Film hatte ich das Gefühl, ich sei dieser Junge.

Raffaele Andreassi war derselbe Jahrgang wie mein Vater, der als Soldat in Italien war, bei der „Gotenstellung“, wie in FLASHBACK. Ich möchte Papa, obwohl er schon tot ist, diese Filmbesprechung widmen. Und vielen Dank an Christoph für den Hinweis (11.12.2012 in seinem Sehtagebuch) auf den Film, der zu seiner Zeit spontan geliebt, doch dann vergessen wurde – ich glaube, weil er sich um nichts schert, was den Leuten wichtig ist, normalerweise, im Getümmel, und so an den Rand der Wahrnehmung geriet.

Italien 1969, Regie: Raffaele Andreassi. Heinz: Fred Robsahm

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Dieses Lied kommt nicht in dem Film vor. Es kam mir nur in den Sinn:

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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2 Kommentare zu "Lieblingsfilm: Flashback"

  1. Christoph Hochhäusler 28. Dezember 2015 um 11:09 Uhr · Antworten

    Liebe Silvia,
    Sehr schöner Film, sehr schöne Besprechung. Nur eine Kleinigkeit: die Klick-Geräusche, die du meinst, rühren vom Objektivwechsel her, der mit dem Revolver-Kopf auch während des Filmens möglich war (was der Film sehr schön nachvollzieht!). Diese Kameras waren in den Propaganda-Kompanien weit verbreitet: http://media.modellbau-koenig.de/pictures/products/his0564.jpg

    Christoph

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