The Sugarland Express

Von  //  17. Januar 2013  //  Tagged: ,  //  1 Kommentar

The Sugarland Express

Clovis Poplin hat eigentlich nur noch vier Monate in einer Anstalt zur Wiedereingliederung Strafgefangener abzusitzen. Aus heiterem Himmel bekommt er dort Besuch von seiner Frau Lou Jean – die selbst gerade eine Haftstrafe verbüßt hat – und die er eigentlich noch im Gefängnis wähnt. Doch es gibt noch mehr Neuigkeiten, die den etwas einfältigen Clovis arg überfordern. Lou Jean wurde das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Baby Langston entzogen. Wild entschlossen sich das Kind von den Pflegeeltern zurück zu holen, nötigt sie Clovis zur Flucht. Als die beiden kurz darauf auch noch einen Polizisten als Geisel nehmen, entwickelt sich das Ganze zu einer Odyssee durch Texas, die nicht nur die Vertreter der Staatsmacht auf den Plan ruft, sondern auch die Presse, diverse selbsternannte Ordnungshüter und eine Heerschar von Schaulustigen.

Steven Spielbergs zweiter Langfilm kann als seine erste Kinoproduktion angesehen werden. Anders als Duell (1971), der im Fernsehformat gedreht wurde und einen Roadmovie im Kammerspielformat darstellt, bezieht The Sugarland Express deutlich mehr gesellschaftliche Zusammenhänge in die Handlung ein. Während in Duell Gesellschaft nur „mitgedacht“ wird und der Film gerade daraus – also beispielsweise aus dem Geheimnis über die Motivation des Aggressors – seine Spannung generiert, benennt The Sugarland Express die Wurzeln der Frustration seiner Hauptfiguren ganz offen und bietet darüber hinaus auch eine Reihe von Mustern an, wie die Gesellschaft gedenkt mit deren Verhalten umzugehen. Abweichend von den tatsächlichen Ereignissen, auf denen das Drehbuch basiert, beschreibt der Film mehr als die diffuse Ohnmacht des Individuums gegenüber den Verhältnissen. Und anders als Francis Ford Coppolas The Rain People (1969), der als Reflex auf Easy Rider (1968) die innere Emigration seiner Hauptfigur auf der Reise zurück in den unlängst verloren „goldenen“ Westen beschreibt, möchten Clovis und Lou Jean nichts sehnlicher, als endlich von der Gesellschaft anerkannt zu werden. Keine sehr hoch gesteckten Erwartungen angesichts der überaus trüben Aussicht mit den sensationslustigen Gaffern gleichgestellt zu sein, die das Paar bei der ein oder anderen Gelegenheit mit guten Wünschen und billigem Spielzeug überhäufen und bei denen man sich höflich mit den unterwegs gehorteten Rabattmarken revanchiert. Spielberg lässt seinem Zynismus freien Lauf. Selbst als ein geschenktes Schweinchen Lou Jean in den Schoß pinkelt, weiß diese die Tränen des Glücks nicht zurückhalten. The Sugarland Express steht Sidney Lumets Dog Day Afternoon (1975) oder auch John Hustons Fat City (1972) nahe und diese und andere Filme dieser Ära lassen vermuten, dass die amerikanische Gesellschaft Mitte der 1970er Jahre am Ende der Suche nach dem universellen Glück angekommen zu sein scheint. Auch Hollywood machte sich fortan daran alle möglichen Ausprägungen hedonistischer Glücksritter zu gebären und wandte sich damit wieder seinen eigenen, artifiziellen Mythen zu.

Der Film fiel seinerzeit beim Publikum durch und floppte an den Kinokassen. Manche Kritiker werfen ihm vor, er sei zu „glatt“. Ich finde ihn auch nach mehrfacher Sichtung immer noch stark. Besonders der bewundernswerten Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond werde ich nicht müde zuzusehen. Selten wurde das „texanische“ Licht beeindruckender eingefangen als in The Sugarland Express.

USA 1974, Regie: Steven Spielberg

The Sugarland Express

Das „texanische“ Licht


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Sugarland Express


Über den Autor

Eckhard Heck besitzt eine der umfangreichsten Baustellen-Sammlungen Nordrhein-Westfalens. Unter anderem ist er Autor, Musiker, Maler, Fotograf und Glaubensberater.

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