Der Kongress tanzt

Von  //  26. Februar 2013  //  Tagged: , , , ,  //  2 Kommentare

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In meiner Kindheit lief DER KONGRESS TANZT sehr oft im Fernsehen, auch das Remake von 1955. Oma Köck und ihre Freundinnen sahen ihn sich immer wieder an. Eine der Freundinnen, Helmy Beysiegel, hatte 1953 das Zentral-Theater in Geilenkirchen eröffnet (das lustignamige Städtchen liegt bei meinem Wohnort; Kollege Alex Klotz kommt von dort). Oma legte Helmy die Karten und genoss den Glamour, der diese Pelzjäckchenfrau umflorte. Hej! Das soll hier eine Filmbesprechung werden und kein Damenkränzchen!

Gut, gut. Aber Adele Sandrock, hier als prachtvoll dekorierte Schachtel und Schabracke, schwelgt auch in Erinnerungen. „Jede Nacht ein Fest!“ sei ihre Jugend in Frankreich gewesen, „bestellen Sie bitte Seiner Exzellenz, dass ich weiß, wie man Männer fesselt!“ Toll, ihr Duktus, das rollende R, das empörte, unheilschwangere Beben ihrer brummigen Stimme.

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In ihrer Loge verschläft sie gerade ein wildes Steppenstück – Borodin, die Tänze aus Fürst Igor, vorgetanzt von Vorläufern der Disco-Truppe Dschingis Khan.

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Wir sind beim Wiener Kongress. Der gerissene Fürst Metternich (erotisch eidechsenartig: Conrad Veidt) hat arrangiert, dass sich die Teilnehmer mehr mit Frauen beschäftigen als mit Politik, so dass er seine Ideen zur Aufteilung Europas unbemerkt durchsetzen kann. Lil Dagover soll Zar Alexander ablenken.

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Willy Fritsch spielt den Zar und dessen Double für langweilige Einladungen. Als Doppelgänger ist Fritsch reizlos, schäbig, unaufmerksam. Ansonsten ist er wie Gene Kelly. Zwar weniger tänzerisch, aber so mitreißend glücklich.

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Das Mädchen, Christel (Lilian Harvey), auf der leeren Tribüne, vor der Parade, an einem Sonntagmorgen. Nur ein Moment, dann kommt die Überblendung in einen späteren, wenn alles voller Leute ist. Dieser einsame Augenblick prägt sich seltsam ein, vielleicht weil er wirkt wie hinter dem Film. Auch wie ihr Verehrer hinter seinen Kameraden nach ihr sucht, sieht aus wie auf der Filmrückseite.

Der Kongress tanzt - hinter den Reihen

Ernst Stern (Kostüme) hatte einen exquisit verspielten, kostbaren Geschmack und eine Vorliebe für putzige, spitzrunde Mützchen. Feine Wäsche. Spitzen. Biedermeiersträuße. Blümchenstoffe. Pastellfarben. Girlanden. Wimpel. Schnörkel. Duftigkeit. Fanfaren. Pferde mit Straußenfedern auf der Stirn.

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Die flaumfedrigen, hühnchenhaften Mädchen in Wolken duftiger Wäsche, ihre piepsigen, gequetschten, schrillen Stimmen – diese quietschige Aufgeregtheit wunderte mich, als ich klein war; es gab das damals kaum mehr. Inzwischen ist es wieder da.

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Christels in den Wagen des Herrschers geworfener Blumenstrauß wird für ein Attentat gehalten – ein früher Fall von Nena und den 99 Luftballons. Dabei wollte das fesche Mädchen nur naiv und stolz auf seinen kleinen Handschuhladen aufmerksam machen. Dafür soll sie nun 25 Stockschläge auf den blanken Hintern kriegen. Sie wird im letzten Moment gerettet, der Folterknecht ist traurig.

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Die vielen sexuellen Anspielungen haben mich sowieso überrascht. Auch hier, wie sie dem Kunden betont und vielsagend, zart und fest den Handschuhfinger überstreift.

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Oder hier, der nicht zu bändigende Feuerwehrschlauch. Sehr lange macht der wildgewordene fette Wasserstrahl die Leute zwischen den Beinen oder am Hintern nass.

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Da sitzen sie, beschnwipst, verknallt im Weinlokal. Jenseits des Bildrands droht schon Paul Hörbiger.

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Der Kongress tanzt Weinlokal 4

Kindliche Glückseligkeit und furchtlose Euphorie formen die Kutsche, in der Christel am nächsten Tag unter allgemeinem Jubel auf Willy Fritschs/Zar Alexanders Einladung hin in sein Traumschloss fährt.

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Dort begrüßt sie jedes Ding verzückt und außer sich vor Bewunderung. Den Zimmerbrunnen! Das Äffchen! So einen Schrank voll schöner Kleider hab ich vor kurzem in GRÄFIN MARIZA gesehen. Die Entsprechung in späteren romantischen Komödien sind die Szenen, wo Frauen in chicen Outlets einkaufen/eingekleidet und dadurch fröhlich werden. Sind wir so? Das wäre einfach. Der Mädchentraum von sich als glücklichem Wesen.

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Das hab ich noch nie in einem Film gesehen: Wie sie sich vor seinen leeren Stuhl kniet und seine Armlehnen streichelt.

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Das volle, samtige Grau des Kleides links. In“Hör Zu“ standen früher Tabellen, wo man nachschauen konnte, welche Farbtöne den Grautönen entsprachen. Man merkt diesem Tonfilm noch die Stummfilm-Verzauberung durch das neue Medium an. Ein Gedicht aus farbigem Grau, schmelzendem Licht. Die gleißende Unschärfe, tachistisch dahingetuscht, subtil verschmiert, wie Aquarell mit Terpentin; das ist nicht durch Gaze gefilmt, oder? Ich hab zu wenig technische Ahnung; vielleicht ist das ja alles ein Versehen. Aber es ergibt eine berauschende Kostbarkeit. Als wäre man geblendet. Eine weihnachtlich leuchtende, abgründige Behaglichkeit. Mit viel Schatten. Es hat auch was Gespenstisches.

Man kann diesen auf zarten Füßen tanzenden, nostalgischen, politkarikaturistischen Kostümfilm heute nur mit dem Wissen darum ansehen, dass er ein Entertainment für die Leute zwischen zwei Kriegen war. Diese Menschentypen sind weitgehend ausgestorben. Die gegerbten und geschundenen Ersterweltkriegsgesichter der älteren, männlichen Statisten. Die Arme-Straßenjungen-Visagen der Kinder.

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Der verdreckte Soldat mit einer Nachricht aus dem Ausland irrt durch die Tanzenden wie ein von der Front verirrter Zombie. In ihm müssen sich die Ersterweltkriegsmänner selbst gesehen haben.
„Das muss ein Stück vom Himmel sein, Wien und der Wein“, singt Paul Hörbiger. Aber die Wiener Nächte in den Weinlokalen sehen gruselig finster aus, wie etwas von Goya, trotz des betrunkenen Frohsinns.

Der Kongress tanzt - Goya

„Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein“ ist ein fürchterlicher Satz. Vor allem, wenn man ihn mit diesem jaulenden, kreischenden Weinen und Lachen in der Stimme von Paul Hörbiger hört, der unserem Mädel das wie ein lumpiger, betrunkener Engel zugrölt. Damit kann man sich nicht abfinden. Das ist sehr fies, das Ende. Das kommende Unheil ist schon drin, in diesen Sätzen, diesen Bildern.

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Deutschland 1931, Regie: Erik Charell


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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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2 Kommentare zu "Der Kongress tanzt"

  1. Wolfgang 4. Juni 2013 um 21:47 Uhr · Antworten

    Eine wunderschöne, einfühlsame, und wie ich finde – sehr zutreffende – Würdigung eines meiner Lieblingsfilme. Danke.

  2. Alex Klotz 26. Februar 2013 um 18:12 Uhr · Antworten

    Mal wieder ein wundervoller Text und äußerst charmant bebildert. Und dann hast Du auch noch meinem Geburtsort ein Denkmal gesetzt! <3

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