Black Mirror

Von  //  24. Mai 2013  //  Tagged: ,  //  3 Kommentare

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Der Anachronismus und das Ideal sind zwei Folgeentwicklungen der Verzweiflung. Der Blockbuster im Allgemeinen und der Science Fiction Film im Besonderen stecken in einer tiefen Krise. Seit dem Aufkommen von Serien wie „the Wire“, „the Shield“,  „Lost“, „Battlestar Galactica“ und natürlich „Game of Thrones“ verklärt das Feuilleton das Format Serie als zeitgemäße Form der Epik.  Der interessierte Zuschauer begleitet diesen Zustand und schäumt geradezu vor Begeisterung. Mit dem endlich erzielten Durchbruch der vollständigen Erfassung des (freien?!) Willens steht dem „pursuit of happiness“ nichts mehr im Wege. Dass das Verzichtleisten der Figuren in diesen Serien bereits am Ausgangspunkt all ihres Trachtens und Strebens eingebaut ist, vermutet der Zuschauer schon, ist aber begeistert über die pathologischen Untiefen in die eine jede Serienfigur getrieben und gestürzt wird.

Die Überwindung des Status Quo Ante hat dafür gesorgt, dass ein jedes Genre in die Soap Opera mündete. Die Klatschsucht des Zuschauers wird mit den Attributen besorgt, neugierig, vertrackt, kritisch oder politisch getarnt. Könnte man die in diesen Serien dargestellte Bösartigkeit noch als Verbitterung gegenüber den herrschenden Zuständen nachfühlen, so löst die allzu leichte Korrumpierbarkeit ihrer Charaktere nichts als Befremden aus. In all diesen Serien, die auf der Ebene des Narrativ wirklich alle Register ziehen, kommt nicht ein einziger wirklich kritischer Charakter vor. Sie sind aller bestens wie Tyrion Lannister – zynisch und objektiv.  Doch die Objektivität hat keine Adresse, an die man Bittgesuche richten, sie hat auch keinen Kopf, den man abschlagen könnte. Immer muss man sich, wenn etwas schief läuft im Leben, an der eigenen Nase fassen. Immer befindet man sich in einer objektiv definierten Situation, in der sich auch viele andere der demokratisch vergesellschafteten Menschen befinden. Und wenn die es geschafft haben, mit der Situation fertig zu werden, wenn sie womöglich besser als ich mit ihr zurechtkommen, dann ist das der Beweis dafür, dass ich keinen Grund habe, mich zu beklagen. „Selber schuld!“ oder „Hättest du doch den Mund gehalten!“, so hallt es vom Fernsehschirm der Objektivität zurück, so oft ich es dennoch versuche.

Beim Genre der Science-Fiction ist es besonders schlimm. Wie oft soll denn noch ein Philip K. Dick Roman eine schlechte Umsetzung finden? Wie oft soll Richard Matheson noch falsch verstanden werden? Wie oft müssen Will Smith oder Tom Cruise noch die letzten Menschen geben? Wie oft müssen Groschenromane der 1950er als Effekt versaute Blockbuster-Karzinome noch die Multiplex-Vorhöllen  befallen? Wie oft versucht man noch den Leichnam von Star Trek Leben ein zu hauchen? Captain Kirk, Spock und Dr. McCoy – die drei Weltraum­helden personifizierten die Qualitäten eines humanen, liberalen US-Amerika: Unternehmergeist, rationales Urteilsvermögen und humanistisches Gewissen. Fast schon subversiv zu nennen ist jedenfalls das utopische Bild, das die Serie von der Zukunftsgesellschaft zeichnet: Hunger, Krieg und kapitalistische Verwertung sind endlich abgeschafft, die Menschheit ist zur globalen Gesellschaft herangewachsen. Bei der Besiedlung des Weltalls geht man vorbildlich nach den Prinzipien der friedlichen Koexistenz und ökologischen Nachhaltigkeit vor. Gleichzeitig ist die Gesellschaft innerhalb von Star Trek hierarchisch strukturiert. Gender Studies  scheinen passé zu sein. Mann ist Mann, Frau ist Frau. Die Beziehungen sind nicht selten interkulturell, aber stets heterosexuell. Genau genommen sieht man Menschen der Mitte des 20.Jahrhunderts, die mit Kommunikationstechnologie des frühen 21.Jahrunderts hantieren um ihre xenophoben Projektionen und Stereotypisierungen, der Dramaturgie wegen als Außerirdische bemäntelt,  zu meistern.

Gleichzeitig zu Star Trek entstand ein anderes Science Fiction Format – The Outer Limits. Eine bis heute bemerkenswerte Sendung. Der Zuschauer als (ab)geschlossenes Subjekt trat 45 Minuten lang seiner Technikschwärmerei und -phobie gegenüber. Die Angst vor einem dritten Weltkrieg wurde ebenso verhandelt wie die Begegnung mit dem Fremden. Die Zeitreise war noch ein extratouristisches Erlebnis, keine Losbude auf einem drittklassigen Jahrmarkt. Doch die bildgebende Phantasie der Gegenwart besorgte die alltagstaugliche Metaphernresteverwertung zwecks Gemeinverständlichkeit ohne Subordinationshemmung und so folgten in den 1980ern Twilight Zone und in den 1990ern The Outer Limits. Beide Nachfolger des Originals brannten so schnell runter wie eine Zigarette. Heute erscheinen sie noch nicht einmal als ehrenrührig. Das Subjekt ist nun ein offenes, wartet freudig auf seine hoffentlich günstige Verwertung und stellt nun fest, dass es zunehmend nicht mehr gebraucht wird. Um eine neue Alternative wieder denken zu können, muss zuerst die Geschichte rehabilitiert werden. Die scheinbar ahistorisch gewordene Science-Fiction gilt es zu historisieren. Das ist bekanntlich das Schicksal jeder Hybris. Anfangen sollte man mit einem Blick in den Spiegel.

Der britische Satiriker und Autor Charlie Brooker legt mit „Black Mirror“ eine monothematische Nabelschau vor, die mit sechs Folgen mehr Sprengkraft entfaltet als die meisten Serien, die in 6 Staffeln ihre Charaktere mit einem kaum versteckten Sadismus zer- und verdehnen. Brooker selbst vermittelte dem Guardian: „Wenn Technologie eine Droge wäre, und sie wirkt zunehmend wie eine Droge, was sind ihre Nebenwirkungen? Dieser Raum zwischen Vergnügen und Unbehagen ist die Stelle, an der Black Mirror ansetzt.“

Der Mensch im Zeitalter seiner anthropogenetischen Verwertung, sein spielerischer Kulturalismus, der noch die Armut in ein Kostüm und die soziale Erniedrigung in ein Spiel umdefiniert, ist nur ein dünnes Oberflächengeschehen, unter dem schon etwas ganz anderes sich regt. Dieses ganz andere ist schwer zu benennen, doch gelingt dem Format „Black Mirror“ zu mindestens Vermittlung. In Teil 1 und Teil 6 wird die Ebene der Realpolitik als das dargestellt, was sie nun einmal ist – austauschbar und überflüssig. Während in Teil 1 der Premierminister Großbritanniens (Rory Kinnear) mit einem Schwein vor den Augen der Weltöffentlichkeit kopulieren muss um ein Mitglied der königlichen Familie zu retten, so muss in Teil 6 ein Karikaturist (Daniel Rigby) erkennen, dass seine Figur Waldo ein merkwürdiges Eigenleben entwickelt und den Ausgang einer Wahl beeinflusst. Der Effekt ist stärker als jeder Inhalt. Nicht das Unbewusste treibt uns, so der aktuelle naturwissenschaftliche Vulgärmaterialismus, sondern die Biochemie und die neuronalen Prozesse unseres Körpers. Überhaupt erscheint der Mensch weniger als ein gesellschaftliches Wesen, sondern eher die Gesellschaft als ein Body. Die Individuen pflegen vornehmlich ihre Haut, entdecken ihre muskuläre Körperlichkeit und den Sing-Sang unter der Dusche halten sie für Talent. Diese Art modifizierter Nazi-Ästhetik des Biologischen ist nicht nur omnipräsent, sondern wird in Teil 2 völlig auf die Spitze getrieben. Der Alltag der Menschen besteht dort aus Fitnesscenter, Porno-Clips und gesunder Ernährung. Der einzige Ausweg daraus ist die Teilnahme an einem Talent-Show-Wettbewerb. Der Protagonist dieser Folge Bingham Madsen (Daniel Kaluuya) schafft es am Ende hinaus und scheitert dennoch. Das Konkurrenzsubjekt erscheint hier als alternativlos und in diesem Sinne erlaubt das System eigentlich alles, was überhaupt getan werden kann, denn alles, was denkmöglich und ausführbar ist, gehört somit auch dem System an und wird sofort weiterverwertet. In Teil 3 ist der Mensch an dem Punkt angelangt, an dem es technisch unmöglich geworden ist zu vergessen. In Teil 4 ist der Tod selbst nur noch eine Art Unannehmlichkeit und eine ganze Branche hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Verlust eines geliebten Menschen mit einer ganzen Palette von Produkten, angefangen beim maßgeschneiderten Chat-Bot bis hin zur Androiden-Kopie jenes Menschen, anzubieten. In Teil 5 sind Strafanstalten Touristenattraktionen. Streng und zynisch genommen fällt in diesen Folgen sowohl die Erinnerung als auch der Tod unter das Diktat des Recycling. Herkömmlicher Abfall zeichnet sich durch weitgehende Bedürfnislosigkeit aus, er darf vergessen werden, weil er vergeht. Müll hingegen ist gekennzeichnet durch verschiedene Stufen der Bedürftigkeit und Aufmerksamkeit. Er bedarf in jedem Fall der menschlichen Behandlung, eben weil er nicht konsequenzlos beseitigt werden kann. Der Mensch muss so den Müll überwachen und kontrollieren, um ihn an destruktiven Reaktionen zu hindern. Er schützt sich somit vor etwas, was er selbst erzeugt hat und verklärt es final zur Kultur selbst.

Es gehört zum Selbstverständnis unseres Zeitgeistes, dass wir freie Individuen sind. Wir können tun und lassen was wir wollen und wenn wir es nicht können, fühlen wir uns unterdrückt. Auf der anderen Seite ist Macht als solche ja nicht verschwunden, aber sie ist in Prozesse entschwunden, die die Sphäre der Politik höchstens als Durchgangsstation gebrauchen. Die Sprache und die Spektakel die uns umgeben sind entweder substanzlos und effektbesetzt oder sie sind trockener und naturwissenschaftlicher Natur. Variante zwei ist noch ein wenig perfider, da wir einer solchen Sprache Objektivität unterstellen. Natürlich ist auch sie höchst ideologisch. Ob eine TV-Serie nun unterhält oder aufklärt und wie sie das bewerkstelligt, hängt selbstverständlich auch von den Entwicklungen des Zeitgeistes ab. Es spricht für „Black Mirror“, das diese Serie die apriorische Verbundenheit des Menschen mit der verwerteten Welt aufdeckt, benennt und sich davon loslöst, in dem sie einzelne Prozesse der medialen Verwertung in den Vordergrund rückt und nicht die pathologischen Folgen eben jener Verwertung auf mehrere Staffeln ausweitet. Die Gedanken waren mal frei, jeder kann sie nun liken.

Großbritannien 2011, Regie: Charlie Brooker


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3 Kommentare zu "Black Mirror"

  1. Sascha 1. Juni 2013 um 18:24 Uhr · Antworten

    Ein wunderbarer Text!

  2. Bartel 30. Mai 2013 um 13:51 Uhr · Antworten

    Die zweite Staffel rockt hart. Vor allem das Mittelstück WHITE BEAR ist eine so unglaubllich finstere und fiese, kleine Geschichte, das es für Freizeit-Zyniker wie mich die reinste Freude ist..

  3. Alex Klotz 28. Mai 2013 um 22:37 Uhr · Antworten

    Oha, hatte noch gar nicht mitbekommen, daß es eine zweite Staffel und 3 weitere Folgen gibt, die werde ich baldmöglichst nachholen. Die Briten scheinen ihr Science Fiction-Fernsehen gerne mit Tiefgang serviert zu bekommen, als erstes Highlight sind wohl die QUATERMASS-Serien von Nigel Kneale aus den 50ern zu nennen, aber da gab es in jeder Dekade einige Beispiele, die neben durchdachten Skripts und originellen Ideen auch – wie BLACK MIRROR jetzt wieder – häufig nicht davor zurückschreckten, Tabus zu verletzen und der Beschwerdeabteilung bei der BBC ordentlich Arbeit verschafften.

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