Blutnacht 2 – Die Rückkehr des Dämon

Von  //  28. Juni 2013  //  Tagged: , , ,  //  Keine Kommentare

„Hass, Hass, Hass für diese Welt! All mein Hass!“ (schwäbischer Teufelsanbeter)

Wenn man eben am Horrorgenre verzweifeln will, stößt man unvermittelt auf etwas wie BLUTNACHT 2, im schönen Schwabenland gedreht, wo die Leute charmant klingen, selbst wenn sie bei einer schwarzen Messe Songtexte vorlesen und Blut aus einem Sportpokal trinken. Gewiss, Kamera, Ton, Script und Darsteller bewegen sich bestenfalls am Rande des Erträglichen, und die Effekte kommen vom Metzger, wobei ein Würstchen als Penis fungiert. Doch gerade mithilfe seiner Schwächen und dank seiner Klischees erreicht der Film eine wahrhaft bedrückende Stimmung, die tiefer geht als die Geschichte (ein wiederauferstandener Dämon/Massenmörder/whatever metzelt alles nieder, was ihm in die Quere kommt), die er vorgeblich erzählt.

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Nehmen wir etwa unsere Protagonisten. Im Idealfall hätten wir sechs klar unterscheidbare, sympathische Menschen, die uns im Verlaufe des Films ans Herz wachsen. Wahrscheinlicher wären natürlich sechs Pappfiguren mit je 1 Charakteretikett, die uns ganz egal sind. Doch wenige Filme haben ihre Figuren je so schonungslos gezeichnet wie BLUTNACHT 2: Die keifenden Leutchen, die einer RTL2-Pseudodoku entsprungen sein könnten, gehen uns schon nach zwei Minuten so sehr auf die Nerven, dass wir dem Dämon die Machete reichen möchten, um dem Grauen ein Ende zu machen.

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Aber der Film versagt uns den billigen Ausweg einer umgekehrten Sympathiezuweisung. Zwar trägt er Sorge, dass wir innere Distanz zu den Protagonisten halten (wobei der Symbolismus mitunter etwas dick aufgetragen ist, wenn etwa der Held minutenlang seinen nackten Arsch aus dem Fenster des fahrenden Wagens hängen lässt), doch auch der „Dämon“ – stummer Typ in Karnevalshorrormaske, Sweaterkapuze und Ledermantel – bleibt ohne Motivation, Sinn und Verstand und kann nur als Allegorie des hirnlosen Zufalls verstanden werden. Auch eine Deutung der beiden archetypischen „Pärchen wird während des Liebesspiels massakriert“-Szenen, die weder spannend noch erotisch sind, fällt mir schwer. Vielleicht soll illustriert werden, dass Schwäbinnen imgrunde keinen Oralverkehr mögen, ihn aber doch durchführen, weil sich das halt so gehört.

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Da all dies den Film hinterrücks schon beinahe realistisch macht, gönnt er uns mitunter „komische“ Atempausen (aus der Taubert-Ecke, nur tiefer), die auftauchen wie ein LKW, der plötzlich um die Ecke biegt und durch eine Pfütze rast, nur um uns zu beschmutzen, ehe er wieder verschwindet. Es ist vielleicht charakteristisch, dass der Film gleich zwei geistig Behinderte aufbietet: Einen mit lustiger Mütze (und Thor Steinar-Jacke), der einen Ed Wood-mäßigen Autounfall produziert, und einen anderen, der mitunter irgendwoher kommt, mit Untertiteln spricht und dessen Running Gag darin besteht, dass er nicht in Ruhe defäkieren kann.  Auch gibt es zwei Besoffene, die auf dem Heimweg vom Wirtshaus der Tod ereilt. (Full disclosure: Bei der Zeile „Sind Sie net der Herr Dämon?“ musste ich lachen.)

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Ich gestehe meine Ratlosigkeit ein. Einerseits zählt BLUTNACHT 2 zu den schlechtesten Filmen, die ich je gesehen habe, andererseits fasziniert er mich in seiner dreckigen Schlichtheit und verleitet zum Wiederansehen. Ist das alles nur zufällig passiert, oder ist das Werk schlauer, als ich ihm zugestehen will? Ich fürchte, ich muss mir BLUTNACHT 1 besorgen.

Deutschland 2002, Regie: Jochen Stephan


Über den Autor

Andreas Poletz (1185 bis 1231), aus Chorazin gebürtig, beschrieb seine Seele als »einen schrecklichen Sturm, umhüllt von ewiger Nacht«, und behauptete, dass er aus Verzweiflung begann, seine Hände und Arme zu zerfleischen und mit den Zähnen bis auf die Knochen zu zernagen (incipit manus et bracchia dilacerare et cum dentibus corrodere useque ad ossa). Ist aber nicht wahr.

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