Lieblingsfilm: Gisela

Von  //  25. Juli 2013  //  Tagged: , , ,  //  1 Kommentar

Oh jee. Ich ahne, dass ich selbst so bin/war. Dass es das war, was die Leute meinten, wenn sie sagten, ich sähe „unschuldig“, sogar „heilig“ aus, habe es aber „faustdick hinter den Ohren“. Der Film könnte so heißen wie ich.

Die Leute in GISELA untertreiben. Sie halten die Emotionen flach und schonen die ärmlich reduzierte Oberfläche. Der Alltag kontrastiert ihre heruntergespielten, unartikulierten Gefühle und weht wunderliche Fetzen in ihr Inneres – Sätze wie „Was kostet der eingeschweißte Brokkoli?“ oder „Ich lass mir die Tür übrigens jetzt doch ausbeulen“, die man teilnahmsarm und wie durch Watte einfängt aus dem, was sie da draußen hochspielen.

Man schaut dem Wind zu, in dem spärlichen hohen Gras, das um die Plattenbauten wächst. Den baumelnden Flurlampen, wenn jemand beim Rausgehen dagegen stößt.

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Es gibt kostbar wahre Szenen, die wie von selbst entstehen und die zum Glück ungekürzt so bleiben wie sie sind. Die Musik ist gut und hintergründig – manchmal mysteriös, dann eine verwehte Schlagerorgel, einige bekannte Songs, die ich zufällig auch oft höre, wie z. B. Herb Alperts „This guy’s in love with you“… und einen illuminierten Fisch als Lampe haben sie, der mich an meine alte Wasserfall-Lampe erinnert.

Gisela (Anne Weinknecht) arbeitet an der Kasse in einem bunten, hellen, aufgeräumten Supermarkt. Sie tut das gerne, sagt sie, und man ahnt, warum. Der Supermarkt ist ihr Refugium. Ihre Kollegin ist die schön ungesund bleiche, fleischige und hautige Anna Loos.

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Im Wohnblock, ihrem anderen Platz, ist Gisela verheiratet mit einem Mann, von dem man nichts erfährt außer seiner schlechten Laune. Das ist vielleicht ein bisschen schade. Gisela scheint wegen des gemeinsamen Söhnchens bei ihm zu bleiben. Und vielleicht auch wegen etwas, das wir nicht von ihr wissen.

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Fischlampe. Mann. Bier.

Und dann gibt es den dritten Platz, der wichtig für sie ist. Die Jungen. Sie sind das Abenteuer.

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Der Schilderung ihres alten Freunds und Nachbarn Georg (Stefan Rudolf) nach, war Gisela früher das, was man wohl einen „Feger“ nennt. Nun ist sie dicker und trüber und kommt für Georg und die meisten anderen nicht mehr in Frage. Doch Georgs Freund Paul (Carlo Ljubek) bemerkt etwas an ihr, das durch ihr ungeschminktes Mädchengesicht wie durch Milchglas scheint: ihre „Geilheit“ – ein unvollständiges Jungswort für mehr und anderes als das.

Sie kriegt ihr Sosein kaum beherrscht. Obwohl sie zurückhaltend ist, sieht man ihr alles an, was sie denkt und fühlt. Auch die beiden Jungen sind transparent, ohne viel zu machen. Diese Schauspieler hätte ich mir auch für die Verfilmung eines Buchs von mir gewünscht.

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Die unterdrückte Freude in ihrem Körper, die den falschen Sachen gilt, schummelt sich wie ein zutrauliches, neugieriges Tier aus ihren Augen und leuchtet in ihrem Gesicht, als sie in eine dieser aufreizend langweiligen Georg-Partys eintritt. Diese Party riecht bis hierhin nach Bier.

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Es ist ein belustigend typisches, schmucklos lumpiges Besäufnis, ausgehend von einem unsäglichen, braunen Kunstledersofa. In dessen Ritzen klebt versteckt der trockene Humor des Films. Oder etwas Düstereres: sein perverser Genuss.

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Da sitzt auch Paul, den Gisela vor ein paar Stunden noch im Supermarkt gesehen hat, er hat diesen kaputt umflorten Welpenblick, ihr Herz klopft.

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Sie gehen auf den Balkon und schauen runter auf die Partygäste, die rund um die Straßenlaterne einen Quatsch machen, der vage poetisch wirkt. (In Serial Rapist zeigt Koji Wakamatsu seinen pummeligen Serienmörder auch so allein mit sich im Dunkeln auf dem Spielplatz, sein Fahrrad wartet auf die nächste Fahrt zu den Mädchen.)

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Paul und Gisela nutzen ihr temporäres Alleinsein zum Knutschen, und dann wixt sie ihm einen. Eine lange, subtil wundervolle Szene, ihr Gesicht ist dabei so wie man es, wenn, dann eher von Männern als von Frauen in Filmen kennt – schwitzig, erregt, in ihrem Element, ohne auf sich zu achten. Das ist das, was ich oft in Filmen suche und nur selten finde. Diese wirre, sich selber nicht beobachtende Hingabe an das eigene sexuelle Tun. Das ist toll von dem Mädchen /Anne Weinknecht.

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Heimweg von der Party

Es bleibt natürlich nicht beim Wixen. Ich mag das sehr an diesem Film, wie er illegale sexuelle Gefühle, die es nach landläufiger Meinung nach nicht wert sind, ernst nimmt und groß zeichnet, sie nicht mit Witzelei und Schuld verkleinert und verzerrt.

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Manchmal hat die Beziehung zwischen Georg, Paul und Gisela etwas von STRANGER THAN PARADISE. Aber die Konstellation ist trauriger. Das Mädchen befindet sich in einer Situation, die ihr nicht zusteht. Als wäre sie eine freie junge Frau mit zwei Freunden, die aus unterschiedlichen Gründen scharf auf sie sind. Dabei ist sie auch eine junge Mutter mit einem grimmigen Mann, den zu verlassen sie erwägt, aber, na ja.

Georg sagt, dass manche Leute getötet werden müssen, er meint mit dieser geheimnistuerischen Andeutung sich selbst. Üblicherweise glaubt man, dass Leute so was nur sagen, um Beachtung zu bekommen. Auch mit so georgtypischen zynischen oder großspurigen Arschlochaktionen. Aber Gisela lässt solche Bewertungen weitgehend stecken. So bist du doch gar nicht, sagt sie, ich kenne dich doch. Das ist gut, dass du nie was sagst, sagt er. Es klingt fast aufrichtig.

Stefan Rudolf, der den Georg spielt, kam mir sehr bekannt vor. Ich dachte, das sei vielleicht, weil er einem Jungen, den ich kannte, ähnlich sieht. Auch etwas von Mario Mentrup sehe ich in ihm – dieses lauernd Herausfordernde können beide gut spielen. Aber das war es nicht allein. Mir war, als hätte ich ihn eine zeitlang praktisch jeden Tag gesehen. Ich googelte, ob er etwa aus Aachen oder sonst aus meiner Gegend kommt. Und dann sah ich es: Er war wirklich mal ein intensiver Teil meines Alltags, und zwar, weil ich ihn aus VERBOTENE LIEBE kenne. Ich gucke diese Soap schon lange und träume manchmal von den Leuten wie von persönlichen Bekannten. Stefan Rudolf spielte dort in einer Gastrolle den soziopathischen Freund des jungen Grafen zu Lahnstein, der eine junge Frau entführte, um sie zu quälen und zu vergewaltigen.

Auf seiner nächsten Fete tanzt er langsam zu „I cant help falling in love with you“ und trinkt dabei sein Bier aus, als küsste er eine große Liebe, wieder und wieder.

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Seine Freunde saufen auch sehr viel. Zum Beispiel diese Randfigur hier. Oh. Ich sage besser gar nichts mehr dazu. An dieses Casting kommen jedenfalls nicht viele Filme heran, für mich persönlich meine ich. (Brunello Rondi und Pasolini sind in dieser Hinsicht auch oft schwere Prüfungen. Die Quereinsteigerinnen bekanntlich auch ein bisschen.)

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Oder wie er hier halbnackt im Spielsand auf dem nächtlichen Spielplatz sitzt – mythisch, kindlich sieht das aus. Der Körper des Hundes Adolf sieht aus wie seiner, als wären sie aus demselben, auf zwei Lebewesen verteilten Klumpen Fleisch gemacht.

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Wenn man mit ihm hochblickt, sieht man den drei schön unsympathischen Eigentümern Adolfs ins Gesicht. „Hej, deine Freundin wollte was von Adolf“, sagt der eine. Georg: „Das kann nicht sein, ich habe keine Freunde. Ich blase Typen wie euch einen. Ich träume davon, euch der Reihe nach zu ficken.“ Dafür gibt es was, und als Georg das noch nicht genügt, schlägt er selbst seinen Kopf mit Wucht gegen das Klettergerüst.

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Die Szene, als ihn Gisela dann findet, erinnert an eine Kreuzabnahme. Gisela als Maria Magdalena, aber ohne dass das irgendwie betont wird. Da muss der Regisseurin, Isabelle Stever, das Herz geklopft haben, bei dieser Sequenz auf dem Spielplatz. Das ist makellos und völlig ungekünstelt, alles sitzt.

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Als sie auf seinen Krankenwagen warten, fummelt Georg unter ihrem Rock. Paul sieht ihre Unterhose auf dem Boden, sie hebt sie verstohlen auf, aber er weiß schon Bescheid. Und Georg kann seine Garstigkeit nicht beherrschen und schnuppert extra noch einmal vor Paul an seinen Fingern.

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Ihr leichtes Lächeln kommt einfach durch, wie Löwenzahn – etwas Ursprüngliches, das seine Chance sieht, ohne Zögern und Gewissen danach greift und die Jungen, ihre Spielkameraden, grüßt. Während sie, ein Mädchen (in Gestalt einer Ehefrau und Mutter), scheinbar brav mit ihrem Vater (in Gestalt eines Ehemannes) an ihnen vorbei geht. Der Film ist hier zu Ende. Alles andere wohl kaum.

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BRD 2005, Regie: Isabelle Stever. Nach einem Roman von Anke Stelling und Robby Dannenberg.

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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