ÖDLAND – Damit keiner das so mitbemerkt

Von  //  29. November 2013  //  Tagged: , , ,  //  Keine Kommentare

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Bleierne, endlose Sommerferientage, nichts zu tun, als Grashalme ausrupfen, mit Freunden rumhängen, ein bisschen Unsinn machen, vielleicht mal ins Freibad. Zeit, dehnbar bis ins Unendliche. Zeit, um in die Luft zu starren und den Kollagenfädchen beim Umhertreiben zuzuschauen; Zeit, um immer wieder dieselben Spiele mit den anderen zu spielen; Zeit, um Geräte oder Spielzeuge zu zerlegen und deren Innenleben zu untersuchen; Zeit, um im Wald, in Hinterhöfen oder auf Spielplätzen herumzustreifen, auf verbotenes Gelände zu gehen und nach Schätzen zu suchen; Zeit, um sich die Dinge ganz genau, aber auch wirklich ganz genau anzusehen; Zeit, um in dem, was man tut, zu versinken. Lange Weile. Vielleicht ist diese Zeitwahrnehmung das einzige, was Kinder und Erwachsene wirklich voneinander unterscheidet. Heute wie damals. Genau dieses Zeitgefühl, das Warten darauf, dass etwas passiert, dass der Ernstfall eintritt, dass das Leben losgeht, fängt Anne Kodura in ihrem ersten Langfilm ein, dem Dokumentarfilm ÖDLAND – Damit keiner das so mitbemerkt.

OEDLAND - Damit keiner das so mitbemerkt

Die Kinder, denen die Filmemacherin gemeinsam mit Kameramann Friede Clausz über die Schulter schaut, sind Jahrtausendwendekinder: geboren in den Nullerjahren, 2011 auf Film gebannt. Der Unterschied zu anderen Kindern: Sie wachsen nicht in einem Dorf auf, nicht in der Enge einer Kleinstadt, noch nicht mal in einem großstädtischen Hochhausghetto, sondern in einem Asylbewerberheim irgendwo in der sachsen-anhaltischen Pampa. Rund herum gibt es nichts außer verspargelter Windparkästhetik, Schafwiesen und wilden Müllablageflächen. Wenn nicht gerade Schulzeit ist, kommt zweimal täglich ein Bus, der die Kinder mit so etwas wie Zivilisation in Berührung bringt. Ansonsten leben Aya, Mustafa, Momo, Isra, Amin, Semir, Sami und Schiyar in einer vergessenen Welt. Ihr „Heim“ befindet sich in einer ehemaligen sowjetischen Kaserne. Besuch von außen (wo ist das?) kommt so gut wie nie. Dafür sorgen nicht nur Vorurteile, sondern auch die abgelegene Lage des Asylbewerberheims. Im Gegensatz zu ihren Eltern kennen die Kinder keinen anderen Wohnort als diesen. Sie sind in Deutschland geboren, die Heimatländer ihrer Eltern sind für sie Schauplätze von Geschichten aus 1001 Nacht. „Wie sieht Afrika aus?“ – „Da liegt nur Sand rum.“ – „Was ist mit Häusern?“ – „Da ist kein Haus, die schlafen auf dem Boden. Oder?“

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Manche der Familien leben seit über 10 Jahren im Heim und warten auf angemessenen Wohnraum sowie einen Aufenthaltsstatus, der ihnen ein „normales“ Leben ermöglicht. Doch die Lage der Eltern tritt in ÖDLAND fast vollkommen in den Hintergrund. Anne Kodura wählt ganz bewusst die Perspektive der Kinder, um zu erzählen, was „Duldung“ bedeutet. Kein einziges Mal ist ein Erwachsener zu sehen, nur die Mütter kommen ab und an als Stimmen aus dem Off zu Wort. „Hätte ich die Geschichten der Erwachsenen erzählt, wäre der Film unerträglich geworden“, sagt Kodura. Und auch so erschließt sich genug schwer Erträgliches: Panzer, Granaten und Krieg sind wiederkehrende Themen in den Spielen der Kinder; Blicke in die heruntergekommenen Wohnbaracken offenbaren, wie wenig Erbarmen unsere Gesellschaft mit Menschen hat, die nicht nur Familienangehörige und Freunde, sondern auch all ihren Besitz verloren haben; am schlimmsten aber ist das Bewusstsein, dass die Eltern dazu verdammt sind, Jahre ihrer Lebenszeit mit Warten zu vergeuden. „Wir sind weggegangen, bevor man uns festnimmt. Wir haben nichts mitgenommen“, sagt eine der Mütter aus dem Off, „Wir haben uns ein besseres Leben erhofft. Aber das hier ist auch ein Gefängnis, das ist nicht besser.“

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Aber Kodura und Clausz erbarmen sich ihres Publikums. Konsequent lenken sie den Blick auf die Kinder und deren teils komische, teils verzweifelte, teils erfolgreiche, teils aussichtslose Versuche, so etwas wie Normalität zu konstruieren. Die Kamera folgt ihnen dabei auf Augenhöhe, nimmt Details in den Fokus, die Erwachsenen vermutlich unwichtig wären, und zeigt auch die Schönheit dieses unmöglichen Ortes, die den eingesperrten Eltern wahrscheinlich verborgen bleibt. Dass der Film in Schwarz/Weiß gezeigt wird, sorgt dafür, dass man die Szenen nicht nur als dokumentarisches Material aus dem Jahr 2011 begreift, sondern zugleich als gestaltetes Werk. Die Bilder bekommen durch die Farbreduktion einen strengen, architektonischen Zug, und obwohl die ausnahmslos schönen Kinder recht handfest miteinander umgehen, wirken ihre Gesichter, Körper und Nacken wie fragile Skulpturen. Ein stark ästhetisierendes Moment, auch wenn Anne Kodura das selbst anders sieht: „Die Aufnahmen sind in Farbe viel ästhetischer. Wenn so ein kleines Mädchen in Pink vor der tristen Baracke steht, ist das so schön, dass der Zuschauer sich nur noch auf die Bilder konzentriert. Wir haben die Farbe also bewusst heraus genommen, um den Fokus auf die Handlung zu lenken. Außerdem hatten wir die Assoziation an unsere eigene Kindheit. Wir sind im Osten aufgewachsen, da gab es noch lange viele Schwarz/Weiß-Aufnahmen.“

OEDLAND - Damit keiner das so mitbemerkt

Dem vertrauten Verhältnis, das Anne Kodura in den Monaten vor den Dreharbeiten zu den Kindern aufgebaut hat, ist es zu verdanken, dass ihre Protagonisten vor der Kamera nicht nur völlig ungekünstelt miteinander agieren, sondern auch ihrem „Tagesgeschäft“ nachkommen und alte Fernseher und Waschmaschinen auf der Suche nach ein bisschen Kupfer zertlegen. [Altmetallsammeln scheint nationenübergreifend zu einer der wenigen lukrativen Beschäftigungen für Halbwüchsige zu gehören, siehe The Selfish Giant. Über die Genregrenzen hinweg lassen sich auch noch andere Parallelen zwischen den Filmen ausmachen. Neben der ein oder anderen Gemeinsamkeit in Bezug auf Bildgestaltung und Motivik – Zivilisationsmüll, Ausgrenzung und Ödnis sind für beide Filme wichtige sujets – geht es hier wie da um Kinder, die eigene Strategien entwickeln, um sich in der Absurdität der Erwachsenenwelt zu bewegen.] Aus der großen Authentizität der Bilder speist sich allerdings nicht nur die Anziehungskraft des Films, sie macht ihn auch zu einem grenzwertig offenen Dokument. Man belauscht die intimen Gespräche der Kinder, beobachtet sie beim Sich-selbst-Vergessen und verfolgt sie bei ihren heimlichen Verrichtungen. Auch wenn das Einverständnis der Eltern für die Drehaufnahmen vorlag und alle gezeigten Kinder nach wie vor stolz auf den Film sind, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, erschlichene Aufnahmen zu sehen. Ein Mauerschau, der Erwachsenen vielleicht nur in fiktiven Erzählungen gewährt werden sollte. Ich fühlte mich jedenfalls als Voyeurin, die durch das Schlüsselloch in ein Zimmer blickt, zu dem sie schon seit langem keinen Zutrittsberechtigung mehr hat.

OEDLAND - Damit keiner das so mitbemerkt

Deutschland 2013, Regie: Anne Kodura


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Über den Autor

Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Mitgründerin des Leerzeichen e.V., freie Lektorin und Journalistin. Im persönlichen Umgang ist sie launisch, besserwisserisch und pedantisch.

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