Venus im Pelz

Von  //  23. November 2013  //  Tagged: ,  //  2 Kommentare

Gemütliche Pornografie. In „Venus im Pelz“ spielen Roman Polanskis persönliche Krisen dramatische Rollen.

Ein Autor verzweifelt am Theater. Er hat einen Stoff adaptiert und einen Schauplatz gefunden. Er nimmt die Stelle des Regisseurs ein, qualifiziert von einem grundlosen Gefühl der Überlegenheit. Er lässt Schauspielerinnen zum Vorsprechen antanzen. Sie gehen, bevor der Film beginnt. In einer frühen Einstellung raucht der Autor auf der Bühne, das Dekor gehört mit seinen vernebelten Kakteen der Vergangenheit eines rasch abgesetzten Musicals. Über die Hühner von der Stange beschwert sich der Autor telefonisch bei seiner Verlobten. Sie ist jünger, reicher und kultivierter als er, und außerdem hervorgegangen aus einer hervorragenden Dynastie. Zur Herabsetzung der Schauspielerinnen unterscheidet der Autor zwischen „nuttig“ und „lesbisch“. Er behauptet, die vakante Rolle überzeugender spielen zu können als alle Bewerberinnen. Das riecht bereits nach einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung. Nun kommt eine viel zu spät und war auch gar nicht eingeladen. Emmanuelle Seigner, Polanskis dritte Ehefrau, erscheint ordinär als derangierte, drastisch Kaugummi kauende Milf – kosmetisch entstellt und verlaufen von einem Unwetter. Sie behauptet Vanda zu heißen, wie die „Venus im Pelz“ mit bürgerlichem Vornamen. Das soll eine verheißungsvolle Koinzidenz sein. Vanda versucht sie dem Autor/Regisseur (widerlich anbiedernd) schmackhaft zu machen. Den Titel „Venus im Pelz“ kennt sie angeblich von Lou Reed, das Kaugummi klebt bestimmt bald unter einem Mischpult. Jetzt kann das Kammerspiel beginnen.

Der Film spielt in einem Pariser Theater, Vandas Vorsprechen verlängert sich in einem Probendurchgang der „Venus im Pelz“, so wie Thomas sie, das wiederholt er wie zur Rechtfertigung, (lediglich) „adaptiert“ hat. Leopold von Sacher-Masoch erzählt die Geschichte eines literarisch dilettierenden Aristokraten, der eine Kurbekannte namens Wanda von Dunajew bittet, ihn in einem Nest aus Rauchwaren zum Vergnügen zu versklaven. Das Vergnügen erklärt sich Severin von Kusiemski mit einer super demütigenden Genuss-durch-Züchtigung-Erfahrung als Heranwachsender. Ein von seiner Rinde befreiter Ast und der notorische Pelz gehören dazu als Accessoires. Seither wünscht sich Severin in die Gewalt einer sadistischen, im Fetischgebrauch versierten Venus. Wanda von Dunajew schließt mit ihm einen Vertrag, der ihn ihr für die Dauer eines Jahres ausliefert. Im Zustand seiner totalen Ergebenheit wird er zum Gregor.

Vanda hält die Vorlage für gemütliche Pornografie. Sie unterstellt Thomas, seine eigenen Obsessionen auf die Bühne zu bringen. Sie spricht zweimal von Missbrauch, einmal deklariert sie die Züchtigung des Knaben Severin als „Kindesmissbrauch“. Thomas verheddert sich in der Rechtfertigung seiner ersten Peinigerin. Indem er mit der Liebe als übergesetzlichem Ausnahmezustand argumentiert, erreicht Thomas einen Gipfel seiner Unglaubwürdigkeit. Das ist großes Kino.
An anderer Stelle stolpert Thomas über ein Apokryphen-Zitat, das sein Ritter Sacher-Masoch einsetzte: „Gott hat ihn bestraft und ihn in eines Weibes Hände gegeben.“ Für Vanda ist das schierer Sexismus. Sie kokettiert zwar mit einer einfältigen Weltauffassung, doch haut sie ihre Ansichten Thomas mit viel Verstand um die Ohren. Sie treibt ihn in die Enge, wenn er sich zu distanzieren versucht. Ihm fehlen schließlich die Worte, die Katharsis fällt als Katastrophe aus und wird zum Reinfall.

Der alte Regisseur Roman Polanski lässt einen jungen Doppelgänger sich in der Rolle des Regisseurs verheben. Mathieu Amalric sieht aus wie Polanski bei seiner Hochzeit mit Sharon Tate. Als Thomas verkörpert er eine Mischung aus moralischer Inkontinenz, anmaßender Intellektualität und S. Schleicher-Elastizität. So scheel sah man den „polnischen Franzosen“ Polanski schon in den schwingenden Sechzigern. Amalric spielt das eloquente Monster und den von einem göttlichen Funken entzündeten Angsthasen mit der Schwindel erregenden Libido und das in die Jahre gekommene Ghettokind in Hugh Hefners Schlaraffenland. Er spielt auch an auf Polanskis Vertreibung aus dem amerikanischen Paradies. Als Vanda-Wanda hält Emmanuelle Seigner mit Thomas auf sämtlichen Polanski-Bahnhöfen. Sie hetzt ihn durch Spiegelsäle der Biografie ihres Gatten. Vanda verfolgt Roman-Thomas/Severin-Gregor wie eine Verkünderin des Fegefeuers für Päderasten. Sie treibt ihren Regisseur in die Travestie.

Keinen Augenblick behält Thomas die Kontrolle über sein Stück. Vanda ändert die Lichtverhältnisse im Theater nach ihren Vorstellungen, verblüffend vertraut mit den Verhältnissen. Sie hat dann auch die Hausjacke von 1869 zur Hand, in der Thomas in seine Rolle als devoter Dichter findet. Plötzlich kennt Vanda das Stück, „die Adaption“, in- und auswendig. Sie steigert sich in eine Göttlichkeit hinein, die von der Gossengrandezza am Anfang nichts übrig lässt. Der Film klärt nicht, woher ihre unwahrscheinlichen Vorsprünge rühren.
Vanda verwandelt sich von vulgär in eine Venus voll des rächenden Furors. Im Livree wird Thomas zum Sklaven Gregor. Vanda steuert Thomas-Gregor in ihre eigene Rolle. Sie schminkt ihn grotesk auf Wanda von Dunajew. Deshalb wird Gregor weder bestimmender noch klarer. Er bleibt der um die Rolle der Wanda sich bemühenden Schauspielerin Vanda unterworfen, allen gegensätzlichen Feststellungen zum Trotz. Thomas ist erledigt, während Wagners „Walkürenritt“ in seinen Taschen immer wieder die Verlobte in Sorge und am Telefon verspricht. Sie will mit ihm und Derrida, so heißt der Familienhund, Sushi essen und Arte gucken.

Oder etwa nicht? Man kann den Film auch so verstehen, dass Vanda einen Vertrag mit der Verlobten geschlossen hat, der Thomas nichts Gutes verheißt. Wie auch immer, ich bin erst einmal erschlagen von der Dimension, in der Polanski sich selbst untergräbt. Die „Venus im Pelz“ perforiert mit ihren Killer-High Heels die Legende vom illuminierten Immoralisten Roman-Thomas, bis der sich gar nicht mehr hinter Severin und Gregor und Sacher-Masoch verstecken muss. Da sowieso keine mehr nach ihm suchen wird. Das Spiel ist aus.

Frankreich 2013, Regie: Roman Polanski


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2 Kommentare zu "Venus im Pelz"

  1. Jamal Tuschick 24. November 2013 um 12:13 Uhr · Antworten

    Vielen Dank für die freundlichen Worte, mir hat der Film gefallen.

  2. BobbiSnobbi 23. November 2013 um 20:13 Uhr · Antworten

    Mir gefallen die vielen fabulierten Wörter im Text, aber ist der Film jetzt gut oder schlecht?

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