Only Lovers left Alive

Von  //  28. Dezember 2013  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

Blood in, blood out. Jim Jarmusch überlässt seine Lieblingsgegenstände der personifizierten Unsterblichkeit.

In Austin, Texas, hatte ich eine Zeit mit einem weiblichen Vampir in der Nachbarschaft. Shauna behauptete, zu William Wallace’ Zeiten (1270 – 1305) in einer schottischen Burg geboren worden zu sein. Daran konnte kein Zweifel bestehen. Shaunas geistige Spannweite war nicht abzumessen. Die Weltliteratur seit Boccaccio und Dante Alighieri hatte sie als Kleinigkeit für die Westentasche parat. Ja, Shauna trug Westernwesten, mexikanische Stiefel und Stetson. Sie liebte Saitenspielzeuge, am liebsten spielte Shauna Bluesrock im Stevie Ray-Stil. Vaughan scheint allgemein ein Vampirfavorit zu sein. Einmal holte Lance Lopez Shauna auf die Bühne in einem Club am East Riverside Drive – „Antone’s“. Bestimmt kennt ihr den Laden, Lance servierte Shauna seine Gitarre. „The Killer Guitar from Texas“ übergab das Instrument mit den Homeboy-Worten: „Blood in, blood out.“ Das war Minne auf amerikanisch. Nun, auch in „Only Lovers Left Alive“ kommt es auf Blut, Blues, Bücher und Bündnisse an.
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Der Komponist und Vampir Adam (Tom Hiddleston) spielt in einer Festung des Erlesenen auf einem anachronistischen Apparat Wanda Jacksons „Funnel of Love“ ab.
Adam soll schon Robert Schumann als Strohmann genutzt und ihm Kompositionen untergejubelt haben. Sein eigener Ruhm ist eine heimliche Angelegenheit. Im Zentrum des Plattenspielers dreht sich ein Puck. Ich habe lange keinen Puck mehr gesehen.
In Adams gedimmter Sphäre verträgt sich Rost mit Großartigkeit. Ich finde sogar das Filmlicht rostig. Genauer, es lässt die Farben rosten.
Erosion, soweit das Auge reicht. Adam lebt in einer extrem vergammelten Gegend von Detroit. Die Sterblichen, Adam nennt sie frustriert Zombies, in der sterbenden Stadt sind so schlechten Blutes, dass sich Adam auf Exzellenzprodukte aus einer Klinik spezialisieren musste. Er hält sich einen Läufer, der Gitarren und Schallplatten auf Flohmärkten für Superreiche ergattert. Geld spielt keine Rolle, wenn man Zeit für die Ewigkeit hat. Allerdings hat Adam die Ewigkeit satt. Er verschafft sich eine Patrone aus Pockholz, um sie sich gegebenenfalls ins Herz jagen zu können.

Adams Gattin Eve (Tilda Swinton) lebt in Tanger, in der kultivierenden Nähe von Christopher „Kit“ Marlowe. Kit war dem Vernehmen nach der einzige Höhepunkt der elisabethanischen Renaissance. Shakespeare c’est moi – John Hurt spielt das unsterbliche Genie als Greis. Er ist wohl zu spät „verwandelt“ worden, aber immer noch eine erstklassige Quelle, wenn es um prima Blut geht. Blood in, blood out, wie gesagt.
Bekanntlich war Tanger eine Traumstation des Beats. Jane und Paul Bowles residierten da so wie William S. Burroughs. Im Verlauf des Films tauchen ihre Abbilder auf. Wie die Gitarren erscheinen sie als Devotionalien einer späten Moderne.
Wenn Adam reist, nennt er sich nach einer Romanfigur von James Joyce Stephen Dedalus. In Detroit sammelt er Motown-Artefakte. Bei Adam passen Soul und Lord Byron unter einen Hut.
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Jim Jarmusch breitet in „Only Lovers Left Alive“ seine Heiligtümer aus. Er eröffnet ein Museum, Adam und Eve dürfen mit den Sachen spielen.
Eve besucht Adam in Detroit. Lange Kamerafahrten zelebrieren den städtischen Verfall nach vierundzwanzig Uhr. Adam und Eve in einem Jaguar – Adam redet wie ein Zeitreiseführer. Er beklagt Verluste aus dem Industriezeitalter. Ist das nicht zu kurz gedacht für einen Unsterblichen?
Das Paar spielt Schach, es genießt gestieltes Bluteis. Es haftet an der Romantik. Eva betrachtet ein Foto von sich und Adam: „Ah, der 23. Juni 1868, unsere dritte Hochzeit.“

Eves Schwester fügt sich ins Ensemble wie ein ungewolltes Kind. Ava (Mia Wasikowska) kriegt die Krätze von den Attitüden der Verwandtschaft. Der im 19. Jahrhundert hängengebliebene Snob Adam geht als Schwager gar nicht. Ava repräsentiert die Jugendrevolte in der Zeitlosigkeit. Sie zerlegt eine 1905 gebaute Gibson-Mandoline und trinkt Adams menschlichen Mitläufer aus. Blood out – der hat das Elend dann wenigstens hinter sich. Doch kommen auch Adam & Eve wieder auf den Geschmack von jungen Menschen „in a honky tonk down in Mexico“. Nein, nicht in Mexiko. „In a night in tunisia“ passt leider auch nicht. In Tangerine Dream steckt immerhin der Schauplatz des Vergnügens. Leider gibt es kein Lied über das Grauen eines Morgens in Tanger, da den Vampiren die Blutkonserven ausgegangen sind, und Adam zu Wagners „Walkürenritt“ verkündet: „I love the smell of red corpuscles in the morning.“

USA 2013, Regie: Jim Jarmusch


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