Im Zeichen des Bösen

Von  //  14. Januar 2014  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

Süchtig nach Schokoriegeln.

Orson Welles kennt sie alle. Luciano, Costello, Capone – Im amerikanischen Schaugeschäft der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre sind Gangster unvermeidlich. Der Mob liebt das Kino und die Oper. „Capone kaufte immer die ersten vier Reihen bei jeder Premiere in Chicago. Du konntest nicht in einen Nachtclub gehen, ohne das Costello eine Flasche Champagner an deinen Tisch schickte.“

1958 nimmt es Welles zum letzten Mal mit Hollywood auf. Er inszeniert mit sich in der Rolle eines brummbärigen Sheriffs und mit Charlton Heston als einem gut Geföhnten des mexikanischen Establishments „Im Zeichen des Bösen“. Marlene Dietrich spielt die kartenlesende Barchefin Tanja. Für Liebhaber der Schwarzen Serie lässt der Film nichts zu wünschen übrig. Er transportiert außerdem jede Menge Beat in der Art von Jack Kerouac. Vermutlich setzt Welles akute Stimmungen nur zu Illustrationszwecken ein. So gelingen Szenen, die sich einprägen, da sie nicht explizit sind. Die Lieder im Film kommen in den Fünfzigern aus jeder Jukebox.

Echte Gangster, weiß Welles, sind polierter als die Kinogangster. Sie machen mehr von sich her. In einem Film könnte diese Prunksucht leicht übertrieben wirken. Im „Zeichen des Bösen“ beherrscht die Grandi-Gang den lokalen Drogenhandel. Dem Familienunternehmen steht Onkel Joe als Ersatzmann vor. Sein letzter lebender Bruder, der Pate, sitzt in Untersuchungshaft. Vargas ließ ihn festnehmen, der Grande stört die Kreise des Grandi-Clans. Onkel Joe sinnt auf Rache. Mehr noch interessiert ihn die Wiederherstellung einer beschaulichen Ordnung. Onkel Joe lamentiert und intrigiert.

Er scheint allenfalls mäßig durchtrieben. Onkel Joe sieht aus wie der geputzte Pflücker am Freitagabend in einem Roman von John Steinbeck. Regt er sich auf, verrutscht das Toupet. Akim Tamiroff spielt Onkel Joe wie einen anderen Onkel Tom. Er buckelt vor US-Instanzen. Seine von Haus aus kriminellen Neffen spuren kaum. Ständig sind sie stoned.

Massenhafte Verbreitung von Marihuana und Heroin gehören zu den Zeichen der Zeit als einer neuen Bedrohung der Mittelschicht. Drogen gelangen über die Grenzen ihrer angestammten Gebiete, das waren Außenseiterparadiese, -höllen. Nun bedrohen sie das heile Amerika. Als Susan mit Rauschgift in Verbindung gebracht wird, wundert das keinen. Inzwischen kommt so was in den besten Familien vor.

„Im Zeichen des Bösen“ ist eine Borderline-Geschichte. Sie spielt in der amerikanisch-mexikanischen Grenzstadt Los Robles. Zuerst sieht man ein Paar im Vergnügungsviertel auf der mexikanischen Seite. Es geht eine Liste der Vorurteile durch, voll verliebter Verve. Vargas’ Frau stammt aus Philadelphia. Zwar schmachtet Susan (Janet Leigh) den Gatten an, doch zweifelt sie nicht an ihrer kulturellen Überlegenheit und am Wert nordamerikanischer Errungenschaften. Selbstverständlich übernachtet sie lieber in einem Motel auf texanischer Seite.

Das Thema wird wieder angespielt. Bei einem beruflichen Aufenthalt im mexikanischen Distrikt sagt Captain Hank Quinlan verdrossen zum subalternen Pete (Joseph Calleia): „Lass uns auf die zivilisierte Seite zurückkehren.“

Das Ehepaar Vargas beobachtet eine Explosion, der reichste Mann am Platz fliegt in die Luft. Es begegnet Quinlan am Tatort. Der Sheriff schleppt sich, er lahmt seit einem Schusswechsel vor langer Zeit. Orson Welles spielt Quinlan übergewichtig, kurzatmig und eingeschnappt. Die Quintessenz von dreißig Jahren im Dienst: „Idealisten sind schlimmer als Gangster.“

Quinlan hat das Trinken aufgegeben und sich auf eine Schokoriegelsucht verlegt. Der Witwer wohnt neben einem Bohrturm. Er lebt in Trauer um seine vor einer Ewigkeit ermordeten Frau. Sie wurde erdrosselt, der Mörder entkam. Bald wird Quinlan Onkel Joe den Hals zuschnüren, in einem obsessiven Akt. Den Mörder des hochgejagten Magnaten, Manelo Sanchez (Victor Millan), überführt er mit gefälschten Indizien. In jedem Fall hat er den richtigen Riecher.

Quinlan glaubt, die Intuition sei daheim in seinem lahmen Bein. Er erkundigt sich bei Marlene Dietrich: „Komm schon, sag mir meine Zukunft voraus.“ Tanja entgegnet: „Du hast keine.“

In ihrer Bar steht ein Pianola, unwillkürlich denkt man an den „Blauen Engel“. Den hat Welles nicht gesehen, so wie die Dietrichrolle auch nicht im Drehbuch steht. Die Dreharbeiten sind im Gang, als dem Regisseur einfällt, der Freundin ein paar Tage Arbeit zu verschaffen. Sie über ihn: „Wenn ich ihn gesehen und mit ihm gesprochen habe, fühle ich mich wie eine Pflanze, die soeben Wasser bekommen hat.“

Quinlan bleibt mit seinem Rassismus in bester Gesellschaft. Es gibt Wichtigeres als Recht und Gesetz. Quinlan beschimpft Vargas als Ausländer, der den Virus eines blinden Gerechtigkeitsverständnisses einschleppt. Vargas fehlt bis zum Schluss der Sinn für die vor Ort effektiven Unterscheidungen. Der Film stellt dem mörderischen Bullen Quinlan keinen moralischen Bankrottbescheid zu.

USA 1958, Regie: Orson Welles. OT: Touch of Evil


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