Vier im roten Kreis

Von  //  8. Januar 2014  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

Ein exorzistisches Exerzitium. „Vier im roten Kreis“ beendet die Jean-Pierre Melville-Woche in der Winsstraße.

Jean-Pierre „The Iceman“ Melville ist zu Lebzeiten kein Klassiker. Kühl bespricht man seine Filme. Keiner behauptet, er sei bloß Epigone der Schwarzen Serie. Ein Anbeter des Malteser Falken. Doch verweisen Kritiker auf seriell vereiste Anleihen und hyperkryptische Zitate aus dem amerikanischen Kino. Man moniert Melvilles Manierismus. Der Regisseur folgt der Theaterregel, dass ein Text nicht von Szenen illustriert werden soll. Er inszeniert Einbrüche in voller Länge. Seine Lakonie überschreitet die Grenze zum Absurden. Und doch bleibt Melville in allem ernst.
Er gilt als autoritär und dekorativ. Ein totalitärer Dekorateur, der den größten Aufwand treibt. Wie Tito war Melville Partisan und Kommunist. Nun ist er Gaullist. Der Eismann einer Epoche zitiert sich ständig selbst. „Le cercle rouge“ – „Vier im roten Kreis“ aus dem Jahr 1970 wandelt u.a. den „Teufel mit der weißen Weste“ (1962) ab. Der Anfang zeigt den Jäger – Kommissar François Mattheï (André Bourvil). Seine Erscheinung wird später skizziert. Es heißt, sie sei „untypisch für einen Korsen“. Verkürzt: Mattheï sei zu blond für einen Korsen. Dies als Beispiel für eine indirekte Erzählmanier.

Bourvils Nase prägt den Film. Sie gibt dem Kommissar das Aussehen eines Raubvogels. Mattheï scheint vielmehr einem Orden als einer Behörde anzugehören. Zuhause warten allein drei fette Kater und die Badewanne auf ihn. Mit seiner Beute verbindet Mattheï der Widerwille gegen Ausführlichkeit. „Vier im roten Kreis“ ist ein schweigsamer Film.

François Mattheï hat vier Gegenspieler. Da ist der Pate der Pariser Polizei, ein Ballistiker von echtem Schrot und Korn. Früher hat er Waffenkunde unterrichtet, jetzt erklärt der Generalinspekteur (Paul Amiot) alle für schuldig. „Wir werden unschuldig geboren, aber das bleibt nicht so.“
Der Satz zählt. Mattheï vertritt zuerst die Unschuldsvermutung, die bis zur Überführung eines Delinquenten zu gelten hat. Dann konvertiert er zu der Überzeugung, dass die Schuld von vornherein feststeht. Von ihr sei auszugehen, so der Generalinspekteur. Vermutlich im Interesse der Staatsräson. Das spielt sich im rechtsphilosophischen Untergrund ab. Mattheï läuft an der Leine, die ihm sein Dienstherr anlegt. Er lässt selbst Spürhunde auf einen Sträfling los, der ihm persönlich (bei einer Überstellung auf der Strecke von Marseille-Blancard nach Paris-Garde du Nord) im Burgund entweicht. Gian Maria Volonté spielt diesen Vogel mit wirrem Schopf. Er mischt Baal mit Bohèmian. Ein komplexer Charakter. In seinen Kreis tritt der an Vogels Fluchttag vorzeitig, doch regulär entlassene Alain Delon. Seine statuarische Spielweise, der mimische Minimalismus macht es egal, wie er gerade heißt. Okay, er heißt gerade Corey. Kaltblütig bringt sich Corey auf den Stand von Paris. Er beraubt einen Kollegen, der Coreys Ex als Wanderpokal übernommen hat. Er spielt Carambolage zur Stunde des Tagesanbruchs. Ein exorzistisches Exerzitium. Die Gefängnisgespenster werden von der Reinheit des solistischen Spiels gebannt.

Zwei Handlanger möchten den Unwillkommenen aufmischen. Für Corey kein Problem, einem haut er das Queue ans Kinn. Eine saubere Arbeit. Corey kauft sich in der ersten Minute des Tagesgeschäfts einen gebrauchten Amerikaner aus den optimistischen sechziger Jahren. Kein Schiff, eher eine Schaukel.

Wir wollten über Mattheï reden. In seinen Kreis tritt außer dem Generalinspekteur, dem entwichenen Vogel und Corey der ehemalige Elitepolizist und ausgezeichnete Scharfschütze Jansen. Yves Montand spielt den Jahrgangskameraden als gemächlichen Gentleman mit dem Makel einer Sucht. Er ist die moralisch anspruchsvollste Größe im Spiel. Das verkörpert Montand in seiner Exzellenz. Neben ihm wirken Vogel und Corey wie Ganoven von der Stange. Zu dritt räumen sie den feudal am Place Vendôme residierenden Juwelier Mauboussin aus. In einer überkomplexen Aktion. Sie dauert auch im Film Stunden und erzählt von Präzision. Preziosen, Präzisionsgewehre – Peng macht es und der Präzisionsschütze ist tot. Jansen hat zu lang gezielt. Das war jetzt eine rapide Zusammenfassung.

Melville zählt anders. In seiner Rechnung taucht der Generalinspekteur nicht im Kreis auf. Er lässt Mattheï auf der ganzen Linie über Corey, Jansen und Vogel triumphieren. Auf einer Nebenstrecke erpresst der Beamte den Nachtclubchef Santi (François Périer). Auch er entspricht einer wiederkehrenden Figur im Kinokosmos von Melville. Immer gibt es einen Santi, immer kommt die Polizei vorbei und verhält sich schäbiger als ein Stricher. Das Zigarettenmädchen spurt stets auf einen Wink hin. Ihm reicht die flüchtigste Bewegung eines dominanten Männchens, um mit den Zigaretten in den nächsten Schuhschrank zu kriechen.

In Melville-Filmen bewundern Frauen Männer mit der vorauseilenden Bereitschaft, sich zu unterwerfen. Der Regisseur schafft die Realität ab, er erzählt Märchen mit den Mitteln des Krimis und mit etwas Buddhismus. „Vier im roten Kreis“ beruft sich auf das Motto: „Der Buddha zeichnete mit roter Kreide einen Kreis und sagte: ‚Wenn es vorherbestimmt ist, dass Menschen einander wiedersehen sollen, was auch immer mit ihnen geschieht, auf welchen Wegen sie auch wandeln, am gegebenen Tag werden sie einander, unvermeidlich im roten Kreis begegnen.’“

Wir haben über Melvilles Motti schon gesprochen, Mirko äußert den Verdacht, dass Melville seine Zitate sprachlich vorsätzlich verhunzt hat.
„Warum das denn?“ fragt Vera verächtlich. Vera hat Mirko zum späten Vater gemacht. Ich staune über ihre notorische Gereiztheit ihm gegenüber. Sie hätte sich einen Jüngeren für ihren Kinderwunsch suchen können.

Mirko taucht weg, harmoniesüchtig und nachgiebig wie viele Männer in der Gegend meines Lebens. Er will zurück in die Sonderstimmung eines nachmittäglichen Filmabends. Ab und zu geht eine rauchen auf den Balkon. Seit Baby Paul auf der Welt ist, gibt es keine Diskussionen mehr zu der Frage: Wo darf geraucht werden? Aus Jus de fruits-Gläsern trinken wir Aldi-Weißwein. Ich liebe diesen Glimmer vor dem Rausch, wenn alle Abstände stimmen.

Bourvil ist als Komiker bekannt. Er stirbt im Jahr der Dreharbeiten zum „Kreis“. Sein Mattheï markiert einen Hehler, potent genug für den tendenziell unveräußerlichen Superschmuck. Der Kommissar entlässt sich aus der gespielten Illegalität, indem er sich einer bemerkenswerten Uhr entledigt. Als hätte sie ihn belästigt. Als wäre er mit einem edlen Gegenstand der falschen Seite zu nah gekommen. Als hinge der Unterschied zwischen dem Verbrechen und seiner Opposition von Accessoires ab.
Im „Chef“ legt Alain Delan als Kommissar Colemann seine Cartier ab, bevor er sich einen Gangster vornimmt.
Vogel zerlegt ein Zugfenster bei Chalons-sur-Saone, um Mattheï zu entkommen. In Paris läuft er dem Kommissar vorsätzlich in die Arme. „Das Wild“, ein Wort von Mattheï, lässt sich abknallen, als bliebe ihm nichts anderes übrig.

OT: Le Cercle Rouge, Frankreich 1970, Regie: Jean-Pierre Melville


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