Dallas Buyers Club

Von  //  15. Februar 2014  //   //  1 Kommentar

Sucht als Lebensstil – „Dallas Buyers Club“ erzählt von der Zeit, als eine Aidsdiagnose das Todesurteil war.

Ron Woodroof lebt in Agonie, lange vor der Diagnose. Daheim in einem Wohnwagen, wird er gesellig unter Außenseitern. Sie nehmen das für sich in Anspruch: Outlaws zu sein. Kein Zufall, dass da nur Weiße rudeln. Sie schließen Wetten auf Bullenreiter ab und reißen Witze über Schwule. Die Rotnacken maskieren ihr Unverständnis, dass ausgerechnet Rock Hudson an der neuen Krankheit gestorben ist.

Ich erinnere mich an die Aufregung in Hudsons Todesjahr, an eine weltweite Fassungslosigkeit. „Was für eine Verschwendung“, sagt Ron auf einem Rodeo und stellt so großspurig die vielen entgegenkommenden Frauen, die ihm an Hudsons Stelle in Hollywood nicht entgangen wären, in einen erbärmlichen Umkleideraum. Ron hatte gerade das Vergnügen mit zwei Freundinnen und einem Ausblick auf die Arena. So geht „Dallas Buyers Club“ los, Ron fickt in einem Verschlag, zockt in der Umkleide und betet bei den Bullen.

Man sieht einen Mann, dessen Repertoire reduziert sich rapide. Es ist das Repertoire eines betankten Säufers auf dem schlingernden Heimweg. Rons Aushöhlung schreitet hörbar voran. Zugleich nimmt er sich grandios wahr. In seinem Auto fahren Knarren mit, gun control in Texas means using both hands. Ihn hat der Herr „mit Eiern in den Landesfarben gesegnet“ – American by birth, Texan by the grace of God. Doch sind Texaner regelmäßig höflicher als Ron. Matthew McConaughey spielt einen Verdammten vom Trailerpark, der seine Sucht zum Lebensstil erhoben hat.

Einerseits hieß es in den frühen Achtzigern, Aids könne man kriegen wie eine Erkältung. Andererseits hielten sich Heterosexuelle für gefeit. Aids ist schwul lautet auch in Dallas die Devise. Da wird Ron nach einem Arbeitsunfall positiv getestet. Ein Arzt gibt ihm noch dreißig Tage. Der Elektriker Ron macht daraus sieben Jahre. Er bildet sich fort zum Experten seiner Krankheit und überwindet seine Homophobie in der Beziehung zu dem transsexuellen Rayon (Jared Leto).

„Dallas Buyers Club“ erzählt eine wahre Geschichte. Einmal versinkt Ron in ein Gespräch mit seinem Schöpfer. Schließlich schaut er auf und sieht sich in einem Bumslokal um. Das ist seine Kirche. Er will lieber in Stiefeln sterben als im Krankenhaus. Einen Angestellten geht er um AZT an, der Deal kommt zustande. Ron erweitert seine Drogencocktails um das nebenfolgenreiche Azidothymidin – dies mit der Einstellung viel hilft viel. Er kommt bei diesem Experiment beinah nach Prognose ums Leben.

Aus Mexiko führt er Medikamente ein, die in den Vereinigten Staaten nicht zugelassen sind. Sie helfen nicht nur ihm. Sein „Dallas Buyers Club“ funktioniert als gerichtsfeste Notgemeinschaft. Die Infizierten kaufen sich für vierhundert Dollar ein und bekommen dafür eine Grundversorgung. Der Plan stammt von einem Arzt, der seine Zulassung verloren hat. Die US-Gesundheitsbehörde geht gegen den in jeder Hinsicht unorthodoxen Ron und seinen Club vor. Jemand hetzt ihm das Finanzamt auf den Hals. Der Film klagt im Gegenzug die Pharmaindustrie und das Krankenhauswesen an. Er hat rührende Momente, in denen ich abschalte.

Zum Glück wandelt sich Ron nicht vom Sauhund zum Paulus. Er will auch noch in Stiefeln sterben, als er schon der Säulenheilige aller Positiven von Dallas und ein Apostel der gesunden Ernährung ist.

Die Liebesgeschichte mit einer aufrechten Ärztin (Jennifer Garner), aufrecht im Gegensatz zu ihren korrupten Vorgesetzten, schwebt über den Dingen. Dauerhaftes Glück gibt es für keinen im Film, es ist ständig Alarm. Ron und seine Gerechten kämpfen gegen eine unmoralische und übermächtige Lobby. Die einzige Beziehung, die in Verfolgung der Ereignisse nicht auf der Strecke bleibt, verbindet Rayon mit Ron. Ein Schwan und sein Kojote. Wie diese Ausgekochten Sorge füreinander tragen, sich Achtung und Selbstachtung abverlangen. Sie sind das Paar im Film. Gemeinsam kaufen sie ein, ein Typ aus Rons Vergangenheit, einer von den Faggot-Schreiern, kann seine Verachtung nicht verhehlen. Ron macht ihn rund und Rayon schillert vor Begeisterung.

USA 2013, Regie: Jean-Marc Vallée

P.S.: Die Besprechung des DALLAS BUYERS CLUBs von Frau Suk findet sich hier.


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