Dallas Buyers Club

Von  //  7. Februar 2014  //  Tagged: , , , , , ,  //  Keine Kommentare

OV-Sneak. Da mein Händchen in solchen Dingen eher mäßig ist, ein Risiko. (Beim letzten Versuch bin ich in Saw-schlag-mich-tot-wieviel gelandet und habe das Kino aus Zartbesaitetheit verlassen.) Also im Danger-Seeker-Modus und mit doppeltem Geleitschutz in den Laden … Gewinnspielhampelei überlebt, ohne von ästhetisch zweifelhaften Preisen getroffen zu werden … Licht aus, Vorhang auf … Dallas Buyers Club! Insgeheim hatte ich darauf spekuliert, denn den wollte ich sowieso sehen. Und natürlich am liebsten im Original. Jetzt störten noch nicht mal doofe Untertitel! What a day!

1985. Für Ron Woodroof (Matthew McConaughey) wird gleich im mehrfachen Sinne aus „ride the bull“ „ride the lightning“: Der Cowboy, der einem ausgewogenen Freizeitprogramm aus Rodeo, Koksen, Vögeln und Saufen nachgeht, hat in seinem Brotjob als Elektriker einen Arbeitsunfall. Ein Stromschlag auf einer suboptimal organisierten Baustelle bläst ihm vorübergehend das Licht aus (wie passend, dass der Film unter anderem von Voltage Pictures produziert wurde). Wach wird Woodroof im Krankenhaus, wo man ihm mitteilt, dass er bestenfalls noch 30 Tage zu leben hat, Aids im fortgeschrittenen Stadium. Doch anstatt sich mit seinem Schicksal abzufinden (immerhin hat er selbiges mit ungeschütztem Sex selbst herausgefordert), setzt Woodroof alles daran, sein Leben zu verlängern. Zu seiner Strategie gehört, sich Zugang zu Medikamenten aus einem Zulassungstest zu verschaffen. Die Hersteller des Wirkstoffs AZT – die üblichen Pharma-Konzern-Schlipsträger – versprechen der Ärzteschaft lukrative Geschäfte und den Patienten das Blaue vom giftgrünen Himmel. Woodroof stopft die Pillen wie Bonbons in sich hinein, bis sein Dealer Lieferengpässe hat. Um sich auf illegalem Weg Nachschub zu verschaffen, fährt der inzwischen stark geschwächte Woodroof nach Mexiko. Allerdings versorgt ihn Alternativmediziner Dr. Vass (Griffin Dunne) nicht mit neuem AZT, sondern mit der Information, dass der der antiretrovirale Wirkstoff nicht nur HI-Viren, sondern auch sonst alle Zellen vernichtet. Vass behandelt Woodroof stattdessen erfolgreich mit dem proteinähnlichen Stoff Peptide T und dem Virustatikum Zalcitabin (ddC). Da keins der Medikamente in den USA zugelassen ist, macht Woodroof aus seiner Not nicht nur eine Tugend, sondern auch ein Geschäft. Er importiert (man könnte auch sagen: schmuggelt) Peptide T und ddC und gründet den Dallas Buyer’s Club. Das Geschäftsmodell: Da es verboten ist, Medikamente ohne Zulassung zu verkaufen, werden sie kostenlos an die Mitglieder des Clubs abgegeben. Die Mitgliedschaft kostet allerdings die Kleinigkeit von $ 400 im Monat. Dafür nimmt Woodroof, selbst dank der illegalen Behandlung wieder stabil, die abenteuerlichsten Risiken auf sich, um die Medikamente ins Land zu bringen. Gleichzeitig arbeitet er sich in die Materie ein und wird zum Experten für Aids im Allgemeinen und seinen eigenen kranken Körper im Speziellen. Der bärbeißige, kompromisslose und großmäulige Woodroof wird zu einer Art Medikamenten-Robin-Hood – gegen den Wiederstand der nationalen Zulassungsbehörde, gegen den Rat seiner Ärzte und gegen die Vorurteile der Gesellschaft gegen HIV-Infizierte. Und tatsächlich schafft er es dank seines Überlebenswillens und seiner Einsatzbereitschaft, aus einem Countdown ein Countup zu machen.

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Was klingt wie eine Räuberpistole, basiert tatsächlich auf einem historischen Stoff und hat mehr Tiefgang als erwartet. Ron Woodroof gibt (besser: gab) es wirklich, ebenso die Buyer’s Clubs, die verzweifelte Patienten mit nicht zugelassenen Medikamenten versorgten – auf eigene Gefahr. Einen Eindruck vermittelt Bill Minutaglios Artikel aus dem Dallas Life Magazin von 1992. Craig Borten und Melisa Mallack finden in ihrem Drehbuch einen guten Kompromiss zwischen Fakten und Fiktion. Auch wenn Nebenfigur Rayon, eine vom auf 52 Kilo abgemagerten Jared Leto mit fast schon pathologischer Anschaulichkeit verkörperte transsexuelle Aidskranke, rein aus dramaturgischen Gründen hinzugedichtet wurde, trägt ihre Existenz wesentlich zur Spannung im Plot bei. An Rayon kann Hauptcharakter Woodroof nicht nur seine homophoben Vorurteile ausagieren, ihre Wesensstärke bietet dem engstirnigen Stiesel auch Anlass, sich zu entwickeln. Eine weitere rein fiktionale Figur, die viel zu anständige Dr. Saks (Jennifer Garner), hätte mir allerdings nicht groß gefehlt – obwohl nicht nur der Name der Klinikärztin eine Anspielung auf den britisch-amerikanischen Neurologen Oliver Sacks ist. Auch ihre Unbestechlichkeit und ihr enges Verhältnis zu den Patienten rücken Dr. Saks in die Nähe zu ihrem Namensschwipschwager; Sacks hatte seinerzeit mit Repressalien von Seiten seiner Kollegen zu kämpfen, als er öffentlich auf die Nebenwirkungen eines als Wundermittel gefeierten Medikaments hinwies (in seinem Fall handelte es sich um das Parkinsonmedikament L-DOPA. Er verarbeitete seine Erlebnisse in dem populärwissenschaftlichen Fallgeschichtenband Awakenings, der später mit Robert de Niro in der Hauptrolle verfilmt wurde). Die bemühte Ärztin in Dallas Buyers Club hingegen wirkt wie eine Quotenfrau – fast alle anderen Figuren sind in verschiedensten Härtegraden männlich; ein vorauseilendes Zugeständnis an ein Mainstream-Publikum, das zumindest nach einem Hauch Romanze verlangt. Entsprechend pendelt auch McConaughey als Woodroof zwischen peinlich-blasiertem 80er-Jahre-Cowboy-Machismo (inkl. schlecht sitzender Jeans, Goldkette und Pornobalken) und authentischem Rauhbein-Charme hin und her. Das Bestreben ist klar: Woodroof soll nicht auf seine Rolle als egozentrischer Patient reduziert werden, sondern auch als liebenswerte Identifikationsfigur rüberkommen. Die Verunsicherung und schließlich freundschaftliche Zuneigung, die Rayon und ein paar weitere Vertreter der Gay-Community bei ihm auslösen, sind in dieser Hinsicht jedoch wesentlich wirkungsvoller.

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Unter dem Strich (ausnahmsweise nicht doppeldeutig gemeint) ist Matthew McConaughey jedenfalls eine hervorragende Besetzung. Er entspricht dem historischen Woodroof deutlich besser als Ryan Gosling und Brad Pitt (kein Scherz), die zuerst für die Rolle im Gespräch waren. McConaughey nahm nicht nur „satte“ 23 Kilo ab, wenn man der Einschätzung von Woodroofs Hinterbliebenen  glaubt, vermittelt er auch Charakter und Habitus des 1992 Verstorbenen perfekt. Dazu gehört auch sein Original-Texas-Geschnodder. Für eine Mainstreamproduktion – wie sonst kommen sechs Oscar-Nominierungen zustande? – ist der Film mit 5 Millionen Dollar außerdem sympathisch preiswert. Der schnelle dreckige Dreh, die Beschränkung auf eine Kamera und der Verzicht auf aufwendige Lichttechnik sind vielleicht sogar der Grund dafür, dass das Design des Films so angenehm 80er ist. Manchmal, und das trifft auf Dallas Buyers Club gleich in mehrfacher Hinsicht zu, liegen Not und Tugend eben eng beieinander.

USA 2013, Regie: Jean-Marc Vallée


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Dallas Buyers Club


Über den Autor

Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Mitgründerin des Leerzeichen e.V., freie Lektorin und Journalistin. Im persönlichen Umgang ist sie launisch, besserwisserisch und pedantisch.

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