DVD: Harms

Von  //  14. Dezember 2014  //  Tagged: , , ,  //  1 Kommentar

Dass der Genrefilm in Deutschland quasi nicht existiere, ist eine häufig diskutierte und viel gelesene Klage, die allenfalls mit den immergleichen, paar wenigen Namen zu relativieren versucht wird: Dominik Graf (sozusagen der Don des deutschen Genrefilms), Benjamin Heisenberg (Der Räuber), Thomas Arslan (Im Schatten), Tim Fehlbaum (Hell), oder Klaus Lemke mit verschiedenen Filmen, die aber in einem öffentlichen Raum, sprich: Kino, kaum oder allzuselten stattfinden. Und wenn dann doch einmal einer auf die große Leinwand gehievt wird, geht keiner hin. So zumindest die Klagen der Kinobetreiber. Kleinere Filme, die sich innerhalb der halbseidenen Genres positionieren gibt es allerdings zuhauf (etwa das Filmfestival Genrenale in Berlin, das sich an zwei Tagen als Alternative zur Berlinale versteht, kann als Anlaufstation dienen), nur werden sie von einem größeren Publikum nicht oder kaum wahr genommen. Wie also herankommen an die schmutzigen Perlen dieser wie im Abseits des Marktes stehenden Filmemacher?

Auch Heiner Lauterbach und Nikolai Müllerschön (u. a. zuletzt Produzent und Regie von Der rote Baron) sehen das als Problem, und wollen zeigen, wo’s langgehen kann, wenn man was durchziehen will und auf das Geld der Filmförderungen verzichtet. Die gewonnene Unabhängigkeit soll zu mehr Freiheit führen und natürlich Radikalität ermöglichen. Sie gründen die Produktionsfirma Handschlag (!) und schreiben einen Genrefilm: Harms. Müllerschön macht Regie, Lauterbach macht Harms. Lederkäppi und Knasttattoos, die Insignien eines delinquenten Lebens. Stiller Gangster, Kontrollfreak, mürrisch, aber gerecht. Übler Kerl aber letztlich Sympath. In seinem Bett werden selbst die Nutten schön. Der also kommt nach sechzehn Jahren aus dem Knast, hängt rum in schnapsgeschwängerten Kneipen und an einem Kiosk auf einem Brachland vor Güterzügen (übrigens, schönster Kioskfilm ever: Westend von den Kölnern Steinkühler & Mischkowski, 2001) und bald spricht ihn ein gediegener Herr an (Friedrich von Thun), der ein todsichers Ding drehen will. Harms denkt sich, gut, warum nicht! Das ist natürlich der Fehler.

Harms bedient sich wo er nur kann, nur eines wurde vergessen: man muss dann schon auch eine Idee zur Umsetzung haben, wenn das funktionieren soll. Das Drehbuch ist leider eine Katastrophe, die Dialoge so hölzern, dass die Sätze selbst einem Routinier wie Axel Prahl im Halse stecken bleiben. In Harms sieht alles falsch aus und hört sich falsch an. Vor einem Hintergrund einer leider nur vermeintlichen Authentizität – Lemke hat das schon viel besser hingekriegt. Dass es den Akteuren aber sichtlich Spaß macht, mal so richtig vom Leder zu ziehen, merkt man. Den guten Willen merkt man überall. Aber gewollt ist nicht gekonnt. Das zeigt sich auch an den arg expliziten Gewaltszenen, wo schnell mal mit deplaziert übertriebener Härte ins Splatterfach gewechselt wird. Auch dann die Tonspur, wo das Maß fehlt und der Geschmack (= Style): wie in einem Musikvideo wird da dubstepmäßig über alles drübergeschranzt, dass nix mehr übrig bleibt von cineastischer Wucht. Aber immerhin sieht man (im Knast, Duschszene, klar) mal einen Schwanz statt Muschi. Das sind dann so einzelne Momente auf der Habenseite, die aber den Film nicht retten können. Nur goodwill reicht eben nicht.

Auf der DVD befindet sich neben verschiedenen Trailern noch ein hölzernes Making-Off, das aber ganz sympathisch ist, weil tatsächlich kleinere Interviews mit spontanen Szenen vom Dreh und einem abendlichen Zusammenhocken der Beteiligten kombiniert werden. Das hat mir fast besser gefallen, als der eigentliche Film.

Harms ist letzte Woche bei Kinostar erschienen und kann auch im Stream erworben werden.

Deutschland 2013; Regie: Nikolai Müllerschön.

bei amazon kaufen: Harms

 

Über den Autor

Michael Schleeh schaut vor allem asiatische Filme. Seit ein paar Jahren betreibt er das Blog SCHNEELAND und schreibt Reviews für verschiedene Webseiten. Indisches Regionalkino ist sein aktuellstes Ding. ~~ Michaels Filmtagebuch: http://letterboxd.com/schneeland/ ~ Michaels Twitter: @mono_micha

Alle Artikel von

Ein Kommentar zu "DVD: Harms"

Trackbacks für diesen Artikel

  1. Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (15-12-14)

Schreibe einen Kommentar

comm comm comm