Kaptn Oskar

Von  //  10. Dezember 2014  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

Zärtliche Kreisbewegungen
In „Kaptn Oskar“ zeigt Tom Lass den Unterschied zwischen Anfassen und Begreifen

Ein Mann onaniert mehr konzentriert als inspiriert. Seine Unterlippe hängt, die Sache sieht nach einer Verzweiflungstat aus. „Kann ich helfen?“ fragt die Freundin in einer Aureole der Scheinheiligkeit.
„Nicht im Rahmen unserer Abmachung“, entgegnet Oskar (Tom Lass). So heißt der Held in Tom Lass‘ „Kaptn Oskar“. In der Volksbühne wird der Film zum ersten Mal gezeigt. Im theatralischen Vorspann imaginierte ein Paar die Kraft der Anziehung zwischen Bikini und Bermuda. Im Augenblick fühlt sich Oskar von der Abmachung eingeengt. Er strebt eine Lockerung an. „Kannst du mir mal deine Zunge leihen“, bittet er vergeblich. Mashas (Amelie Kiefer) Interesse an Oskar oxidiert in den Farben kindlicher Freuden. Sie wünscht sich „zärtliche Kreisbewegungen“ von ihm. Sie malt Oskar an, spreizt sich vor ihm auf Rollschuhen. Oskar ist Mashas männlicher Softdrink, heiß läuft Masha bei einem anderen.
Wer ist Oskar? Einmal skizziert er sich: „Wir sind nie umgezogen, meine Eltern sind noch zusammen, ich wurde nicht geschlagen und ich war gut in Mathe.“
Zum Ausgleich für so viel Ausgewogenheit war er bis eben mit einer hochexplosiven Alexandra zusammen. Sie raucht, säuft und schlägt im Bett, am Filmanfang legt Alex in Oskars Souterrain Feuer. Immer wieder mischt sie den Halbverflossenen auf, sie wirkt wie vergiftet von Aggression. Unfähig, die Trennung hinzunehmen. Martina Schöne-Radunski spielt die Krasse wie eine Klassenkämpferin und Nemesis des bürgerlich durchhängenden Oskar. Sie lodert dämonisch und trumpft doch mit leeren Händen auf. „Für eine Zwangseinweisung ist sie nicht krank genug.“
Oskar wähnt sich in dem Vorteil, die Wahl zwischen vielen Möglichkeiten zu haben. Er zieht seine Grenzen so verstohlen wie ein Grabräuber. Er suggeriert Verfügbarkeit und Antriebsschwäche. Vielleicht gibt er sich diesen Anschein, um seine Unabhängigkeit zu verbergen. Manchmal sieht er aus wie der junge Prince.
Berlin spielt mit als Freizeitpark. Die Filmmusik liefert Justine Electra. Der Sound raut die Wege der Protagonisten auf, er transzendiert die Geschichte von Oskar, Alex und Masha zu einem Abenteuer mit mehr Wind und Feuer. Er deutet eine Geschichte an, die „Kaptn Oskar“ sein könnte, bei mehr Gewicht auf jeder Waage. Auf einem Ausflug erhebt Oskar den finalen Einwand gegen Mashas vorgeblich mildes Betragen. Er entlarvt sie, als hätte er ihre regressiven Angebote nie gebraucht. Vielleicht ist es so, und alle wollen nur spielen, solange das noch geht. In dieser Rätselhaftigkeit liegt der Reiz von „Kaptn Oskar“.

D 2014, Regie: Tom Lass


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