Wir sind jung, wir sind stark

Von  //  21. Februar 2015  //  Tagged: ,  //  1 Kommentar

Der Mob auf dem Rasen
„Schlitzi“ oder „Fitschi“ – Ein Stadtteil liefert Schlagzeilen – „Wir sind jung, wir sind stark“ zeigt, dass die Brandstifter von Rostock-Lichtenhagen sich auf eine breite Gesinnungsbasis verlassen konnten

Im „Sonnenblumenhaus“ wohnen „gute Ausländer“. Sie sind fleißig, ruhig, ordentlich. Sie kennen ihren Rand der Gesellschaft. Diskriminierung paart sich hier zwanglos mit Anerkennung. Die Arbeitsmoral der Vietnamesen findet man vorbildlich, ihre Andersartigkeit lädt zu Herabsetzungen ein. Die Herabsetzungen haben die „Schlitzis“ hinzunehmen, das lernen deutsche Kinder, bevor sie in die Schule kommen.

Es gibt also eine ganz normale Diskriminierung, gegen die niemand Einwände erheben darf. Die Diskriminierten schon gar nicht. Die als Vertragsarbeiter in die seit zwei Jahren erloschene DDR geratene Vietnamesen sollen sich wegducken, wenn wer „Schlitzi“ oder „Fitschi“ sagt. Das ist der Nährboden einer Entwicklung, die in einem brennenden „Vietnamesenheim“ aka „Sonnenblumenhaus“ eskaliert. „Wir sind jung, wir sind stark“ protokolliert den Gang der Ereignisse im Jahr der heftigsten Ausländerfeindlichkeit seit Bestehen der Bundesrepublik. Der Film von Burhan Qurbani zeigt, dass die Brandstifter von Rostock-Lichtenhagen sich auf eine Gesinnungsbasis verlassen konnten, die den Mob auf der Wiese vor dem Heim zu einer verschwindenden Größe macht.

Die Ausschreitungen beginnen am 22. August 1992 und enden vier Tage später. Sie richten sich zuerst gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und hier zumal gegen Sinti und Roma. Die Kamera schleift schwarzweiß die Klischees einer wegwerfenden, nomadischen Existenzform. In Wahrheit müssen Flüchtlinge im Freien campieren, verlegt von Kapazitätsgrenzen der Zentrale. Ein gekippter Container gähnt mit seinem geklappten Dach wie ein prähistorisches Echsenmaul. Der Siedlungsnachwuchs tagt im Kleinbus.

„Morgen um dieselbe Zeit ist Rostock ausländerfrei“, verspricht Sandro (David Schütter). Er ist der Stärkste auch in seinen Überzeugungen und der einzige, der über sich selbst hinaus weist. Alle anderen laufen mit als Repräsentanten noch einer verlorenen Generation. Ihre Prägung ist seit 1989 ungültig. Sie kommen aus der Abschottung, ihre Kindheit kannte solide Feindbilder. Die Durchlässigkeit einer offenen Gesellschaft legt sie lahm. Sie erleben ihren Ausschluss nicht als persönliches, sondern als Staats-Versagen.

Sie sind auf einen autoritär-fürsorglichen Staat geeicht, das macht sie anfällig. Es ist eine Leistung des Films, dass er das klarstellt. Frühe Übergriffe auf das Vietnamesenheim spielen die Jugendlichen herunter: „Die haben nur die Häuser verwechselt.“

Ihr Feind ist der „Zigeuner“ als eine Einbruchsfigur in die Schrumpfbürgerlichkeit. Wilhelm Reich hat den Typus erfasst. Der in sozialen Mutationen zum Halbbürger degenerierte Arbeiter fährt im Ressentiment aus dem Triebstau und auch wieder hinein. Die Kinder der Frustrierten sind Freizeitfaschisten. Ihr Hitlergruß ist eine Currywurstigkeit.

Der Schlüsselsatz lautet: „Wie soll man weitermachen, wenn es kein Vorher gibt?“

An den Erhebungen beteiligen sich bis zu dreitausend, mitunter unterirdisch derangierte Demonstranten. Sie stören Polizei und Feuerwehr. Es kommt so weit, dass sich die Polizei zurückzieht. Die Aufnahmestelle wird mit Applaus geräumt, die „Zigeuner“ sitzen wie Deportierte in Bussen. Sie verschwinden als Sinnbilder vom Ende des Asylrechts, das seinen Anfang in deutschen Verbrechen nahm. Inzwischen stürzt sich ein „Kamerad“ vom Balkon seiner Platte. Der Sohn des karrierelabilen Lokalpolitikers Martin (Devid Striesow) übernimmt die Jacke des Toten. Stefan (Jonas Nay) ist der traumlos Nachdenkliche.

Den Schlingel im Spiel gibt Robbie (Joel Basman). Er verkörpert den Desillusionierten als Marodeur. Zugleich wünscht er sich „einen Job, eine Frau, eine Familie“. Eine Vergangenheit voller Zuversicht und Wunderkerzen verrät sich in einer Szene. Da dringt er in Stefans Vaterhaus ein und beweist dem Klavier, was in ihm steckt. Das ist ein großer Augenblick im Film. Der kleine Hetzer Robbie offenbart sich als Hohlform eines Begabten … ich, das ist ein trunkenes Schiff ohne Heimathafen. Schließlich sind wir in Rostock weit weg von Rimbaud. Eine Gegenbewegung leuchtet in vietnamesische Verhältnisse. Die zum Bleiben entschlossene Arbeiterin Lien (Trang Le Hong) bewältigt ihren Job in einer Großreinigung als Doppelbelastung. Ihre deutsche Kollegin (Sandros Frau) kommt stets zu spät und sieht sich immer wieder gezwungen, die Tochter mitzubringen. Vielleicht streikt der Kindergarten.

In Mecklenburg-Vorpommern werden Zweiundneunzig 207 rechtsextremistische Gewalttaten registriert. Die Filmhelden gehen in der Ostsee baden, es entspannt sich eine Liebesgeschichte zwischen Stefan und Robbies Freundin Jennie (Saskia Rosendahl). Auch Jennie scheint nur die Langeweile heimzuleuchten.

Das Sonnenblumenhaus (Quelle Wikipedia)

Während sie Stefan anmacht, pinselt Robbie seinem als Juden verachteten Freund Goldhahn ein Hakenkreuz auf die Stirn. Er nimmt sich den Sündenbock der Gruppe noch ganz anders vor. Die Hackordnung verdient sich ihren Namen, Paul Gäbler spielt die Identifikation mit dem Aggressor so überzeugend, dass man ihn direkt zum Krav Maga schicken möchte. Abends marschieren alle vor dem Sonnenblumenhaus auf. Die Jugendlichen harmonieren mit einer erwartungsfrohen Menge, wie sie vor einer gigantischen Würstchenbude zusammenlaufen könnte. Ein Oktoberfest für Arme im August; man ist sich schrecklich einig. (Vereinzelte Gegenstimmen verhallen.) Plötzlich ist Stefan Wortführer, seinen Worten folgen Taten. Gehwegplattenbruch und Molotow-Cocktails fliegen.

Die Meute skandiert: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Die Jungen stürmen das Heim der „guten Ausländer“, Vietnamesen flüchten aufs Dach und in die Nachbarschaft. Mich bügeln die Bilder. Als übertrügen sie live den Herzschlag einer zeitgenössischen Finsternis.

Deutschland 2013, Regie: Burhan Qurbani, Buch: Martin Behnke, Burhan Qurbani, Darsteller: Jonas Nay, Trang Le Hong, Devid Striesow, Joel Basman, Saskia Rosendahl, Paul Gäbler, David Schütter, Jakob Bieber, Gro Swantje Kohlhof, Mai Duong Kieu, Aaron Le, Larissa Fuchs

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