Der letzte Sommer der Reichen

Von  //  1. April 2015  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

„Und setzt dir deine Kopfhörer auf!“, sagt die Domina zu ihrer kleinen Tochter, während sie gerade eine Kundin bedient. Das Kind guckt im Arbeitszimmer der Mami einen Film, der selbst sehr nach Mamis Arbeit aussieht. Derweil schnürt Mami der Kundin einen Trichter vor das Gesicht, in den Mami anschließend genüsslich reinpissen wird. Die Kundin liebt es wenigstens im Bordell die Wehrlose zu sein. Denn in ihrem Alltag hat Hanna von Stezewitz (Amira Casar) schwarze Lackklamotten an ihrem Körper und eine Fotografie von rohem Fleisch an der Wand. Mit eiskalter Arroganz thront sie über einem mächtigen Modeimperium. Unschuldslämmer wie ihre kleine Praktikantin widern sie bloß an. Nur zu verständlich, dass jene zunächst verbal und anschließend vaginal mit einem Monsterdildo traktiert wird. Falls es deshalb Ärger geben sollte, steht Hannas Assistent Boris (Winfried Glatzeder) bereits mit einem Koffer voll Geld parat.

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Der diesen Boris verkörpernde Schauspieler Winfried Glatzeder begleitete seine Diva auch zum 8. Lichterfilmfest nach Frankfurt am Main, wo Der letzte Sommer der Reichen am 20. März 2015 lief. Die Diva war in diesem Falle der österreichische Filmemacher Peter Kern, der per Rollstuhl in das ebenerdige Flohkino „Eden“ in den E-Kinos fuhr. Kaum waren sie angekommen, verabschiedete sich Winfried Glatzeder bereits wieder für die Dauer des Films mit den Worten: „Wenn ich mir jetzt einen antrinken gehe, dann ist das nur, weil ich den Film bereits kenne.“ Eine andere Begleitperson fühlte sich – offensichtlich aufgrund des winzigen Vorführraums – verpflichtet darauf hinzuweisen, dass sie den Film in Berlin vor 800 Zuschauern gezeigt hatten. Berlin: Das muss die Berlinale gewesen sein. Doch dort war mir dieses Juwel natürlich entgangen. – Wahrscheinlich hatte ich stattdessen gerade mal wieder irgendeinen halbgaren Wettbewerbsfilm geschaut…

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Der letzte Sommer der Reichen ist eine wunderschön atmosphärische und zugleich bitterböse Gesellschaftssatire, die dem elitären Wiener Großbürgertum und dem ganzen globalisiertem Kapitalismus kräftig die Lack-Stilettospitze in die blasierte Fresse kickt. Hanna von Stezewitz ist Peter Kern zufolge „eineTeuflin“ und als eine solche trägt sie selbstverständlich – Chanel: Die ehemals für das Haute-Couture-Haus als Model tätige Schauspielerin Amira Casar hat es geschafft, dass ihre gesamte Garderobe im Film von Chanel entworfen und gesponsert wurde. „Ich musste hingegen Schuhe tragen, die drückten und eine Hose, die nur notdürftig mit einer Nadel zusammengesteckt war, aber das war Peter vollkommen egal“, bemerkt Winfried Glatzeder. Peter Kern schmunzelt nur schelmisch. Es ist ihre besondere Art von Humor, die ihn und seinen Stammschauspieler verbindet. Tatsache ist, dass das österreichische Original für sehr wenig Geld immer wieder Filme dreht, die nicht danach aussehen: „Mal habe ich 100.000 €, mal habe ich 300.000 €. Aber ich arbeite immer nur mit erstklassigen Leuten, darauf lege ich Wert!“

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Die von Amira Casar (Romance 2 – Anatomie einer Frau) verkörperte Hanna von Stezewitz ist ein charismatisches Monster, das zunächst nur deshalb ein Minimum an Sympathie erheischt, weil sie von noch ekelhafteren Zeitgenossen umgeben ist. Da ist zum einen Hannas bettlägriger Vater („eine alte Nazisau“), von dem sie bald endgültig dessen gesamtes Wirtschaftsimperium zu erben erhofft. Und dann ist da der große Pulk an Schmarotzern und an Speichelleckern, den Hanna nur verachtet („Sag mal, deine Sitznachbarin ist doch von der Presse: sag ihr ich gehe jetzt aufs Klo, um mir eine Line Koks reinzuziehen“). In Der letzte Sommer der Reichen lässt Peter Kern ein Panoptikum von Antipaten aufmarschieren, dass es eine wahre Freude ist. Nur die aufopferungsvoll Hannas Großvater pflegende Nonne Sarah (Nicole Gerdon) wirkt inmitten dieses geldgeilen gesellschaftlichen Aussatzes, wie ein Wesen von einem anderen Stern.

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Kein Wunder, dass ausgerechnet diese schöne Nonne Hannas lesbische Leidenschaft entfacht. Einerseits ist es eine sexuelle Anziehung, wie in Die Schöne und das Biest. Zugleich offenbart sich in dieser unwahrscheinlich anmutenden Beziehung jedoch auch sehr deutlich, was ansonsten nur sehr vereinzelt durchzuscheinen vermag: Hanna ist wirklich eine absolut skrupellose Bestie, aber darüber hinaus besitzt sie auch einen sehr empfindsamen und verletzlichen Kern. Doch dadurch wird sie selbst angreifbar. Denn in dieser Welt ist bei weitem nicht nur sie alleine schlecht. Der diskrete Charme der Bourgeoisie war gestern. Heute wird mit deutlich härteren Bandagen gekämpft. – Passenderweise lief Der letzte Sommer der Reichen auf dem 8. Lichterfilmfest in Frankfurt in der Themenreihe „Geld“. – Die Tatsache, dass die feierliche Einweihung der EZB zwei Tage zuvor in ein Flammeninferno ausartete, erscheint da fast schicksalhaft…

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Ich lebe und schreibe in Frankfurt am Main.

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