Filmtagebuch einer 13-Jährigen #20: Armando Bo + Isabel Sarlí

Von  //  4. April 2018  //  Tagged: , , , , , ,  //  1 Kommentar

0k„It is the pursuit of beauty in things and people that is the journey – the real journey. I was happiest when I sought beauty in words and music and images. I was happiest in movies or in the middle of a symphony–whatever allowed the mind to ponder all that was possible and glorious. The world, I suppose, is the result of actions taken by people possessed of an image or an idea, and the world I care most about is constructed from those images that reminded someone of the beauty and the nobility of people. I’m back on the job of looking for this beauty, and nothing is safe from my eyes and my ears. I want to find and host the beauty of the world.“ (Tennessee Williams in einem Interview mit James Grissom)

vlcsnap-2012-05-15-12h46m46s236-150x150Mein Filmsommer 2017 war tennesseewilliamsmäßig schön und nobel. Ich sah verständnisvolle, besonnene Männer und spektakuläre argentinische Busenfrauen, fantasievolle Bikinis und atemberaubende Kleider, Wälder und Blumen, triste Kinder und süße Hunde, Western und Schlager, Mief und Plüsch. Es gab alpine, hochherzig sentimentale Heimatfilme, liebliche Rührung, verzweifelte Melodramatik, tragische Nymphomanie, sexuelle Verrücktheit, vergebliche Selbstrettungsversuche. Tapeten und Nippes, Surrealismus und Märchen. Es gab (nicht nur in Filmen) eigenartige und weichherzige Leute, die sich originell und unerwartet verhielten. Das Terza Visione (über das ich im 1. Teil dieses Sommer 2017 Dreiteilers berichtet habe), die Frankfurter Armando Bo Retro und das Il Cinema Ritrovato in Bologna hatten den liebevollen und kundigen, weichen, weiten, vielfältig durchmischten Blick auf Filme und das Leben, den ich suche, seit ich Fan der Nürnberger Hofbauerkongresse wurde.

z „Tropische Sinnlichkeit – Hommage an Armando Bo und Isabel Sarli“, 18.-20. August 2017, Filmkollektiv Frankfurt – Projektionsraum für unterrepräsentierte Filmkultur e.V. Die legendäre Frankfurt-Bockenheimer Uni: Das betont sachliche, etwas unbequeme Flair der Sechziger Jahre. Wandparolen von Klassenkampf und sexueller Befreiung. Während der folgenden Tage im großen Kino- und Festsaal stelle ich mir immer wieder vor, es wäre 1969, und ich wäre ein Gastarbeiter, der sich im Kulturverein erotische Filme aus seiner Heimat ansieht.

Doch zuvor: ein Empfang! Der argentinische Honorarkonsul – ein lässiger Mann um die vierzig mit genießerischen Gesichtszügen und freudigem Grinsen – hält als Schirmherr eine gutgelaunte Mini-Rede und macht sich dann, genau wie wir, über die argentinischen Teigtäschlein und den Rotwein her. („Honorar“ hat nichts mit Honorar zu tun. Im Gegenteil.)

Bekannte und Freunde von mir haben dieses zweieinhalbtägige Festival mit viel Einsatz auf die Beine gestellt: Gary Vanisian und seine Kollegen und Kolleginnen vom Filmkollektiv Frankfurt plus Andreas Beilharz und Christoph Draxtra vom Hofbauerkommando Nürnberg 1zeigen zehn 35mm-Filme des in seiner Heimat sehr beliebten, hier aber fast gänzlich unbekannten argentinischen Regisseurs, Schauspielers und Musikers Armando Bo (1914-1981) und seiner Geliebten Isabel Sarlí (*1935). Sarlí spielt in seinen Filmen (außer im traurigen Fußballfilm „Lederball“) die Hauptrolle, oft neben Armando und/oder seinem Sohn Victor (*1943). Sechs Filme wurden für dieses Festival untertitelt. Sechs Film-Unikate flogen als Leihgabe des nationalen Filminstitutes in Buenos Aires über den Atlantik. Nun, da sie ihre nackten Füße auf europäischen Boden gesetzt haben, würde ich sie am liebsten nie mehr von hier weg lassen.

Der Regisseur John Waters ist Bo&Sarlí-Fan und macht sich lange schon für ihre Filme stark. Vor dem Start des Festivals schauen wir uns den kurzen Youtube-Film an, in dem er sie den Zuschauern ans Herz legt.

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Ich bin der Vielheit einer Frau begegnet. Sie wächst in den Tropen und ist verbunden mit der ganzen Welt. Ihre Wurzeln reichen zu den Erdgeistern und Dämonen, ihre Gliedmaßen umarmen Waldarbeiter, Bürgermeister, Schuster, Binsenpflücker, Holzbarone, Wirte, Haushälterinnen, Rebellen und Reaktionäre. Sie ist eine bewusstseinserweiternde, fleischige Mangrovenpflanze mit unendlich vielen Zweigen und Blüten. Eine vielgestaltige Dschungelgöttin. Sie hat Flügel (das sagt sie über sich in „Tropische Sinnlichkeit“) und Brüste wie zwei Tauben (so besingt sie ein Troubadour). Sie liebt den Vater, den Sohn und die Heiligkeit des Wassers und der Tiere. Auf ihren Armen hocken Papageien, vlcsnap-2012-05-15-12h59m16s52zwischen ihren Schenkeln galoppieren Hengste, ihre Hände kraulen grob die Nackenfedern bunter Aras und die Löckchen weißer Pudel. Ich sah sie in Iguacu, wo sie vor den Fällen nackt im Wasser spielte. „Nichts liebt sie wie die Sonne und das Meer, und schwimmen tut sie wie eine Fregatte“, staunen ihre Geliebten. Sie stand auf einer Brücke am Panamakanal, watete durch Sümpfe, servierte im Bikini in einer Provinzkneipe hungrigen Männern „Mondongo“, ein billiges Gericht aus Rindermägen. Man traf sie bei dem Obelisk im Zentrum von Buenos Aires. Sie schlief im Flugzeug nach Paris, gehüllt in eine Pan-Am-Decke, der Eiffelturm schwebte in ihr Hirn. Ich sah sie in Panama auf einer Party, sie tanzte mit frenetischen, verrückten Leuten. Manchmal streckte sie aus Übermut die Zunge raus – selten und liebreizend; man rechnet nicht mit diesem schlichten Schalk bei dieser imposanten Frau. Kann sein, dass man sie und ihre Filme anfangs für befremdlich, ungelenk, vielleicht sogar ein bisschen simpel hält. Aber man täuscht sich; sie haben Millionen von Facetten. Ich lernte ihre Freunde kennen: den hochnäsigen, schnippischen und doch gütigen schwulen Butler. Coca, den kugeligen Komödianten mit dem Blumenpyjama, der lustig mit ihr tanzte und durchs Bett rollte 4wie ein wonniger Stoffball. Ihre verhärmte, tragisch in sie verliebte Haushälterin. Und ihre Blutsverwandten, die würde- und geheimnisvollen Guarani-Indianer, aus deren Stamm sie einst, als Teeniemädchen, von gierigen weißen Großgrundbesitzern entführt wurde. Ich sah ihren stolzen Hengst Fiebre. Das kuriose Faultier, Haustier in einer Bar. Aber auch das Arbeitgeberschwein Max Forkel auf seiner verfluchten und verruchten Hacienda. Und ich hörte die Musik! Bontempi-Orgeln, Los Paraguayos, Upa Neguinho, Edmundo Ros. Ihre Verehrer bezahlten Musikanten, um vor ihrem Fenster Loblieder und Balladen zu singen, Schmerzlieder voller Schmelz und Schalk und südamerikanischer Königlichkeit. Die Glut und Schönheit männlichen Harmoniegesanges!

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Download Ihre Kleider. Raffiniert geraffte Futterale, die sie so prachtvoll aussehen lassen wie ein Präsent-Osterei in Glanz- oder Blümchenpapier; ihre Brüste beben in den Körbchen wie zwei übergroße, unruhige Herzen. Ausgeklügelte Schnitte bringen ihren Busen auf fast waagrechten Ausstellungsflächen in Stellung und zur Geltung. Beim Schwimmen trägt sie einmal einen „Monokini“, den berühmten, von Rudi Gernreich kreierten Oben-ohne-Badeanzug, bei dem die Spitzen der sonst nackten Brüste mit zwei Stoffpunkten abgeklebt werden. In „Desnuda en el arena“ trägt sie in einem panamaischen Nachtlokal (sie muss dort als Stripteasetänzerin das Schulgeld für ihren kleinen Sohn zusammenkratzen)einen Goldbrokatbikini mit String-Tanga. Download Seine immense erotische Ausstrahlung lässt sich an keinem schneiderischen Detail festmachen; es ist Magie: ihr Körper, der Bikini, ihre Bewegungen darin. Oft trägt sie auch Stiefel und Pelze („die Uniform der ausgehaltenen Frau“, las ich, als Zitat, bei Georg Seeßlen); ihre Lippen werfen sich mondän, blasiert darüber auf. Sie wurde mit der erwachsenen Liz Taylor verglichen, und wirklich hat sie in manchen Rollen die gleiche unbefriedigte und nervöse Gier nach Huldigung, Konsum und Luxus. Es soll sie entschädigen dafür, dass die von anderen definierte Welt zu klein, bedeutungslos und pisselig ist für ihre urgewaltige Natur und ihre ungeheuren Gefühle.

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2 Fuego Plakat a Wohin mit dem Gefühl? Ein Übermaß drückt sich aus in ihrem Leib und den auf ihn geschriebenen Geschichten. Wie auf dem Plakat zu „Fuego“, fächert sie sich auf, in ein Kaleidoskop weiblicher Sexualität, mit unendlichen Spiegelungen und psychedelischen Effekten. In jedem Film ist sie ein bisschen anders und geht die Lust und Liebe anders an. Manchmal hält sie ihr Herz fest und liebt nur maßvoll. Beherrscht ihre sexuellen Bedürfnisse und spielt und schachert mit denen der Männer. Sie kriegen ihre Gegenwart und ihren Körper, sie kriegt die Pelze, Autos, Reisen: eine Verehrung, für die sie sich was kaufen kann. In anderen Filmen liebt sie selber leidenschaftlich und versucht, ihren Geliebten vor ihrer promisken Schattenseite zu schützen, indem sie ihn belügt oder verlässt. Einmal lässt er sich nicht wegschicken; er bleibt und steht es mit ihr durch und bringt sich um, als sie sich umbringt. Mal tötet sie im Wahnsinn die Männer, die sie liebt. Mal nimmt sie die Erotik mit Humor, mal verteidigt sie sie gegen die Welt. Viele Versuche, mit Sex – dem eigenen und dem der Männer – umzugehen. Die Filme spielen alle durch. Und keiner findet eine Lösung. In ihr ist und bleibt eine gewaltige, existenzielle, unbeantwortete Forderung nach einem Leben in Freiheit. Freiheit der Brüste, der Frau, des Mannes, der Sexualität.

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Kolportierte Abenteuer. Ich fühle mich mit ihr verbunden. Im Bilderbogen ihrer Filme wiederauferstehen und verklären sich die Lieferungen von Second Hand Illustrierten, von denen wir Kinder der 60er/70er Jahre uns ernährten. Wochenend, Praline, Quick, Stern, Bunte, Reader’s Digest, National Geographic: Das war die kolportierte Weltmischung, das multikulturelle Color-Rado, das uns antörnte und neugierig machte. Das war die Wahrheit, die man uns in unserem Alltag aufgrund unserer Jugend noch vorenthielt über die große, weite Welt: Sie war naiv und glanzvoll, aufregend und schmuddelig, erschreckend und sexy. Alle Männer und Frauen waren heiß und interessant, animalisch und vergnügungssüchtig, vom Playboy bis zum Bauarbeiter, von Liane aus dem Dschungel bis zur hysterisch rauchenden und rauschenden Society Lady in Pelz und Glitzer.

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* * * * * * * * * In den Sechziger Jahren war Isabel Sarlí ein Nationalsymbol. Auch andere Länder feierten das Aufblühen des stolzen, obszön ins Auge springenden, animalischen, erotischen „Weibes“. Besonders Italien. An Italien denken Armando Bos Filme überhaupt gerne; in einigen Dialogen vergleichen Männer Sarlí mit italienischen Filmstars. Man spürt die Verve italienischer Brot-, Liebe-, Ehe- und Scheidungskomödien in ihnen und ihren flirrend überdrehten Männern, die vor schwärmerischer Aufregung außer Rand und Band geraten (einmal vergleicht einer Sarlí mit einem Schmortopf). Manche der älteren, schwarzweißen Filme von Armando Bo schließen sich dem Neorealismo an. Am schönsten aber finde ich es, wenn sie sich ihr eigenes Genre mixen: mäandernde Erzählungen, sommerlich bunt und tropisch schwül, ohne gemäßigte Zonen, mit unvorhersehbaren Verläufen. Die Männer werden nicht durch Denken klug, sondern durch plötzliche Einsichten und Stimmungsumschwünge inmitten ihrer emotionsgesteuerten Handlungen, kurz bevor sie einen Fehler machen wollen. Und bei Sarlí darf man ja sowieso mit allem rechnen. Es wird nicht langweilig mit ihr.

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„Embrujada“. Als Mädchen hat sie ein reicher Mann ihrem Indianerstamm entrissen, entführt und zu seiner Frau gemacht. Sie musste bei ihm bleiben und wird nun verrückt vor Sehnsucht nach dem mythologischen Spirit ihrer Angehörigen, nach sich selbst und der Natur. Sie möchte gern ein Kind, ein schönes, blondes Kind, murmelt sie im verzweifelten Wahnsinn, während sie eine Puppe an ihr Herz drückt. Der Waldarbeiter Juan (Victor Bo) verliebt sich in sie, versteht sie, will sie retten… Victor Bo ist ein auffälliger Mann; er hat diese pralle und doch weiche, gleichsam schmelzüberzogene Konsistenz, wie Sascha Hehn oder der junge Götz George und spielt in vielen Filmen seines Vaters ihren Geliebten. Ich hab bei Hard Sensations vor einigen Jahren einen längeren Text mit vielen Screenshots über „Embrujada“ geschrieben. 10/10

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In „Tropische Sinnlichkeit“ wird Sarlí aus dem Auto eines über ihre Untreue erzürnten Liebhabers an einen malerischen Palmenstrand geworfen, wo sie der Wirt eines Büdchens aufliest. Die magnetische Ausstrahlung der wollüstigen Frau ruft auch hier bei allen Männern leidenschaftliche Gefühle und starke Reaktionen hervor. Sie sagt es jedem gleich zu Anfang: „Du kannst nicht auf meine Treue rechnen. Ich bin ein Vogel. Vögel müssen frei sein.“ Auf dem Tiermarkt lässt sie die Vögel aus den Käfigen. Niemand kann sie besitzen. Aber die Männer steigen ihr nach, erheben Anspruch. Schließlich hält sie sich von ihnen fern und geht auf einer abgelegenen Plantage als Kokosnussschälerin arbeiten, um ihren Trieb zu mäßigen und dem der Männer zu entkommen. Aber sie lassen sie nicht in Ruhe. Auch der, in den sie sich verliebt und der sie liebt, sagt wie alle: So wie du bist, kann man nicht sein, darf man nicht leben. Am Ende geht sie fort. Doch das wird ihr Problem nicht lösen. 10/10

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Den ganzen Film „Naked“ lang trägt Sarlí ein einziges, geniales Kleid: eine zarte Hülle, am Busen durch Schnüre verstellbar, mit einer katastrophentauglichen Flexibilität und Passform. Sie schläft darin auf dem Boden einer Waldhütte, schwimmt durch Brackwasser, überlebt Vergewaltigungen. Wenn es verrutscht, reicht ein kurzer Ruck und alles sitzt wieder an seiner Stelle. Nur sonst sitzt nichts an seiner Stelle in diesem dunklen, harten Dschungelfilm noir. 00a Wieder ist sie eine Frau, deren Appeal die Männer um den Verstand bringt. Doch auch sie selbst ist unvorsichtig, sexualisiert, benommen. Sie ist von einer Yacht in einen Fluss gefallen und schließlich, verirrt und entwurzelt, im Wald gelandet bei Flussarbeitern, die Binsen sammeln. Auch hier laufen die Reaktionen auf sie aus dem Ruder; sie kann sie nicht steuern oder sich und ihren Geliebten José Maria (Armando Bo) vor ihnen schützen. Wie eine selbstversunkene Sumpfblume sitzt sie auf seinem Kahn, lehnt an einem Baum; José bittet sie, sich mehr anzuziehen, um seine ausgehungerten und verrohten Kollegen nicht so zu erregen. 1ac Es kommen viele solcher Männer vor in Armando Bos Filmen. In einem, dem Rebellenfilm „Der Donner zwischen den Blättern“, sagt Victor Bo: „Wenn die Umstände schöner und besser wären, wären auch diese verwilderten Männer schöner und besser.“ José ist aber besonnener als sie. Ein introvertierter, unbewusst attraktiver Mann, der in der Herrgottsecke seiner primitiven Hütte betet und die schöne Dahergelaufene wie einen Kumpel behandelt. Das verwirrt und reizt sie. Eines Tages bietet sie sich unverhohlen an, nackt hinter einem aufrechten Bündel Binsen, das sie kokett als Fächerwand benutzt. „Bist du verrückt?“, fragt er sie frostig und will unbehelligt bleiben. „Ich bin eine Frau!“, antwortet sie. Er liebt sie von Anfang an. 8,5/10

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„Die Frau des Schusters“ Am Ende hält eine triste Bimmelbahn am Bahnhof ihrer kleinen Stadt, aber Sarlí ändert plötzlich ihren Plan und fährt doch nicht mit. Das freut ihren viel älteren Mann, der verrückt nach ihr ist und versessen darauf, sie auszuhalten. Als sie mit ihm heimgeht, lehnt Armando Bo aufreizend salopp an einem Pfeiler. Ihre Hand hinter dem Rücken versteckt, winkt sie ihm heimlich zu, während sie mit ihrem Ehemann voranschreitet. 8/10

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„Desnuda en el arena“ Herzzerreißende Tränen weint sie beim Abschied von ihrem kleinen Sohn. Sie muss nach Panama, im Goldbrokatbikini in einem Nachtclub tanzen, um das Geld für seine Schule zu verdienen. Zum Glück gefällt es ihr dort. Aufgekratzt kauft sie exotische Kimonos in einem Chinaladen – „es ist hier alles so billig!“ – besichtigt den Panamakanal, schäkert mit Coca, dem komischen, dicken, kleinen Mann, der sie verehrt, tanzt herzerwärmend ausgelassen auf einer schönen Party und kehrt als feine, reiche Frau zurück zu ihrem Jungen, der sie glücklich in die Arme schließt. Leider erinnere ich mich nur an diese wenigen, leuchtenden Fragmente. Der Film war sehr hübsch und wurde, anfangs melodramatisch, immer leichter. In meiner Erinnerung ist er zu sehr mit anderen Armandofestivalfilmen verschmolzen, aber wenn ich ihn noch mal wiedersehe, schreibe ich ihm einen eigenen Artikel. 9/10

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„Fiebre“ Ich kam zu spät, aber ich mochte das, was ich noch von ihm sah. Er wirkte wie eine Lupe. Als kehrte er dorthin zurück, wo die Filme sonst nicht lange haltmachen können, weil sie es sich verbieten (müssen) oder weil die Handlung weitergehen will. Und er schaut sich das, in einem rauschenden und repetitiven Loop, noch einmal genau an: den Sex an sich, und was er mit einem macht, wenn man obsessiv gebannt ist, und nichts anderes mehr im Kopf hat. Fiebre 1aDie Zeit steht still. Das Wiehern ihres Hengstes Fiebre dröhnt heiser aus seinem großen, wilden, starken Körper wie die Verklanglichung dessen, was die inneren Organe in Erregung fühlen. Es fährt in Sandra (Isabel Sarlí) und befeuert als mächtige Verstärkung ihren Sex mit Männern. Ich versuchte, das einem von „Fiebre“ nicht so überzeugten Kollegen nach dem Film auseinanderzusetzen. Er hörte mir zu, überlegte einen Moment und wieherte mir leise ins Ohr. 8/10

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„Fuego“ Diese wahnsinnige Läufigkeit. Laura (Isabel Sarlí) wälzt sich nackt im Schnee der Anden, heiß und innig mit ihrem geliebten Mann Carlos (Armando Bo), aber nichts kühlt und beruhigt ihre sexuelle Sucht. Sie führt ein aufreibendes nymphomanes Doppelleben. Wenn ihr Mann nicht zuhause ist, geht sie auf die Straße, aufgedonnert wie ein Schrei. Zitternd und schwankend, konvulsiv zuckend, in dem verzweifelten Wissen, immer wieder diesen Fehler zu machen, stakst sie auf männliche Passanten zu und öffnet den Augen und Schwänzen ihren Pelzmantel. Sie präsentiert ihre Brüste wie ein obszönes Geheimnis, eine verbotene Droge. Nicht jeder will sie. Viele schütteln den Kopf, machen hinter ihrem Rücken eine „Sie ist verrückt“-Geste, während Laura suchend weiterzieht. Ein Mann (Miguel A. Olmos, der in „Embrujada“ den gierig-gemein-interessanten Waldaufseher Peralta spielte) nimmt sie in seinem Auto mit in den Wald. Sie windet sich unter einem Baum wie eine heiße Katze. Als er fertig ist, läuft er von ihr weg wie vor dem Teufel, stolpernd, hinfallend, sich wieder aufrappelnd.

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Als Carlos hinter ihre Geschichten kommt, ist er sehr eifersüchtig. Er schreit die ertappte Hausangestellte Andrea (Alba Múgica) an, sie sei pervers und nutze die Schwäche seiner neurotisch kranken Frau aus. Andreas spitzes, verzweifeltes Gesicht wird heroisch groß, als sie sich wehrt und sagt:Fuego 4 „Ich bin nicht anders als du. Ich liebe sie. Ich habe ein Recht, zu lieben.“ Der Blick der Kamera gleitet von ihr weg, bis sie an den Rand gerät und verschwindet. Laura und der Hauselektriker. Carlos will ihn erschießen. Oder sie. Oder beide. Mitten in der Rage lässt er die Waffe sinken. Und wirft nur dem Rivalen seine Hosen nach.

„Du darfst alles. Du darfst mir untreu sein, so lange du mich liebst. Geh nur nicht fort“, sagt er zu ihr, nach vielem Schmerz und Zorn und Nichtverstehenkönnen, bebend vor einsichtiger Ergriffenheit und Liebe. Ich sah zur Seite, zu einer Kollegin, die neben mir saß. Ihr zartes, klassisches, todtrauriges Picassofrauenprofil. Wir waren im gleichen Moment nah dran, zu weinen.

Das ist der größte Film der vielen großen Filme dieses leuchtenden kleinen Festivals. Größer als das Leben es meistens erlaubt. Ich hatte die emotionale Genauigkeit und den Ernst dieses Psychogrammes nicht erwartet. Es ist, als ließe der Exploitationfilm hier seine märchenhafte, heftchenhafte Maske fallen, die sonst, auch für ihn selber, seinen inneren Gehalt, seine furchtbare Lebendigkeit und Wahrheit verbirgt.

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Carlos fährt mit Laura voller Hoffnung nach New York, zu einem Spezialisten, einem berühmten Frauenarzt, der ihr vielleicht helfen kann. Während wir sie bisher hysterisch, tragisch und emotional wie Liz Taylor erlebt haben, blüht sie auf der Reise auf und wirkt in New Yorks ultra-aufregenden 70er Jahre Straßen wie ein privates, glückliches, junges Mädchen, das in ihrer staunenden Freude über diese große und verrückte Stadt mit einer Heimkamera gefilmt wird.

Aber sie kann sich nicht entkommen. Sie hat das Problem, das sie für sich und andere ist, in sich, egal, wo sie sich aufhält. Auch hier steigt sie wieder in das Auto eines zufälligen Passanten.

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Später, auf dem Dach eines Hochhauses in Manhattan, ein Schlagzeugsolo tost um ihren Kopf: ihr verzweifeltes Gesicht in Großaufnahme, sie will in diese Straßenschluchten runterfliegen. Ihr Mann kommt rechtzeitig hinzu, um sie in die Arme zu nehmen. Der Arzt, zu dem sie dann gemeinsam gehen, nutzt, entgegen meiner sexfilmgeprägten Erwartung, die Situation nicht aus. Selbst als sie sich bei seiner sachlich-medizinischen Untersuchung vor unerträglicher Erregung windet. Sie kann das nicht verbergen, nicht beherrschen, und schämt sich dafür sehr. Die arme Frau. Sie tat mir so sehr Leid.

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Nach all den Filmen vorher, in denen so viele mögliche Antworten auf die Frage „Was tun mit diesem Trieb?“ durchgespielt worden waren, nun der Zusammenbruch der Spiele und Strukturen. Nur noch die pulsierende, blutende, nackte, unendliche Wunde. Selbst der Wahnsinn hilft ihr nicht. Alle Orgasmen, die sie sich durch ihre Mitmenschen verschafft, können es nicht stillen, es nicht heilen. Es hört und hört nicht auf. Sie erträgt sich nicht mehr. Große Mohnblumen in seinem Strauß an ihrem Grab, blutrot, berauschend, voll geöffnet. 10/10

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Die Filme des Festivals „Tropische Sinnlichkeit – Hommage an Armando Bo und Isabel Sarli“ beim Filmkollektiv Frankfurt:

Die Verwunschene/Embrujada (1969-76)
Tropische Sinnlichkeit/Lujuria tropical (DF, 1964)
Die Ehefrau des Schusters/La mujer del zapatero (1965)
Nackte Haut auf weißem Sand/Desnuda en la arena (1969) 0b
Der Donner zwischen den Blättern/El trueno entre las hojas (1958)
Im Fieber verbotener Lust/Fiebre (1972)
Lederball – Geschichte einer Leidenschaft/Pelota de cuero (1963)
Frau Bürgermeister/La senora del intendente(1967)
Brennende Begierde/Fuego(1968)
Naked/La tentacion desnuda (1966)

Hier geht es zu einem kleinen Special über Isabel Sarlí im Deutschlandradio Kultur.

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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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