Nico, 1988

Von  //  19. Juli 2018  //   //  Keine Kommentare

Bulletins der Vergeblichkeit. Die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli erzählt das Ende einer teutonischen Princess of the Dark als ganz traurige Geschichte.

Dachte man an Nico in der Nacht, war man um den Schlaf gebracht. Geschichten, die immense Vorräte bereithielten und eine komplette Ikonografie lieferten und sich deshalb von der Pubertät bis zum Ende der immer weiter herausgeschobenen Jugend jahrzehntelang erzählen ließen, beweisen in der Gegenwartsperspektive mitunter nur noch die abstoßende Haltbarkeit von Schrumpfköpfen. Nichts altert schneller als eine Avantgarde. Die absolute Moderne von gestern ist heute schrecklich alte Mode.
Frauen, die als Mädchen den Nico Look kopierten, haben das Rentenalter erreicht. Ich finde, das vor allem zeigt Susanna Nicchiarellis Nicos Todesjahr 1988 im Titel führender Film. Die Voraussetzungen des Begreifens der weltweiten Faszination für Pop und für die Heroinnen des Pop sind abgeschmolzen wie mancher Gletscher. Nicchiarelli schildert den Rest vom Schützenfest und das Ende vom Lied als Rummelplatz Saga – ein Defilee der Heruntergerockten, die nicht das Glück hatten in Jims & Jimis 27er Club aufgenommen worden zu sein.
„Jung stirbt, wen Götter lieben!“ Lord Byron
Nico altert verbissen im Kino. Trine Dyrholm spielt sie mit mehr Maggie statt Magie. Das passt insofern, als Essen eine enorme Rolle spielt nach dem Hunger im Krieg, der seine eigene Trümmerrückblende mit dem Rolling Thunder Sound of Freedom im Luftraum über Deutschland hat, und nach dem Diätterror als Mannequin.
Nun findet die Künstlerin des Jahrgangs 1938 es richtig, mit ihrem bürgerlichen Namen angesprochen zu werden und als Christa Päffgen Richtigstellungen wie Bulletins der Vergeblichkeit herauszugeben. Die Party ist zu Ende, die historische Wahrheit egal. Trotzdem berichtet Nico: Auch bei Velvet Underground sei sie zum Schönaussehen bestellt gewesen und nicht als Autonome mit artistischen Sprengsätzen im Bereich ihrer Möglichkeiten. Für ihre Potenz habe es neben Lou Reed keine angemessene Verwendung gegeben.
Einmal sieht man Andy Warhol als Referenz für Nicos kulturgeschichtliche Bedeutung und begreift die Wut einer vergangenen Schönheit. Während Nico mit jedem Modell, das sie verkörpert und als Paradetypus einer Ära stilisiert, aus den Sechzigern und Siebzigern herausgeschnitten wird, behält Warlord Warhol über seinen Tod hinaus eine unantastbare Persönlichkeit.
„Ich war ganz oben und ganz unten und beide Plätze sind leer.“
Nico möchte nur über die eigenen Lieder reden. Sie war ein paar Mal die erste, als Supermodel, Punkvorlegerin, mit „The Marble Index“ und Leonard Cohen.
Schon 1960 hatte sie sich selbst in Fellinis „La Dolce Vita“ gespielt, doch in der Gegenwart der Handlung und im Vorraum des Todes weiß sie kaum noch, wer das war. Nico geistert um ihren Sohn Ari, der so süchtig wie sie, oft dabei ist, wenn wieder etwas schief geht zwischen Konzerten in beschämenden oder zumindest absurden Zusammenhängen und anderen Notständen. Die Familie tingelt hinter den Eisernen Vorhang ans Schwarze Meer. In Rumänien tritt Nico mit einer Hotelband auf. In Prag hat sie einen illegalen Gig in einer Schule. This is the end / Beautiful friend / This is the end / My only friend / The end / Of our elaborate plans, the end / Of everything that stands, the end … Jim Morrison

„Nico, 1988“, Italien/Belgien 2017. Regie: Susanna Nicchiarelli. Mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca

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