The Cakemaker

Von  //  6. November 2018  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

Stille Wucht

Eine Oma hat ihn aufgezogen, irgendwo in den Sümpfen Brandenburgs, wo nun wieder Wölfe heimisch sind und Geheimrezepte für Zimtkekse kursieren. Es muss da auch eine halbgöttliche Konditormeisterin geben, bei der Thomas sein Handwerk lernte, bevor er nach Berlin ging und das Café Kredenz eröffnete – mit dem Leuchtturm des Berliner Ostens im Sichtfeld.
Thomas liebt seine Arbeit. Eine Leidenschaft des Konditors und Caféwirts gehört dem Teig. Die libidinöse Bindung erzeugt Abhängigkeiten auch bei den Gästen. Ein Liebhaber der Torten wird zum Liebhaber des Konditors. Die beiden sehen sich einmal, manchmal zweimal im Monat, und das ist das Resümee eines Bescheidenen: „Ich habe dich einmal im Monat. Ich habe das Café und eine Wohnung.“
Später kriegt dieser Leichnam der Bedürfnislosigkeit eine Schleife des Vergleichs: „Andere werden einsam geboren und bleiben das ihr Leben lang.“
Das ist Thomas: ein Brandenburger Fleischberg, der nicht gern aus sich herausgeht und gern für sich bleibt. Ein ordentlicher Mensch. Er pflegt seine Dinge und hält sie in Schuss. Manchmal verlässt er seine Verschanzungen und dann sieht man, was für ein Brocken da am Leben vorbei radelt.
Tim Kalkhof spielt Thomas, so dass der einem nachgeht. Seine stille Wucht kriegt man nicht einfach aus dem Kopf. Sein Geliebter ist ein israelischer Erfolgsmensch und Familienvater, der geschäftlich in Berlin zu tun hat, seiner Frau stets Kekse aus dem „Kredenz“ mitbringt und den Eindruck macht, nichts anbrennen zu lassen. Vor seinem letzten Flug nach Jerusalem lässt Oren (Roy Miller) seine Schlüssel und die Präsentschachtel in der Wohnung des Geliebten liegen. Thomas telefoniert ihm hinterher. Er erreicht Oren nie mehr. Ein Autounfall nimmt ihn aus dem Spiel.
Wochen später öffnet Thomas mit einem Chip an Orens Schlüsselbund dessen Stammspind in der Umkleide eines Jerusalemer Schwimmbades. Darin findet er Kondome.
Thomas war also nicht der einzige, mit dem Oren seine Frau betrogen hat. Trotzdem wollte er mit Thomas in Berlin ein neues Leben anfangen. Die Offenbarung dieser Liebe führte zu seinem Rausschmiss, der dem Unfall voranging.
Thomas schmiegt sich an das Leben von Orens Witwe. Anat führt ein Café, sie stellt Thomas als Spüler ein. Er reüssiert mit seinen Torten und schmiert allen Honig ums Maul. Sarah Adler spielt Anat als von religiösen Vorschriften genervte, im Alltagsstress aufblühende Spröde.
Soweit die Kurzfassung einer Geschichte, die weitergeht und bis zum Schluss sehr sehenswert ist.

The Cakemaker, Israel/Deutschland. Regie: Ofir Raul Graizer. Mit Sarah Adler, Mit Tim Kalkhof, Roy Miller

Über den Autor

Alle Artikel von

Schreibe einen Kommentar

comm comm comm