DVD: Noise and Resistance

Von  //  17. September 2011  //  Tagged:  //  3 Kommentare

Julia Ostertag ist keine Unbekannte im deutschen Underground. Mit ihrer spielfilmlangen queeren Dokumentation Gender X (2005) erlangte sie erste Aufmerksamkeit auf großen Festivals wie der Berlinale und versuchte sich anschließend an einem Feature Film. Saila kreiert eine punkige Endzeitvision, gedreht in Berliner Industrielandschaften und versehen mit einem äußerst rohen Stil, der an das Cinema of Transgression irgendwo zwischen Richard Kern und Karim Hussein erinnert. Radikal in ihrer Abkehr von gängigen Seegewohnheiten ist auch die Dokumentation Noise and Resistance ausgefallen, die statt einem chronologisch-historischen Überblick über die hier geschilderte DIY-Punkszene, direkt ins Geschehen eintaucht und dem Zuschauer selbst die Aufgabe überlässt, das Ganze entsprechend zu kontextualisieren. Das Team filmte Bands hautnah und authentisch in Berlin, Spanien, Russland, Schweden und natürlich in England, begleitet winzige, energiegeladene Gigs in Hinterhöfen und hört den skurrilen Szene-Gestalten geduldig zu während diese ihre Lebensphilosophie ausbreiten.

Glücklicherweise merkt man der Montage und der Auswahl des Materials stets den Kenner-Blick Ostertags an, die offensichtlich vertraut ist mit den nahezu vollständig unbekannten Bands. Als unkundiger Zuschauer dürfte es also manches Mal schwerfallen, die Übersicht zu behalten, da zwischen Drehorten munter hin und her gesprungen wird und sich auch sonst nur schwerlich ein roter Faden erkennen lässt. Das alles hat natürlich Methode und ist wohl die einzig sinnige Art, sich den chaotischen DIY-Bands (oder dem, was von dieser einstigen Subkultur übriggeblieben ist) anzunähern und das direkte, unverschnittene Lebensgefühl dieser anarchischen Musik einzufangen. Wie dringlich beispielsweise die in Westeuropa weitgehend ausgestorbene Szen in Russland noch benötigt wird, wo sie Stellung beziehen muss gegen einen verhältnismäßig viel größeren Rechtsrock-Kult, sollte man sich vor Augen halten bevor man den leicht gestrig wirkenden wütenden Idealismus der Protagonisten bewertet.

D 2011 / Regie: Julia Ostertag & Francesca Araiza Andrade

Text ist zuerst erschienen in Moviebeta 06/11

Die DVD zum Film erscheint am 27. Januar 2012 bei Neue Visionen.

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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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3 Kommentare zu "DVD: Noise and Resistance"

  1. Marco Siedelmann 20. September 2011 um 17:16 Uhr · Antworten

    Ganz ehrlich, im Kino muss man den nun wirklich nicht sehen – wie die meisten Dokus die in deutschen Kinos laufen während diejenigen, die wirklich auf die Leinwand gehören, meist lediglich auf Festivals landen. Auf DVD tut’s der genauso, hast also nicht wirklich was verpasst.

  2. Michael Schleeh 17. September 2011 um 20:58 Uhr · Antworten

    Sehr fein, danke für den Tipp – den Film hatte ich im Kino leider verpasst.

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