Behind the Green Door: The Sequel

Von  //  22. Februar 2012  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

Gegen Ende der Seventies schlugen Experimentierfreude und Freiheitsliebe in Exzess und Desorientierung um; harte Drogen mussten helfen, high zu bleiben. Und dann AIDS, an dem auch viele Pornokünstler starben. Passé der allgemeine Traum von Love, Peace, Happiness; Hippies galten als gescheiterte Spinner. Weltgewandt-ironisch wollte man nun das Vorgefundene bejahen, auf den Wellen tanzen. Nicht mehr kiffend, sondern koksend, zelebrierte man die Integration ins System als Avantgarde-Rollenspiel. Erregung und Emotion wurden nunmehr affektiert gezeigt, unter der Maske der Parodie.

Wurde Teil 1 im Glanz geboren, so entstand Teil 2 in der Hölle gescheiterter Lebensentwürfe. Das aber merkt man dem auch fotografisch schmucken Film erstmal nicht an. Und diesmal haben wir eine unternehmungslustige junge Frau, die sich, zumindest gedanklich, aus freien Stücken in einen Sexclub begibt. Glücklich daheim nach einer spektakulär trashigen Landung, guckt Stewardess Gloria Video – natürlich den mittlerweile Hit gewordenen Originalfilm. In ihrer Fantasie landet sie im O’Farrell Theatre, dem legendären Pornokino der Mitchells und Treffpunkt der Avantgarde-Szene, in einer gigantischen Orgie der Flugzeuginsassen. War die Orgie 1972 noch Utopie einer spontan und frei gelebten Sexualität, so macht das späte Sequel den Zuschauer zum Edukanten. Da werden Kondome und Lecktücher verteilt und Ejakulationen über das Gesicht der Frau (Money Shots) vermieden. Damit grenzt der Film sich ab vom eskapistischen Videoporno der Achtzigerjahre, der die horrende HIV-Gefahr geflissentlich übergeht. Seinen erzieherischen Auftrag nimmt der Film trotz schrillem Humor sehr ernst, zu tief sitzt noch der Schock über die Plötzlichkeit und Erbarmungslosigkeit der AIDS-Welle.

Bei allen hinzugewonnenen Verantwortungsgefühlen bleiben die Mitchells aber ihren gelockerten 68er-Moralvorstellungen treu. Behind The Green Door II vermittelt, dass man sich von dieser elendigen Krankheit nicht klein kriegen lassen und verantwortlicher Umgang mit wechselnden Sexualpartnern keine Spaßbremse sein darf. Man tue, was notwendig ist – um frei von Angst und Gewissensbissen zu handeln. Wenn die Masken fallen und die Orgienteilnehmer in ihrer Lust zergehen, sind sie völlig bei sich – die anfangs paranoid zerfressene Sexualität, die die Flugzeuginsassen übernervös bis hysterisch illustrieren, verwandelt sich in selbstvergessenen Genuss. Und doch schwebt immer eine ängstliche, fast unheilvolle Stimmung über diesen Bildern lustvoll ineinander verknoteter Körper. Nicht eine einzige Standard-Nummer hat Platz gefunden in diesem extraordinären Schwellenwerk, diesem endgültigen Abschied vom Golden Age of Porn.

Von dieser neuen Reife ließ sich sogar Filmwissenschaftlerin Linda Williams beeindrucken, die den Film ausführlich in ihrem akademischen Standardwerk Hard Core: Macht, Lust und Traditionen des pornografischen Films würdigt. Zwar entwerfe Behind the Green Door II ein „nicht-integriertes Pornotopia“, d.h. Erfüllung manifestiere sich nicht in der filminternen Realität, sondern in Phantasien. Sie kommt aber nicht umhin, dem mysogynieschwächenden Film erotische Qualitäten zuzugestehen – keine Selbstverständlichkeit bei Williams` akademischem Feminismus, der wenig Sympathie zum untersuchten Gegenstand erkennen lässt.

Es ließe sich viel sagen zur überbordenden Fantasie der Dekors, der unermüdlich umher taumelnden Kamera, zu den vielen selbstreflexiven Überlegungen, die der Film hinsichtlich des Gezeitenwechsels vom Kino- zum Videomarkt einstreut, zu der exquisiten Art, Laien zu besetzen statt professionellen Darstellern, zur aufreizenden Soundspur und zur völligen Vernachlässigung gängiger Schönheitsstandards. Behind the Green Door: The Sequel ist trotz all seiner Intelligenz und seines formalen Wagemuts ein bodenständiger, aus der Hüfte geschossener Film, von dem man sich am besten selbst durchnehmen lässt.

USA 1986 / Regie: Artie & Jim Mitchell

Marco Siedelmann & Silvia Szymanski

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