Interview mit Christian Schwochow

Von  //  18. April 2012  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

Die Unsichtbare / D 2011 / R: Christian Schwochow
Die Unsichtbare / D 2011 / R: Christian Schwochow

Christian Schwochow studierte von 2002 bis 2008 Filmregie an der renommierten Filmakademie Ludwigsburg. Nach seinem Abschlussfilm Novemberkind ist Die Unsichtbare sein zweiter Kinofilm. Leider läuft er schon nicht mehr in den Kinos und auch eine DVD-Veröffentlichung ist noch nicht angekündigt – lang wird es allerdings bestimmt nicht mehr dauern, bis das mit Stine Fischer Christensen und Ronald Zehrfeld in den Hauptrollen hervorragend besetzte, psychologisch glaubwürdig geschriebene und gespielte Selbstzerfleichungsdrama in den Handel kommt. Hier geht es zu einer lesenswerten Rezension, die ich mehr oder weniger unterschreiben kann. Im Anschluss an die Sichtung (ich konnte die letzte Vorführung in Aachen wahrnehmen) hat sich die Möglichkeit für ein Ferninterview ergeben.

Hard Sensations: Die Unsichtbare scheint mir ein umfangreich recherchierter Film zu sein. Wie sahen ihre Vorbereitungen aus?

Christian Schwochow: Die Arbeit am Drehbuch hat drei Jahre gedauert. Wie bei Novemberkind habe ich mit meiner Mutter Heide geschrieben. Während des Schreibens sind wir immer wieder in Schauspielschulen gegangen, in Theater, haben unzählige Gespräche geführt. Da ich mit vielen Schauspielern befreundet bin, hat die Recherche aber letztlich Jahre vorher begonnen. Und: Im Sommer 2009 bin ich nach New York, um selbst 2 Monate Schauspielunterricht zu nehmen. Ja, und dann gab es natürlich andere Dinge, die recherchiert werden mussten: zum Beispiel die Behinderung von Fines Schwester Jule und was eine solche Krankheit für die Familien bedeuten kann. Die Schauspielerin Christina Drechsler hat sich über viele Monate auf die Rolle vorbereitet.

Hard Sensations: Möchten sie etwas zu ihrer Zusammenarbeit mit ihrer Mutter erzählen? Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Konstellation?

Christian Schwochow: Während des Filmstudiums wurde mir klar: ich will meine eigenen Stoffe erzählen – sie aber nicht allein schreiben. Das Schreiben kann so quälend und einsam sein, dieses Leid wollte ich gern teilen. Meine Mutter hat früher am Theater gearbeitet, später beim Hörfunk. Wir haben schon immer über Geschichten, über Theater, über Film und Literatur miteinander im Austausch gestanden. Und irgendwann haben wir begonnen, Geschichten zu “spinnen”, das waren ganz lockere Momente des Brainstormings. Und dabei haben wir gemerkt: Wir können richtig gut miteinander arbeiten! Warum das funktioniert? Wir haben einen ähnlichen Geschmack, und uns verbindet der Blick auf die Welt: wie wir Menschen und Themen sehen. Unser Humor ist auch oft ein gemeinsamer, außerdem müssen wir selten über Grundsätzliches wie Gut und Böse, Schwarz und Weiß diskutieren.

Hard Sensations: Auch mit den Darstellern Christina Drechsler, Ulrich Matthes oder Anna Maria Mühe haben sie bereits in Novemberkind zusammengearbeitet. Hat sich das eher zufällig ergeben oder war es eine bewusste Entscheidung wieder mit den gleichen Leuten im Team zu arbeiten?

Christian Schwochow: Einige Menschen hinter der Kamera waren wieder dabei, das ist sicher kein Zufall. Ich mag eine vertraute Atmosphäre bei der Arbeit. Meinen Kameramann Frank Lamm und mich verbindet zum Beispiel sehr viel, ohne ihn möchte ich gar nicht mehr arbeiten. Bei den Schauspielern ist das anders. ich arbeite nicht in erster Linie mit ihnen, weil wir uns kennen. Sondern weil ich finde, sie passen hundertprozentig zu der jeweiligen Figur. Aber natürlich schaue ich bei der Besetzung danach, ob ich Schauspieler besetzen kann, mit denen ich bereits gearbeitet habe. Aber es muss auch passen.

Hard Sensations: Ich selber bin zeitweise mit einem schwerbehinderten Familienmitglied aufgewachsen und halte die Darstellung in Die Unsichtbare für sehr authentisch. Spielen da auch persönliche Erfahrungen mit rein?

Christian Schwochow: Nein. Nur Beobachtungen.

Hard Sensations: Zu Frank Lamm wollte ich gerade auch kommen. Der Handkamera-Einsatz spielt in Die Unsichtbare eine wichtige Rolle. Wie eng entwickelst du das visuelle Konzept gemeinsam mit deinem Kameramann?

Christian Schwochow: Sehr eng. Frank und ich beginnen Monate vor dem Dreh mit der Arbeit. Das Konzept umfasst ja viele Fragen und Entscheidungen: Jeder Drehort wird von uns mitgesucht, jede Wandfarbe, jedes Dekor in gemeinsamer Arbeit mit dem Szenenbild bestimmt. Wir reden früh über das Temperaturspektrum des Films, wie er sich “anfühlen” wird. Was die konkrete Auflösung und Kameraführung betrifft, sind wir zum Dreh sehr gut vorbereitet. Und das gibt uns die Freiheit, am Dreh selbst alles umzuschmeißen, Dinge anders als geplant zu machen. Bei Die Unsichtbare war wichtig, den Schauspielern sehr nah zu sein und ihnen möglichst große Freiräume im Spiel zu verschaffen. Wir wollten einen körperlichen Film machen, die Handkamera hat uns dabei unterstützt.

Hard Sensations: Und ein sehr physischer Film ist es ja auch geworden. Hinter den Kulissen geht es äußerst rabiat zu. Kann man sich die Verhältnisse an einem Theater in etwa so vorstellen? Machen viele Schauspieler eine derart konfliktreiche Verschmelzung mit ihrer Rolle durch?

Christian Schwochow: Ich wollte keinen Film machen, der sagt: So ist es am Theater. Es ist die subjektive Geschichte einer jungen Frau. Das Theater ist ein wunderbarer Ort mit wunderbaren Menschen. Aber: Dieses Aufderbühnestehen, die Abhängigkeit vom Applaus und den Kritiken – das hat auch seine dunkle Seite. Ich weiß von vielen Schauspielern, gerade ganz jungen, dass sie sich nicht immer zu schützen wissen. Und dass sie für eine Arbeit, auch für die Liebe eines Regisseurs, zu weit gehen. Ja, ich kenne Schauspieler, die sich in der Arbeit verlieren.

Hard Sensations: Wir wissen immer ziemlich genau, was ihre Figuren fühlen. Wollen sie sich abgrenzen, etwa vom oft anti-psychologischen Stil der Berliner Schule?

Christian Schwochow: Das ist keine bewusste Abgrenzung. Aber – jetzt mal ganz profan gesprochen – ich empfinde das Leben als vital. Mich langweilen Figuren, die wie Zombies durch die Filme wandern.

Hard Sensations: Hat Film nicht eine ähnlich dunkle Seite, oder fordert die körperliche Präsenz am Theater mehr vom einzelnen Künstler? Könnten sie sich selbst vorstellen, mal für die Bühne zu inszenieren?

Christian Schwochow: Ach, man kann sich für einen Film schon ganz schon fertig machen. Die Arbeit an Die Unsichtbare hatte viele dunkle Momente. Vor allem in der Phase des Schreibens: wir hatten häufig das Gefühl, wir können nicht mehr, wir kriegen dieses Buch nicht in den Griff. Da waren wir dem Abgrund häufig sehr nah. Vielleicht muss man aber auch ein bißchen leiden, wenn man vom Leid erzählt. Zum Theater: Das ist eine Sehnsucht von mir. Ich würde gern für die Bühne inszenieren, ich warte gierig auf eine Möglichkeit dafür!

Hard Sensations: Anders als Novemberkind verzichtet Die Unsichtbare auf eine historische Einbettung. Wie entscheiden sie, welche Geschichte eine solche Dimension benötigt und welche nicht?

Christian Schwochow: Das kommt ganz selbstverständlich. Mit der ersten Idee ist in der Regel klar, in welcher Zeit sich die Geschichte abspielt.

Hard Sensations: Zu welchen Filmemachern sehen sie auf bzw. was schauen sie sich privat am liebsten an?

Christian Schwochow: Oh, da gibt es viele. Ich liebe Fellini, Wilder, Bergmann aber auch Spielberg und Steven Frears. In Deutschland sind mir die Filme von Andi Dresen sehr nah. aber es gibt auch einige jüngere Kollegen, deren Arbeiten ich sehr spannend finde: Johannes Naber und Jan Zabeil zum Beispiel. Ich bin sehr offen und schaue alles vom Dokumentarfilm über Tatort – am allerliebsten schau ich aber Biathlon. Das ist spannender als jeder Film.

Hard Sensations: Danke für den angenehmen Austausch, hat mich sehr gefreut.

Christian Schwochow: Das war ganz ungewohnt für mich auf diese Weise – hat Spaß gemacht!

Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde per Chat geführt.

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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